Der Gaucho Arata © Claus Hecking

Als die Kälber durchs Gatter zur Nebenweide trotten, reißt Luciano Arata sein Pferd herum. Frontal reitet er auf die Kühe zu, die ihren Jungtieren folgen, und lässt die Peitsche knallen. Verschreckt weichen die Kühe zurück, das Gatter zwischen den Weiden schließt sich. Die acht Kälber brüllen, der Rinderzüchter hat sie gerade von ihren Müttern getrennt, um sie zu entwöhnen. Arata strahlt. "Ich bin kein Bauer", ruft der 46 Jahre alte Herr der Hacienda San Francisco aus dem Sattel. "Ich bin Gaucho!" Auch wenn sich das Rindergeschäft nicht mehr rentiere.

Hier in der Pampa rund um Lobos, eine Autostunde südwestlich von Buenos Aires, weideten einst überall Angus-, Holstein-, Hereford-Rinder. "In der ganzen Welt haben sie unser Fleisch geliebt, und wir haben gut daran verdient", sagt Arata. Doch seit einigen Jahren leeren sich viele haciendas. Hunderte ganaderos, wie sie die Viehzüchter hier nennen, haben ihre Tiere verkauft oder geschlachtet, um Soja oder Mais anzubauen. "Diese Regierung hat uns ruiniert", sagt Arata, "uns und das Land."

"Was wir hier sehen, ist eine Mischung aus Kafka und Mafia"

Rinderzüchter waren einmal der Stolz Argentiniens. Heute sind sie Symbol für die Misswirtschaft von Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner und ihrer populistischen peronistischen Regierung, deren Politik aus ständiger Einmischung und Abschottung nach außen besteht. Der neuerliche Staatsbankrott in der vergangenen Woche mag zwar dem zweifelhaften Gebaren gieriger Fondsmanager geschuldet sein. Doch warum gerät ein mit Rohstoffen, guten Böden und teils exzellenten klimatischen Bedingungen gesegnetes Land in so eine Lage? "Argentinien hat so großes Potenzial", sagt Gustavo Cañonero, Lateinamerika-Chefökonom der Deutschen Bank. "Aber seine Politiker haben Probleme angehäuft, statt das Wachstum der vergangenen Jahre für eine Erneuerung der Wirtschaft zu nutzen." Und so fehlt dem Land nun das Geld, um sich mit seinen Gläubigern auf einen Kompromiss zu einigen und eine Rezession zu vermeiden.

Steaks brachten einst Devisen. Bis 2006 war Argentinien der drittgrößte Rindfleischexporteur der Welt. Rund um Lobos finden die Tiere Gräser, Kräuter und Wasserlöcher, ihr Fleisch ist saftig und aromatisch. Noch 2005 verkauften die ganaderos 770.000 Tonnen Rind nach Europa, Asien, Nordamerika und Nahost – ein Fünftel der Produktion und ein gutes Geschäft. "Der Export war unser Sahnehäubchen", sagt Arata. Doch der damaligen Regierung stiegen die Fleischpreise im Land zu stark. Also verbot Präsident Néstor Kirchner, Cristinas Gatte und Amtsvorgänger, fast alle Exporte. Die meisten Schlachthäuser durften von einem Tag auf den nächsten nichts mehr ins Ausland verkaufen. Am 8. März 2006 kam Argentiniens Rindfleischausfuhr zum Stillstand.

Fleischimporteure aus der ganzen Welt standen plötzlich ohne Nachschub da. Der politische Beschluss zerstörte Lieferketten, Kundenbeziehungen, berufliche Existenzen. Doch die Regierung blieb hart. Zweieinhalb Monate lang hielt sie das strikte Exportverbot aufrecht, erst dann lockerte sie es etwas. Die Preise im Inland müssten fallen, lautete das Credo. Alles andere sei Nebensache.

Der Rindfleischpreis ist für die Argentinier so wichtig wie der Brotpreis anderswo. Carne ist Grundnahrungsmittel der einstigen Vorzeigenation Südamerikas. Etwa 63 Kilo im Jahr vertilgt der durchschnittliche Bürger, vom Baby bis zum Greis. Macht fast ein Steak pro Kopf und Tag. Und Kirchners Populisten haben dem Volk versprochen, die "mesa de los argentinos" – die "Tafel der Argentinier" – zu füllen. Wenn Rindfleisch nicht in den Export geht, lautet ihr Kalkül, wird es daheim nicht nur billiger, es gibt dann auch mehr davon.

Drei Jahre lang ging der Plan auf. Die Kühltheken waren voll wie nie zuvor. Ein Pfund schönsten Steaks, das zuvor exportiert worden wäre, kostete zeitweise umgerechnet keine 1,50 Euro, der nationale carne- Konsum legte um 15 Prozent zu. "Wenn die Leute damals gegrillt haben, haben viele keinen Salat mehr dazugemacht, so billig war das Fleisch", sagt die Agrar-Ökonomin Nieves Pascuzzi. "Aber dann hat der Markt gedreht."

Immer mehr verarmte ganaderos gaben mit der Zeit das unrentable Geschäft auf, entließen Viehtreiber – und schlachteten mehr als je zuvor in Argentiniens Geschichte: Zwischen 2009 und 2010 sank der Bestand von 54,1 auf 47,9 Millionen Tiere. Binnen dreier Monate stieg der Preis um 70 Prozent. Und seither leiden auch Argentiniens Konsumenten, besonders arme Familien, Kirchners Stammwähler. Ende 2013 mussten sie für ein Kilo Rind etwa sechsmal so viele Pesos hinblättern wie 2006. Parallel dazu brach der Auslandsverkauf um rund 75 Prozent ein, und in der Exporteursweltrangliste stürzte Argentinien von Platz drei auf Platz elf ab. "Noch hinter Paraguay!", schimpft Züchter Arata. Laut Pascuzzis Berechnungen entgehen der Nation allein durch diesen Rinder-Wahnsinn Einnahmen von knapp drei Milliarden Dollar pro Jahr.

Dabei brauchen Cristina Kirchner und ihr Wirtschaftsminister Axel Kicillof nichts so dringend wie Devisen, um den nächsten Kollaps ihrer Währung zu vermeiden und Maschinen, Autos oder andere ausländische Güter importieren zu können. Ohne Exporte aber wird das schwierig, denn an den internationalen Finanzmärkten mag dem Land kaum mehr jemand etwas leihen. Zu oft hat Argentinien das Vertrauen der Investoren verspielt: zuletzt 2002, als sich die Regierung für zahlungsunfähig erklärte und den Besitzern ihrer Staatsanleihen später ein Ultimatum stellte, entweder auf 45 bis 70 Prozent der Rückzahlung zu verzichten – oder gar nichts zu bekommen. Viele ließen sich auf den Deal ein und verloren so insgesamt gut 50 Milliarden Dollar. Ein paar andere Gläubiger blieben hart, was vergangene Woche in den Staatsbankrott mündete. Zwar fordern diese Kläger insgesamt nur etwa 1,5 Milliarden Dollar. Doch würden sie ausbezahlt, könnten auch Gläubiger, die der Umschuldung schon zugestimmt haben, Ansprüche auf einen Nachschlag geltend machen, befürchtet die Regierung und zeigt sich unnachgiebig. Wieder mal.