Rottweil ist stolz auf seine Türme. Auf das Schwarze Tor, einen Teil der alten Stadtmauer. Auf den Hochturm, im 13. Jahrhundert als Gefängnisturm errichtet. Auf den spätgotischen Kapellenturm, mit 70 Metern das höchste Bauwerk im Städtchen. Doch keinen Kilometer weit von der Altstadt entfernt soll nun ein noch höherer, ein Riesenturm entstehen.

ThyssenKrupp, einer der größten Aufzugshersteller weltweit, will dort neue Fahrstühle testen. Schon 2016. Der Stararchitekt Helmut Jahn hat dafür einen 246 Meter hohen Giganten entworfen. Aber wozu ein solch gewaltiges Bauwerk? Und warum ausgerechnet in der ältesten Stadt Baden-Württembergs?

Der Lift ist die Schlüsseltechnologie der Urbanisierung. Seit 2009 leben weltweit mehr Menschen in städtischen Gebieten als auf dem Land. Jedes Jahr wächst die Stadtbevölkerung um mehr als 65 Millionen Menschen. In den Städten wird es eng – und oft bietet nur die Vertikale Platz.

Die Entwicklung von Fahrstühlen und Hochhäusern geht seit jeher Hand in Hand. Erst erfand 1853 Elisha Graves Otis den absturzsicheren Aufzug, dann folgte der Boom der Wolkenkratzer. Er hält unvermindert an.

Allein in China werden pro Jahr rund 400.000 neue Aufzugsanlagen gebraucht. "Die Branche brummt, und wir wollen diesen Markt optimal bedienen", sagt Markus Jetter, Forschungsleiter bei ThyssenKrupp Elevators. Gemeinsam mit Gerhard Thumm, einem Kollegen aus der Produktentwicklung, will er Testaufzüge durch den Riesenturm am Neckar jagen. Für den globalen Wettbewerb. Bei Prestigeprojekten reißen sich die Hersteller regelrecht um den Zuschlag: Den Burdsch Chalifa in Dubai, mit 828 Metern und 189 Stockwerken derzeit (noch) das höchste Gebäude der Welt, hat die amerikanische Otis Elevator Company mit einem ausgeklügelten System von 57 Express-, Doppelstock- und Zubringer-Aufzügen ausgerüstet. Toshiba aus Japan hat in Taiwans Hauptstadt das Taipei Financial Center mit den derzeit schnellsten Fahrstühlen der Welt (17 Meter pro Sekunde) bestückt, die Schweizer Firma Schindler rüstet das bald höchste Gebäude Chinas aus, das Pingan International Finance Center. ThyssenKrupp dagegen baute 73 Aufzüge für das neue New Yorker One World Trade Center.

Im globalen Aufzugsgeschäft kämpfen die Giganten auch um jeden Quadratzentimeter. Denn ein Lift muss möglichst platzsparend sein. Schließlich nehmen Aufzüge in Wolkenkratzern bis zu ein Drittel der Grundfläche ein. Platzsparen verheißt da Profit. In den zwölf Schächten des Turms zu Rottweil wird es also darum gehen, besonders schmale Fahrstühle zu erproben. Und besonders schnelle. Zehn Meter pro Sekunde schaffen die Lifte im One World Trade Center, 18 Meter sollen es im Testturm werden. Das erklärt seine Höhe: Um auf Spitzentempo zu beschleunigen, brauchen die Kabinen bis zu 160 Höhenmeter. Druckausgleichssysteme sollen künftige Passagiere vor schmerzhaftem Ohrendruck schützen und werden gleich miterprobt.

Welchem Zweck der Turm dienen würde, ist also klar. Warum aber gerade in Rottweil? Dort genießt der Aufzugsturm das Wohlwollen der Stadtverwaltung, stößt aber nicht auf ungeteilte Begeisterung. Winfried Hecht, der ehemalige Stadtarchivar, steht für die Zweifler. Er sorgt sich um die Landschaft und das historische Stadtbild, "das eigentliche touristische Kapital hier". Zumal der Turm ja keine elegante Nadel werde, sondern "eine ordentliche Kiste". Damit die Stadt den wirtschaftlichen Anschluss nicht verpasst, werde der Turmbau im beschleunigten Verfahren durch den Gemeinderat gepaukt, sagt Hecht, "wie wenn einer abends unbedingt noch den letzten Zug von Stuttgart nach Rottweil erwischen will". Sollten alle Gutachten positiv ausfallen und die Pläne die erwartete Mehrheit finden, müsse man sich fügen. Aber einleuchten will Hecht es nicht: Warum hier?

Weil das Städtchen weit genug vom nächsten Flughafen entfernt sei, sagt der Bauherr, der Turm also nicht störe und dennoch gut von ThyssenKrupps Aufzugswerk bei Stuttgart aus zu erreichen sei. Könnte man nicht einfacher (und weniger auffällig) in einem stillgelegten Bergwerk testen? Die gibt es in Deutschland zuhauf, eines gehört gar dem Konzern. Und der finnische Konkurrent Kone testet auch unter Tage. "Bergwerke, alte Fernsehtürme, das wurde alles lange geprüft. Wir haben in alle Richtungen überlegt", sagt Gerhard Thumm. "Aber es passen höchstens zwei Schächte nebeneinander, und auch mit der Sicherheit unserer Mitarbeiter wäre es unter Tage schwieriger." Sein Kollege Jetter betont die Realitätsnähe eines oberirdischen Turms: "Der schwankt auch mal ordentlich, wenn ein Wind geht."

Bei gutem Wetter, so das Versprechen an Touristen wie Einwohner, würde eine Aussichtsplattform an der Turmspitze einen Rundumblick über die Schwäbische Alb und den Schwarzwald bieten.

Indes gab ThyssenKrupp eine Kooperation mit Microsoft bekannt, zur Fernüberwachung sensorbestückter Aufzüge. Auch für den Testturm gelte das, stellte ein Sprecher klar: "Der Vorteil ist, dass unsere Ingenieure nicht ständig vor Ort sein müssen." Ausgerechnet den Testingenieuren könnte die schöne Aussicht also verwehrt bleiben.

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