Die Aussicht war wie zu meiner Kindheit: wohin man schaute, grüne Hintergärten. Darüber ein rauchblauer Himmel wie zerkratztes Glas. Sogar die Geräuschkulisse stimmte: das regelmäßige Dröhnen eines Flugzeugs. Ein Rasenmäher. Als Zugabe das Kreischen der Möwen.

Ich nehme die Wohnung, sagte ich.

Ich bin gebürtige Londonerin und stolz darauf. Liebe ist ein heute zu oft benutztes Wort, aber es beschreibt am ehesten, was ich für London empfinde. Dennoch kann ich dort nicht leben. Nach einer Stunde in der U-Bahn die Füße auf dem eigenen Rasen auszustrecken ist in Englands Hauptstadt für eine freischaffende Journalistin ein ferner Traum. Als ich vor sieben Jahren einen Freund in Hamburg besuchte, konnte ich mir zum ersten Mal vorstellen, am einem anderen Ort als London zu leben. Ein Jahr später zog ich nach Othmarschen.

Hamburg ist die anglophilste Stadt Deutschlands – zumindest sagen das alle, die man in Hamburg fragt. Berlin ist mehr dem Osten zugewandt, München dem Süden. Hamburg aber ist mit London verwandt: Beide sind Flussstädte, beide sind sehr grün, die Bewohner gelten als reserviert, aber weltoffen. Entlang der Elbe spazieren Menschen, mit Trenchcoat und Labrador, als wären sie direkt aus dem Londoner Westen eingeflogen.

Am Wochenende wollen die Hamburger einmal mehr unter Beweis stellen, wie britisch sie sind: Zum 24. Mal findet in Klein Flottbek die "British Flair" statt, 10.000 Gäste feiern bei dem Festival britischen Lebensstil in Norddeutschland. Vom 9. bis zum 10. August wird das Gelände des Polo Clubs in eine Ausstellungs- und Veranstaltungsfläche verwandelt. Es wird Kricket gespielt, Paddington Bear erzählt Geschichten. Es gibt Gummistiefelweitwerfen, Pferde, viele Männer in Röcken, viel Tweed. Wie sich die Deutschen England eben ausmalen.

"Hamburg is actually very English", erklärte ich früher meinen Freunden in London. Heute fällt mir auf, dass viele Engländer, denen ich erzähle, dass ich in Deutschland lebe, sagen: "Oh, I love Berlin!" In Berlin leben mit 11.000 Briten mehr als doppelt so viele wie in Hamburg; mit 450.600 Briten reisten 2013 dreimal so viele in die Hauptstadt wie an die Elbe.

Also: Was heißt es, wenn nun wieder Tausende Hamburger in Barbourjacken und Gummistiefeln durch Klein Flottbek laufen? Hat hier wirklich noch keiner gemerkt, dass das konservative Image, das bei der British Flair gepflegt wird – Oldtimer, Afternoon Tea –, dem technik- und trendbewussten Großbritannien von heute gar nicht mehr entspricht? Dass Londons Kinder nicht mehr mit Paddington spielen? Ist das britische Image Wunschdenken, weil man nicht wahrhaben will, dass womöglich Berlin mit seiner Multikulti-Kreativität längst die britischste Stadt Deutschlands ist?

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der aktuellen ZEIT. Sie finden die Hamburg-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Hamburg hat den Briten viel zu verdanken: Nach dem großen Brand 1842 wird die Nikolaikirche nach Plänen des britischen Architekten Sir Gilbert Scott wieder aufgebaut. Der Ingenieur William Lindley schafft ein Sielnetz und die erste Eisenbahnverbindung nach Bergedorf. Nach dem Zweiten Weltkrieg gewähren die britischen Besatzungsmächte in Hamburg den ersten Zeitungen Lizenzen und prägen so die Presselandschaft. 1948 entsteht in einer Gründerkonstellation aus Militärregierung, Unternehmern, Politikern und Künstlern der Anglo-German Club. Bis heute ist Großbritannien Hamburgs drittwichtigster Handelspartner. (Natürlich haben die Briten auch Hamburg Großes zu verdanken: 1960 gaben die Beatles hier ihr erstes Konzert.)