Der Soziologe Bruno Latour © Getty Images

Bruno Latour schließt die hölzernen Fensterläden, um die glühende Pariser Mittagshitze nicht ins Zimmer zu lassen, der Tisch ist zum Essen gedeckt, er liegt nun fast im Dunkeln. Aber die Julisonne lässt sich nicht ganz aus dem Raum vertreiben, sie schickt einzelne Strahlen durch die Ritzen der Läden und lässt die Weingläser glitzern, als blinzelten sie. Eine alte Etagenwohnung im Pariser 6ème, St Germain, genau dort, wo nach 1945 die Pulsadern des europäischen Denkens verliefen. Aber diese Wohnung, viel kleiner als die deutscher Studienräte, ist kein Museum der französischen Linksintellektuellen: Hier wohnt einer der einflussreichsten Ideengeber der Gegenwart. Er hat mit seiner Theorie, dass Menschen nicht allein handeln, sondern vernetzt mit Dingen aktiv sind, das Denken weltweit seit den siebziger Jahren inspiriert. Heute treibt ihn um, dass die erhitzte Erde aktiv rumort und dass sich die Welt durch die drohenden ökologischen Kollapse politisch verwandelt. Deshalb hat er nun sein jüngstes Werk Existenzweisen geschrieben: Es ist ein Experiment der Gedanken, faszinierend und streitbar.

Der Anthropologe und Wissenschaftsforscher Bruno Latour, Autor auch des Theaterstücks Gaia, den Le Monde unlängst zum "Hegel unserer Zeit" ernannt hat, will mit diesem Buch ganz nach vorn. Er möchte, dass Europa von Grund auf neu überlegt, woran ihm liegt – denn die moderne Expansion Europas und die Universalisierung seiner Ideen, seiner Vorstellung von exportierbarer Demokratie samt Rechtsstaat seien allzu überstürzt geschehen. Während viele Soziologenkollegen an Europa verzweifeln, will er ein erneuertes Europa mit der Welt ins Gespräch bringen.

"Das 20. Jahrhundert war ein verlorenes Jahrhundert", sagt der 67-Jährige mit einem Anflug von Müdigkeit. Der Winzersohn, der sich oft selbst als Kind der rebellischen sechziger Jahre in Paris beschrieben hat, kritisiert die eigene Generation heute für die Erosion der Institutionen. Es geht ihm um sorgsame Praxis in einer Welt, die er Gaia nennt: weil in diesem Wort die Grenzen menschlicher Spielräume auf Erden benannt sind. Bedeutet Gaia nicht unweigerlich Esoterik? "Gaia ist ein mehrdeutiges Konzept. An den esoterischen und fragwürdigen Nebenbedeutungen kann ich nichts ändern." Ihm komme es darauf an, dass es der Erde nicht gleichgültig sei, was wir tun: "Die Erde ist kitzlig. Sie reagiert, und sie ist mit uns Menschen als Akteur tätig."

Latour weiß, wie schmal der Grat ist zwischen seiner normativen Idee, als Erdenbürger wieder dauerhaft tragfähigen Boden zu gewinnen, und jenem reaktionären Denken, das im Kampf gegen die globale Erwärmung "Zurück zur Erde" ruft. Er macht Anleihen beim Staatsrechtler Carl Schmitt, dem "Kronjuristen des Dritten Reichs", und distanziert sich doch ganz entschieden. Immer wieder kommt er darauf im Gespräch zurück: "Die Kunst besteht darin, mit Gaia-Politik kein Reaktionär zu sein."

Was will er? Er will, sagt er, vor den kommenden Klimakriegen warnen, dem Kampf um Wasser, Land, Energie, Rohstoffe – und rudert weit hinaus in Schmitts Sprache von Freund, Feind, Krieg und Kampf, um sogleich zurückzurudern: Krieg zu verhindern sei für Europäer das oberste Gebot. Mit dem deutschen Soziologen Ulrich Beck setzt sich Latour auseinander, dem es um eine kosmopolitische Überwindung des Nationalstaats geht, damit jene ökologischen Risiken politisch eingehegt werden können, die keinerlei Grenzen respektieren. Bruno Latour hingegen geht es um eine Kosmo- oder Gaia-Politik, die anerkennt, dass überdüngte Gewässer, die umkippen, oder Extremwetter und ansteigende Meeresspiegel Ausdruck einer tätigen Erde sind.

Dafür dehnt und öffnet er im neuen Buch probeweise alle Begriffe. Praktische politische Antworten bleibt Latour ebenso schuldig wie einen präzisen Begriff des Politischen. "Das Ziel besteht darin", heißt es einleitend zum ersten Kapitel des neuen Buchs, "ein zwischen Ökonomie und Ökologie umherirrendes Volk zu begleiten." Das kann man exaltiert finden. Aber Latour ist kein Guru, sondern ein experimentierender Demokrat in Widersprüchen, seine Verbündeten sind die Skepsis, der Zweifel, die Unsicherheit und das Zögern. Sein einer großer Gegner: Fundamentalismus jeder Couleur. Und der andere: die knappe Zeit.

Dieser Intellektuelle will die Zeit bis zur großen Klimakonferenz 2015 in Paris nutzen, um Themen neu zuzuspitzen. "Für die Revolution der abertausend Kleinigkeiten, die wir heute umsetzen müssen, um die alltäglichen Üblichkeiten des Essens, der Kleidung, der Mobilität ökologisch umzuwandeln", sagt er, "braucht man Sachverständige: Architekten, Stadtplaner, Landwirte." Ausgerechnet der Theoretiker will den abgehobenen Menschen wieder erden, indem er an europäische Vorfahren erinnert: "Man braucht kluge Praktiker wie im 16. Jahrhundert Michel de Montaigne oder wie zur Zeit der Humboldtschen Naturphilosophie um 1800 erfahrene Vulkanologen, Meteorologen, Ingenieure."

Er selbst hat seit 40 Jahren die Eigenarten der Moderne untersucht, ob auf dem Feld der Wissenschaft, der Technik, des Rechts oder der Demokratie. Die Epoche, die er hinter sich lassen will, ist die wissenschaftlich dominierte Moderne, und sie beginnt sehr französisch mit René Descartes, im 17. Jahrhundert: mit der rationalen Trennung von Subjekt und Objekt, in einerseits eine Natur, die durch Wissenschaft objektivierbar ist, andererseits eine Gesellschaft, die sich alles nützlich macht und beherrscht, was ihr verwertbar vorkommt. Was objektiv stimmt, behaupten die westlichen Modernen allein zu wissen, und was nicht in ihre Versuchsanordnungen passt, kommt ihnen fremd vor.