Am Montag vor zwei Wochen, morgens um sieben Uhr, klopfte bei mir die Polizei. Die Beamten hatten einen richterlichen Durchsuchungsbeschluss: Ich wurde verdächtigt, eine Indoor-Plantage zu besitzen. Das stimmte. In meinem Keller hatte ich 40 Cannabispflanzen angebaut. Obwohl die Beamten sehr freundlich waren, fühlte ich mich bloßgestellt. Ich bin ein Familienvater, der immer hart gearbeitet hat – kein drogensüchtiger Dealer.

Seit meiner Jugend leide ich unter starken Schmerzen. Cannabis hilft mir, die täglichen Qualen zu lindern.

Im Alter von zwölf Jahren fing ich an, in dem kleinen Glas- und Gebäudereinigungsbetrieb meiner Eltern zu arbeiten. Mit 19 Jahren machte ich mich selbstständig. Irgendwann dazwischen bekam ich wiederkehrende Schmerzen im Rücken. Zu schnell gewachsen, sagte mein Arzt und diagnostizierte Wachstumsstörungen an meiner Wirbelsäule. Salben, Tabletten, Krankengymnastik. Die Schmerzen blieben.

Mit 30 fing ich neu an und machte eine Ausbildung zum Ergotherapeuten. Ich lernte meine jetzige Frau kennen. Mit unserem Familienleben war ich sehr glücklich – wenn nur die Schmerzen nicht gewesen wären.

Im Laufe der Jahre wurden viele Diagnosen gestellt. Bis heute sind insgesamt acht meiner Wirbel geschädigt. Im Jahr 2007, nachdem die Schmerzen und Erschöpfungszustände ein unerträgliches Maß erreicht hatten, wurde Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert. Chemo- und Strahlentherapie folgten, dann eine Reha. Gegen die Schmerzen bekam ich anschließend Morphiumpräparate, dazu Psychopharmaka und jede Menge anderer Medikamente.

Es war eine schreckliche Zeit! Meine Frau und unsere beiden Töchter hatten Angst, mich zu verlieren. Dazu kamen Existenzängste: Damals führte ich wieder einen Gebäudereinigungsbetrieb mit 20 Mitarbeitern. Wir konnten meine vielen Fehltage nicht kompensieren, verloren Aufträge und mussten Angestellte entlassen. Es nutzte alles nichts. Wir gaben auf und leben seitdem von Arbeitslosengeld II und einer geringfügigen Beschäftigung meiner Frau. Schließlich wurde bei mir Fibromyalgie festgestellt, eine chronische Schmerzerkrankung. Leider gilt sie bis heute als unheilbar.

Irgendwann brachte mir ein Freund etwas Cannabis mit. Nachdem wir zusammen einen Joint geraucht hatten, bemerkte ich eine Verbesserung meines Zustandes. Die Schmerzen gingen zurück, meine Muskulatur und meine Gelenke lockerten sich. Ich hatte, wenn auch nur über wenige Stunden, einen erholsamen Schlaf. Kein verschriebenes Medikament hatte bis dato so eine gute Wirkung erzielt.

Die einzige negative Nebenwirkung, die ich verspürte, war der schale Geschmack der Illegalität. Ich hatte ein großes Problem: Eine verbotene Droge wirkte besser als alle Medikamente! Sollte ich mich meinem Arzt anvertrauen? Eine Ausnahmegenehmigung beantragen? Das Vertrauen zur Ärzteschaft hatte durch meine Erlebnisse sehr gelitten. Zu oft war mir das Gefühl vermittelt worden, ich sei ein Simulant. Außerdem versuche ich seit einigen Jahren erfolglos, Rente zu beantragen – was, wenn meine Selbsttherapie den Behörden bekannt würde?

Eine Weile war es mir möglich, über Bekannte Cannabis zu erwerben. Doch der finanzielle Druck nahm zu. Monatlich bis zu 700 Euro hätte ich auf Dauer nicht aufbringen können. Ein weiteres Problem trat auf: Einmal war das Cannabis gestreckt. Beim Verbrennen blitzte es wie eine Wunderkerze, stank und schmeckte abscheulich. Mir wurde schlecht, ich bekam Herzrasen und entsorgte den Stoff sofort. Ich informierte mich und erschrak, was alles zum Strecken verwendet wird, zum Beispiel Haarspray, extra dafür hergestellter Kunststoff und sogar Blei. Hochgiftige Substanzen! Das wollte ich auf keinen Fall. Im Internet las ich, dass es nicht so schwer ist, Cannabis selbst anzubauen.

Ein Freund brachte mir Samen aus den Niederlanden mit

Über ein Kleinanzeigenportal kaufte ich mir eine gebrauchte Ausrüstung. Ein Freund brachte mir einige Samen aus den Niederlanden mit. Seitdem konnte ich mich selbst versorgen. In der Kombination mit Entspannungsmethoden und krankengymnastischen Übungen schaffte ich es, selbst starke Krankheitsschübe recht gut zu überstehen. Nach und nach konnte ich alle anderen Medikamente absetzen. Heute lebe ich "medikamentenfrei".

Meine Frau, die selbst nie illegale Drogen konsumiert hat, stand von Anfang an hinter mir. Sie sah schließlich jeden Tag, wie meine Schmerzen durch die Einnahme von Cannabis erträglich wurden. Auch mit unseren Kindern sprechen wir offen und ehrlich über das Thema. Sie wissen, warum ich es konsumiert habe, und können die Vor- und Nachteile richtig einschätzen.

Im Freundes- und Bekanntenkreis sieht das schon anders aus. Es gibt leider immer noch viele Menschen, die Cannabiskonsum gleichsetzen mit der Abhängigkeit von Heroin. Einige konnte ich durch Aufklärung überzeugen, andere nicht. Seit der Hausdurchsuchung wird bei uns im Dorf getuschelt, es gab auch schon manch bösen Blick. Schön ist aber, dass einige Menschen uns freundlich und offen auf das Geschehene ansprechen und nicht abstempeln.

Aber alles Negative hat auch etwas Positives. Die ständige Angst vor meiner "Entdeckung" ist vorbei. Beim nächsten Termin mit meinem Hausarzt werde ich ihn einweihen. Ich hoffe, er unterstützt mich. Ich möchte eine Ausnahmegenehmigung und Kostenübernahme der Krankenkasse beantragen, um ganz legal medizinisches Cannabis in der Apotheke kaufen zu dürfen. Es wird ein langer Weg. Wie ich bis dahin ohne Cannabis als Medikament auskomme, weiß ich noch nicht.