Die beiden Mitarbeiter des Hamburger Bezirksamts Mitte stehen vor den City-Hochhäusern und rauchen. "Wenn du an der Südseite arbeitest, wirst du bei dem Wetter regelrecht gegrillt", sagt der eine. "Mag ja mal schick gewesen sein", der andere. "Aber das ist lange her."

Die beiden Herren, Mitte fünfzig, sehen aus, als hätte der Gebäudezustand auf sie abgefärbt. Kurzarmhemden, Dreitagebart und Sandalen. 1958, als die Blöcke vis-à-vis dem Hauptbahnhof fertiggestellt wurden, wären sie sicher mit gestärktem Oberhemd, Bügelfalte und Façonschnitt zur Arbeit erschienen.

Die einst strahlend weiße Fassade der vier Hochhausscheiben ist unter grauen Eternitplatten verschwunden. Die Rolltreppe zur einst mondänen Ladenpassage ist lange abgebaut. Die Caritas und das Haarstudio Boutique Cosmetique haben sich hier eingemietet, dazwischen Leerstand. In einem Ladenlokal stehen Müllcontainer.

Sie ist wieder aktuell, die Abrissdiskussion um die City-Hochhäuser. Und diesmal ist es ernst. Das Bezirksamt will in den Neubauteil des Springer-Hochhauses ziehen. Zwar hat das Denkmalamt die City-Höfe, wie sie korrekt heißen, als "Dokument der Nachkriegsarchitektur" unter Schutz gestellt. Dennoch empfiehlt die Finanzbehörde der Bürgerschaft den Abriss. Die Bild- Zeitung wünscht sich die Sprengung, Oberbaudirektor Jörn Walter hält die Bauten für eine "architektonisch falsche Entscheidung", weil sie sich "nicht in das Stadtgefüge" einpassten, und ein Onlinevoting im Hamburger Abendblatt ergab: 78 Prozent wollen den Abriss. Wenn sich Politik und Volksmeinung in Hamburg auf etwas einigen können, dann darauf: Weg mit den vier grauen Türmen!

Hamburg liebt und braucht diese Schandfleckdebatten: Gerade weil man stolz ist auf das intakte Stadtbild, diskutiert man über Bausünden besonders leidenschaftlich. Der Frappant-Kasten an der Großen Bergstraße in Altona, die Essohäuser auf St. Pauli, das Hertie-Haus in Barmbek: Anstößige Immobilien, die man in Köln oder Berlin akzeptieren oder ignorieren würde, sorgen hier für Zerstörungsfantasien. So kommen in dieser Stadt regelmäßig Diskussionen in Gang, die das Gemeinwesen mit zentralen Fragen herausfordern. Wer bestimmt, was schön und was hässlich ist? Warum hegen die Menschen für die Architektur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts nostalgische Gefühle? Wie kommt es, dass etwa die Gängeviertel – Slums der Vorvergangenheit – heute als Kleinod gelten? Und warum schätzen hingegen nur wenige die Nachkriegsmoderne, die doch viel demokratischer und sozialer baute?

Die auf Hamburg spezialisierte Architekturhistorikerin Sylvia Necker hat sich wegen dieser Fragen in die Debatte um die City-Hochhäuser eingemischt. "Solche Gebäude sind als große Utopien gestartet. Es ging um den Aufbau einer neuen, demokratischeren Gesellschaft", sagt sie und verweist auf die ursprünglich weiße Fassade aus Leca-Platten, einem damals neuen Baustoff, der aus Dänemark importiert wurde. Werner Hebebrand, Hamburgs experimentierfreudiger Oberbaudirektor der Nachkriegszeit, habe dieses strahlende Weiß bewusst durchgesetzt: "Es ging um ein Signal für eine neue Zeit. Die Moderne sollte leuchten." Den dunklen Klinkerfassaden des Kontorhausviertels habe Hebebrand etwas entgegensetzen wollen.

Kaffee am Plastikstehtisch des Kiosk Barun, an der Nordseite der Häuser. Necker blättert durch eine Mappe mit Architekturkritiken der Fünfziger, in denen die vier Häuser des Architekten Rudolf Klophaus als eleganter Aufbruch in die Moderne gepriesen werden. "Das war eine Ikone!" Necker zieht aus den Akten ein Gutachten für das Bauamt vom August 1977 hervor. Eine "wirtschaftliche Sanierung" der weißen Fassade sei "möglich", attestiert das Papier des beauftragten Ingenieurbüros. Dem Bezirksamt war das egal – es genehmigte die Verkleidung der Häuser mit jener grauen Eternitschicht, die sie heute so abstoßend macht.