"Raus aus dem Zwang des Geldverdienens"

Ich hatte ein Leben, wie es Millionen von Menschen führen: Alles drehte sich darum, Geld zu verdienen. Nach dem Abitur habe ich eine Ausbildung zum IT-Systemkaufmann gemacht und dann in Vollzeit gearbeitet. Ich mochte meinen Job, hatte nette Kollegen und monatlich 2.000 Euro netto zur Verfügung. Nach Feierabend war ich mit Freunden unterwegs; ich bin Motorrad gefahren oder saß zu Hause am Computer.

Vor etwa drei Jahren habe ich realisiert, dass mich das alles nicht richtig glücklich macht. Ich fragte mich, ob es das gewesen sein soll: Tag für Tag zu arbeiten, um zu konsumieren, Rechnungen zu begleichen, Steuern zu zahlen. Ich wollte lieber mehr Zeit für mich haben, mehr Zeit für die Menschen, die mir lieb sind. Ich wollte raus aus dem Zwang, Geld verdienen zu müssen.

Nachdem ich das erkannt hatte, begann ich, meinen Alltag umzustellen. Ich zog zurück in meinen Heimatort, um näher bei meiner Familie zu sein. Um mehr vom Tag zu haben, habe ich schon um sieben Uhr morgens angefangen zu arbeiten. Meine Ausgaben beschränkte ich auf das Wesentliche: Essen, Miete, Versicherungen, Wasser und Strom, Telefon und Internet.

Im Fernsehen sah ich zufällig eine Dokumentation über das Leben in einer mongolischen Jurte. Ich war begeistert und entschied mich, mir selbst eine Jurte zuzulegen. Seit letztem Herbst steht sie auf einem Grundstück, das ich in der Nähe gepachtet habe: Die Holzgitter an den Seitenwänden und die Holzstäbe auf dem Dach sind mit Filz und Stoff bespannt, in der Mitte befindet sich ein Ofen zum Kochen und Heizen. Ansonsten habe ich noch ein Bett, ein Sofa, Sessel und einen Tisch. Ein Waschhäuschen stand bereits auf dem Grundstück.

Von da an habe ich immer öfter in meiner neuen Behausung geschlafen. Ich merkte: Je niedriger der Lebensstandard, umso geringer ist die Notwendigkeit zu arbeiten – und umso besser fühlte ich mich. So bin ich schließlich noch einen Schritt weiter gegangen und habe erst meine Wohnung, dann meinen Job gekündigt. Das war im Juni.

Jetzt gerade lebe ich von 300 Euro im Monat, meinen Ersparnissen. Der Internetanschluss ist der größte Luxus, den ich mir gönne. So bekomme ich alle Informationen, die ich brauche, zum Beispiel über Gartenbau. Vom nächsten Jahr an möchte ich mich zu großen Teilen selbst versorgen und Obst- und Gemüsebeete auf meinem Grundstück anlegen. Bevor meine Ersparnisse aufgebraucht sind, möchte ich einen Job annehmen, vielleicht in der Altenpflege, um Grundkosten wie die Pacht zu decken.

Im Moment arbeite ich vor allem in der Nachbarschaft und helfe, wenn jemand Probleme mit dem Rechner hat und Unterstützung im Garten oder beim Renovieren braucht. Als Dankeschön werde ich zum Essen eingeladen. Dieses Prinzip funktioniert wunderbar.

Meine Familie bringt schon viel Toleranz für mich auf, besonders meine Mutter unterstützt mich. Etwas Sorgen macht sie sich aber auch. Sie hofft wohl insgeheim, dass ich irgendwann in mein altes Leben zurückkehre. Ich bin aber überzeugt, dass ich so weiterleben möchte, denn so gut und frei wie heute habe ich mich noch nie gefühlt.

Thorsten van Stipriaan, 30, ist auf dem Weg, vom IT-Systemkaufmann zum Selbstversorger zu werden.