DIE ZEIT: Herr Stern, das Verhältnis zwischen den USA und Israel ist derzeit so angespannt wie lange nicht. Würden Sie von einer Krise sprechen?

Fritz Stern: Ja, und diese Krise war überfällig. Das Bündnis zwischen den USA und Israel ist wohl unzerstörbar, aber es ist notwendig, Netanjahus Politik zu analysieren und zu kritisieren.

ZEIT: Worin unterscheidet sich die Israel-Politik Barack Obamas von der seiner Vorgänger?

Stern: Es ist kaum jemals vorgekommen, dass die USA das Verhalten Israels öffentlich als disgraceful, als schändlich, bezeichnet haben. Es wird eine andere, klarere Sprache gesprochen. Inzwischen sieht man, wie hochmütig die Besatzungspolitik Israels ist, wie arrogant der fortschreitende Siedlungsbau. Das Misstrauen wächst auf beiden Seiten, und Israel hat sich in den vergangenen Wochen auf schockierende Weise im Ton vergriffen. Die Hetze gegen US-Außenminister Kerry ist unentschuldbar.

ZEIT: Verändert sich auch die öffentliche Meinung in den USA?

Stern: Selbst die Stimmung in der jüdischen Bevölkerung ist im Wandel begriffen. Gerade hat eine Umfrage ergeben, dass jüngere amerikanische Juden gegenüber Israel sehr viel kritischer eingestellt sind als noch ihre Eltern.

ZEIT: Ist das ein rein generationelles Phänomen oder eine Reaktion auf die aktuelle Politik der Regierung Netanjahu?

Stern: Ich denke, es liegt tatsächlich an der israelischen Politik, aber während die Älteren immer noch geneigt sind, alles, was Israel tut, gutzuheißen, teilen die Jüngeren eher die Meinung kritischer Israelis, die über die Entwicklungen in ihrem Land entrüstet sind – vor allem über das, was in den letzten Wochen im Gazastreifen passiert ist.

ZEIT: Die Sympathie für Israel ist in Amerika traditionell sehr groß, nicht nur in den jüdischen Gemeinden. Wie ist das zu erklären?

Stern: Für viele ältere Amerikaner spielte der Sechstagekrieg von 1967 eine Rolle. Israel, ein demokratischer David, schien damals einem unerbittlichen Goliath, den arabischen Staaten, gegenüberzustehen. Entscheidend aber ist die Erinnerung an den Holocaust – wobei es oft nur ein schmaler Grat ist zur Instrumentalisierung der Geschichte. Davor habe ich früh gewarnt. Ich finde es entsetzlich, wie oft die Toten benutzt werden, um Positionen zu rechtfertigen, die sie vielleicht gar nicht geteilt hätten.

ZEIT: In der Debatte um Israel und die USA ist auch immer wieder vom Einfluss proisraelischer Lobbygruppen auf die amerikanische Politik die Rede – nicht selten mit antisemitischem Unterton.

Stern: Dass "die Juden" die amerikanische Politik beherrschen, ist Unsinn. Aber tatsächlich haben die Israelis in den USA eine starke Lobby-Organisation, das American Israel Public Affairs Committee, kurz Aipac, das in die Politik der USA eingreift. Der große Einfluss des Aipac ist eine Tatsache, die schon frühere US-Präsidenten erlebt, vielleicht erlitten haben. Aber kein israelischer Premier hat sich je so stark in die amerikanische Innenpolitik eingemischt wie Netanjahu. Weniger bekannt ist in Deutschland wahrscheinlich, dass es auch eine andere wichtige Lobbygruppe gibt, die sich mit Israel beschäftigt, J Street, die ich auch selbst unterstütze und die sich für eine Zwei-Staaten-Lösung einsetzt.

ZEIT: In Deutschland haben die jüngsten Proteste gegen die israelischen Luftangriffe eine neue Antisemitismus-Debatte entfacht. Auslöser waren propalästinensische Demonstrationen, auf denen antisemitische Parolen skandiert wurden. Ist so etwas auch in den USA geschehen?

Stern: Es gibt Demonstrationen, ja, aber meines Wissens nicht in dieser Form. Antisemitischen Äußerungen muss man natürlich entgegentreten. Oft ist es allerdings nicht leicht, zwischen legitimer Kritik und unterbewusstem oder bewusstem Antisemitismus zu unterscheiden, da ist Vorsicht geboten. In Deutschland sollte man sich zudem darüber im Klaren sein, dass die Palästinenser in gewissem Sinne ebenfalls Opfer des Nationalsozialismus sind. Das habe ich bereits 1974 in einem Artikel geschrieben. Dahinter steckt natürlich eine größere Frage: Ist der Staat Israel nicht ein Teil deutscher Geschichte?

ZEIT: Die Anfänge Israels reichen allerdings bis weit in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg zurück.

Stern: Gewiss, der Ursprung liegt im Zionismus, im 19. Jahrhundert. Dann, 1917, sagten die Briten mit der Balfour-Deklaration ihre Unterstützung für das Projekt einer "jüdischen Heimstatt" in Palästina zu.

ZEIT: Wie standen die USA damals zur zionistischen Idee?

Stern: Die amerikanische Haltung war ambivalent. Man fürchtete Konflikte in der Region – wofür es übrigens auch in der zionistischen Bewegung eine große Sensibilität gab. Ich habe mich viel mit Chaim Weizmann beschäftigt, der von den zwanziger Jahren an die Zionistische Weltorganisation geleitet hat und 1948 erster israelischer Staatspräsident wurde. Er wollte keine Gewalt. Ihm war, wie Albert Einstein, völlig bewusst, dass man mit den Arabern zu einer friedlichen Einigung kommen müsse. Sonst, so hat Einstein sinngemäß einmal gesagt, hätte man aus 2.000 Jahren Geschichte nichts gelernt. Unter den Zionisten der älteren Generation gab es viele, die vor einem Hochmut gegenüber den Arabern gewarnt haben.

ZEIT: Hegte die amerikanische Regierung auch 1948, als der Staat Israel gegründet wurde, noch Vorbehalte?

Stern: Durchaus, aber die Situation war eine völlig andere. Auch in den USA sah man 1945 die Bilder von den lebenden Leichen bei der Befreiung von Bergen-Belsen und anderen Konzentrationslagern, die Bilder der Hunderttausenden Displaced Persons, die keine Heimat hatten, die nicht wussten, was mit ihnen geschehen sollte. Die Gründung des Staates Israel erhielt dadurch auch eine moralische Dimension. Dennoch war die Entscheidung sehr umstritten. Einige Politiker in der Truman-Regierung warnten, dass eine Staatsgründung ohne die Zustimmung der Araber permanenten Unfrieden stiften werde. Die These vom "Land ohne Menschen für Menschen ohne Land" war ja trügerisch, es gab kein "Land ohne Menschen".

"Ich war erfüllt von der Hoffnung, die Rabin verkörpert hatte"

ZEIT: Wann nahmen die USA jene bedingungslose proisraelische Haltung ein, die nun in die Krise geraten ist?

Stern: In den sechziger und siebziger Jahren. Noch in der Sueskrise 1956 haben sich die USA nicht auf die Seite Israels gestellt. Und im Sechstagekrieg 1967 siegte Israel hauptsächlich mit französischen Waffen. Der Rückhalt in der amerikanischen Bevölkerung und in politischen Kreisen war jedoch schon 1967 sehr stark. Man bewunderte Israel für seinen modernen Rechtsstaat, für die großartigen Errungenschaften in Wissenschaft und Wirtschaft. Man war schlicht beeindruckt von dieser jungen Demokratie, und nicht zuletzt hatte der Eichmann-Prozess in Jerusalem Anfang der sechziger Jahre zur Solidarisierung mit Israel beigetragen. Spätestens nach dem Ende des Jom-Kippur-Krieges 1973 festigte und intensivierte sich dann die amerikanisch-israelische Beziehung. Israel erhielt nun Waffen und umfassende Wirtschaftshilfe aus den USA und bekam so etwas wie einen Blankoscheck.

ZEIT: 1973 handelte Nixons Sicherheitsberater Henry Kissinger den Frieden nach dem Jom-Kippur-Krieg aus, den Ägypten, Syrien und andere Staaten gegen Israel geführt hatten – der Beginn einer endlosen Reihe amerikanischer Friedensbemühungen in Nahost. Hatten diese Bemühungen jemals eine Chance?

Stern: Ja, unter Bill Clinton. Nie ist man einem Frieden so nah gekommen wie Mitte der neunziger Jahre in den Osloer Verhandlungen, die er mit Izchak Rabin und Jassir Arafat geführt hat.

ZEIT: Dann ermordete ein israelischer Attentäter Rabin.

Stern: Dieser Mord eines jüdischen Fanatikers war eine niederschmetternde, grausame Wendung und ist einer der einschneidendsten und schrecklichsten Momente der Geschichte Israels und des Nahen Ostens. Ich habe ihn damals sofort mit dem Mord an Walther Rathenau verglichen, dem Außenminister der Weimarer Republik, der 1922 in Berlin von Rechtsextremisten erschossen wurde.

ZEIT: Sie selbst sind 1938 mit Ihrer Familie vor dem Naziterror in die USA geflohen. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Israel beschreiben?

Stern: Als gespalten. Ich kannte Chaim Weizmann, habe über ihn geschrieben. Den Traum des Zionismus, dass in Israel all jene, die in ihren Ländern unter Antisemitismus leiden, ein neues Gemeinwesen aufbauen, fand auch ich bewegend. Die Kibbuzbewegung weckte Hoffnungen auf den sogenannten Neuen Menschen. Zum ersten Mal war ich dann 1971 in Israel. Danach kam ich immer mal wieder, etwa zu Konferenzen, das letzte Mal zu einem Symposion über die Geschichte politischer Morde. Das war 1996, ein Jahr nach Rabins Tod. Seither bin ich nicht mehr dort gewesen.

ZEIT: Sie sind bewusst nicht mehr hingefahren?

Stern: Ja. 1996 habe ich auch einen Teil der Siedlungen, der Besatzung, gesehen. Zuvor war ich erfüllt von der Hoffnung, die Rabin verkörpert hatte. Er war kein Heiliger, er war ein Kämpfer, das wissen Sie. Aber er hatte politische Vernunft. Das ist es, was den Politikern seit seinem Tod fehlt, vor allem im Likud-Block. Was Israel alles verspielt hat! Ich kenne auch die andere Seite, die Raketen, die Intifada, das alles ist fürchterlich und durch nichts zu rechtfertigen. Aber wie man damit umgeht, ist eine Frage von politischem Wirklichkeitssinn. Israel hat von Anfang an Terror erlebt, es hat aber auch selbst wiederholt zu Terrormaßnahmen gegriffen.

ZEIT: Sehen Sie nun, unter Barack Obama, eine Chance, dass Amerika etwas zum Besseren verändern könnte?

Stern: Kaum. Hamas ist gegen eine Zwei-Staaten-Lösung, genauso wie Netanjahu, der auf eine Koalition mit den Neocons und rechtsradikalen Kräften in den USA baut. Er ist Gegner eines liberalen Israel, wobei man berücksichtigen muss, dass er noch radikalere Kräfte in Schach halten muss. Wo bleiben Ideen wie die des ehemaligen Außenministers Schlomo Ben Ami, der einen Marshallplan für den Gazastreifen gefordert hat? Es müsste eine Wende in der israelischen Politik geben.

ZEIT: Aber die ist nicht in Sicht?

Stern: Nein, und vermutlich würde die sogenannte jüdische Lobby alles, was ich hier gesagt habe, als wüste Attacke auf Israel bezeichnen. Dem ist allerdings nicht so. Ich bin mit vielen Israelis, die für den Frieden sind, seit Jahren befreundet. Doch Teile der israelischen Politik und Gesellschaft haben eine Situation herbeigeführt, die sie selbst immer gefürchtet haben: dass bald alle Welt gegen sie ist. Das ist eine bittere, enttäuschende Entwicklung, eine Tragik, die mit Worten kaum zu fassen ist.