Nächsten Donnerstag endet vorerst die Zeit der guten Nachrichten von der Konjunktur. Dann werden die Statistiker des Bundes nach allem, was zu hören ist, verkünden, dass das Wachstum der deutschen Wirtschaft im Frühjahr praktisch zum Erliegen gekommen ist. Bislang konnten die hiesigen Unternehmen den Widrigkeiten der internationalen und europäischen Krisen trotzen. Während fast überall auf dem Kontinent Arbeitsplätze abgebaut wurden, haben in Deutschland so viele Menschen wie nie zuvor einen Job. War es das nun mit dem deutschen Wirtschaftswunder?

Die meisten Firmen stellen sich jedenfalls auf härtere Zeiten ein. Das vom Münchner ifo Institut ermittelte Geschäftsklima in der gewerblichen Wirtschaft hat sich im Juli zum dritten Mal in Folge eingetrübt. Und das hat viel mit der angespannten weltpolitischen Lage zu tun. Das Russlandgeschäft ist eingebrochen, weil die nochmals verschärften Sanktionen die russische Wirtschaft schwer belasten. Der Autobauer Daimler hat bereits zu Wochenbeginn erhebliche Einbußen auf dem russischen Markt vermeldet.

Andere Unternehmen werden folgen, zumal Moskau Gegenmaßnahmen beschlossen hat: Am Mittwoch verkündete der Kreml Einfuhrverbote für Agrarprodukte, Rohstoffe und Lebensmittel aus den Ländern, die Sanktionen gegen Russland erlassen haben. Schon im Mai, also vor der letzten Sanktionsrunde, sind die deutschen Exporte nach Russland im Vergleich zum Vorjahr um 17,5 Prozent eingebrochen.

Nun ist Russland aus deutscher Sicht nur ein Handelspartner unter vielen. Die Ausfuhren in das Land machen gerade einmal 3,3 Prozent der gesamten deutschen Ausfuhren aus. Auch deshalb haben die deutschen Wirtschaftsverbände ihren anfänglichen Widerstand gegen die Sanktionen aufgegeben und fügen sich nun den politischen Entscheidungen. In den Unternehmen muss gleichwohl knallhart gerechnet werden – und das bedeutet, dass die Strafmaßnahmen am Ende Arbeitsplätze kosten werden.

Schwerwiegender als die Rückschläge im Geschäft mit den Russen dürften für Unternehmen ohnehin die indirekten Folgen der Kriseneskalation in der Ukraine sein. Denn wenn Exporteure die Zukunft nicht einigermaßen verlässlich planen können, halten sie sich aller Erfahrung nach mit Investitionen zurück, wodurch zusätzliche Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen.

Derzeit lässt sich angesichts der Konflikte in Osteuropa und im Mittleren Osten kaum verlässlich planen. Eine weitere Eskalation ist jederzeit denkbar. Dann steigt zunächst der Ölpreis, wodurch viele Produkte teurer werden und die Kaufkraft der Verbraucher sinkt. Außerdem weiß niemand, ob ein in die Enge getriebener Putin nicht doch irgendwann den Europäern den Gashahn zudreht, auch wenn der Schaden für die eigene Wirtschaft immens wäre. Die "verschärften geopolitischen Spannungen" seien ein aus ökonomischer Sicht "so nicht erwarteter Störfaktor", meint jedenfalls inzwischen sogar die gemeinhin vorsichtige Deutsche Bundesbank. Mit anderen Worten: Die Sache ist gefährlich.

Noch viel schlimmer als Deutschland trifft es die hoch verschuldeten Staaten Südeuropas. Unternehmen dort treiben zwar weniger Handel mit Russland als die deutschen Firmen. Zugleich jedoch erholen sich deren Volkswirtschaften nur allmählich von der großen hausgemachten Krise – und von einem gefestigten Aufschwung kann noch nicht die Rede sein. Die milliardenschwere Pleite der Bank Espírito Santo in Portugal hat deutlich gemacht, wie fragil die Lage in vielen Ländern noch ist. Da verwundert es nicht, dass aus dem Süden Rufe nach neuen Hilfsprogrammen der Europäischen Zentralbank laut werden und Frankreich mehr Zeit für den Abbau seines Staatsdefizits will.

Noch stehen die Chancen gut, dass der Wachstumseinbruch vom Frühjahr überwunden werden kann und die Konjunktur im zweiten Halbjahr wieder an Fahrt gewinnt. Schließlich profitieren die hiesigen Unternehmen vom zuletzt günstigeren Wechselkurs des Euro und dem kräftigen Wirtschaftswachstum in den USA, dem zweitwichtigsten Markt für Deutschlands Exportwirtschaft. Zudem stützen die niedrigen Zinsen die Bauwirtschaft. Dort gingen die Umsätze zwar zuletzt zurück, doch das lag daran, dass wegen des milden Winters bereits im Januar und Februar Arbeiten ausgeführt wurden, die eigentlich erst für Mai oder Juni geplant waren. Weil auch die Löhne stärker steigen, können die Menschen mehr Geld für private Einkäufe ausgeben.

Doch die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass der Aufschwung keine Selbstverständlichkeit ist und die starke deutsche Wirtschaft ihre Schwächen hat. Das hat sich selbst in der Regierung herumgesprochen, die derzeit erste Pläne für die zweite Hälfte der Legislaturperiode schmiedet – und dabei möglicherweise ihre Wachstumsannahmen korrigieren muss. In jedem Fall könnte die Kanzlerin gezwungen sein, auf die Partner in Europa zuzugehen und beispielsweise einer flexibleren Interpretation der Euro-Defizitregeln zuzustimmen, wie sie die Franzosen einfordern. Schon jetzt haben sie mit Brüssel vereinbart, den Fehlbetrag im Staatsetat bis zum kommenden Jahr unter die Marke von drei Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung zu drücken.

Angela Merkel hat auch skeptische Länder wie Italien dazu bewogen, harten Sanktionen gegen Russland zuzustimmen. Der Preis dafür sind möglicherweise wirtschaftspolitische Zugeständnisse, die innenpolitisch für neuen Ärger sorgen könnten. Auch das ist eine Folge der weltpolitischen Erschütterungen dieser Tage.