Die Schriftstellerin Larissa Boehning © Julia Baier

Am Anfang sieht es ganz nach einer Boy-meets-Girl-Geschichte unter vom Lebenserfüllungsstress gebeutelten Premium-Singles aus. Sie Werbefrau, er Produktmanager eines Onlinedienstes, alles blitzblank. Ein bisschen Melancholie to go zum Flanieren um die Ecken und Kanten des urbanen Daseins ist auch dabei: "Manchmal schien es mir, als bewegte ich mich durch ein Universum aus Einsamkeit" ...

Wer aber weiterliest, wird in Larissa Boehnings neuem Roman mit interessanten Wendungen überrascht. Dann kommen nämlich noch zwei weitere Match-Paarungen hinzu: Erbschleicher trifft einsame Witwe, und Frau mit dramatischer Kindheit findet eine Zuhörerin, der sie ihre Geschichte anvertraut. Der Clou besteht darin, dass diese Rollenvielfalt von lediglich drei Personen bestritten wird, woraus sich einige entscheidende Intrigen der Handlung ergeben. Ganz abgesehen von gar nicht unbeträchtlichen Spannungsmomenten.

Eher harmlos und spielerisch kommt der doppelte Boden des Romantitels Nichts davon stimmt, aber alles ist wahr schon in der ersten Begegnung zwischen Juliane und Matthias zur Geltung. Ist die Katze, deretwegen er an der Nachbartür klingelt, wirklich seine? Und was kann aus dem sexuellen Geplänkel, das sich daraus ergibt, folgen? Gemeinsame Zukunft, Beziehungstrara oder gar nichts?

Originalität ist nicht Julianes Stärke, und in ihren Wunschträumen, die vorübergehend wahr werden, riecht es stark nach Wasch- und Pflegemitteln: "Er kam zu mir, sein frisch geduschter Körper unter dem weißen T-Shirt." Als Typus von sympathischer Durchschnittlichkeit steht sie jedoch ihre Frau. Was sie von ihrer Arbeit an Werbekampagnen erzählt (Auto plus Liebespaar gleich Glück), harmoniert fabelhaft mit den Vorstellungen ihres persönlichen Bewusstseinshaushalts, zum Beispiel bei der hochgemuten Deutung ihrer kurzen Affäre mit dem Mann aus dem Hinterhaus: "Wir stiegen einfach ein ins Riesenrad, so mein Gefühl, wir teilten den Wunsch, durch den Himmel zu kreisen."

Juliane agiert ziemlich selbstlos, nimmt sich nicht übermäßig wichtig und wird von ihrer Autorin nicht sonderlich wichtig gemacht. Ihre große Aufgabe als Romanheldin besteht vor allem im Status der Beobachterin. Und als solche bekommt sie einiges zu tun. Durch eine seltsame Fügung lernt Matthias, der sich für die Steuerung des Zufalls interessiert, eine todkranke, wohlhabende ältere Frau kennen, um die er sich mit Honigmiene hingebungsvoll kümmert. "Es fiel ihm leicht, den Ton zu treffen, dem Menschen glaubten."

Als Juliane der Sache nachgeht, lernt auch sie diese Annemarie Funk kennen. Das ist der Punkt, an dem sich der Roman in drei Handlungslinien und Perspektiven verzweigt: die Ich-Erzählung von Juliane, die Kindheitserinnerungen von Annemarie und die Manipulationen des charmanten Schlawiners Matthias, der es auf nichts anderes abgesehen hat als auf eine kaltblütige Erbschleicherei.

Diese Dreiteilung erweist sich für den Roman als eine riskante Komplikation. Denn Annemaries Kindheitsgeschichte, die über mehrere Stationen immer wieder eingeschaltet wird, wirkt auf den ersten Blick wie ein anachronistischer Fremdkörper, dessen Bezug zur Romanhandlung im ziemlich Ungewissen bleibt. Für sich genommen haben diese Erinnerungen aber durchaus ihre Kraft. Sie handeln von der Tochter einer bayerischen Gastwirts- und Metzgerfamilie. Das Mädchen wurde früh in den Geschäftsbetrieb eingespannt und von der Mutter kujoniert. Das Realitätsprinzip beherrschte mit der bekannten Härte einstigen Dorflebens alles. Und wäre da nicht der Großvater gewesen, der gerne mit historischen Entdeckern und Abenteurern auf Fantasiereisen ging, hätte es für die junge Seele keinerlei Hoffnung oder Anregung gegeben. Die Nachzeichnung dieser traumatisch belasteten, dämonisch-fantastisch durchgeisterten Kindheitswelt verfehlt ihre Wirkung nicht.