Gregor Giele ist ein freundlicher und gelassener Mann. Das hilft ihm gerade noch mehr als sonst. Denn der 48-Jährige hat eine Aufgabe übernommen, die sich zu einer gewaltigen Herausforderung entwickelt hat: Giele ist nicht nur Pfarrer in Leipzig, sondern seit einiger Zeit auch Koordinator des Bistums Dresden-Meißen für den 100. Katholikentag. Es soll ein riesiges, ein tolles Fest werden, im Jahr 2016. Und es soll ausgerechnet in Leipzig stattfinden. Im gottlosen Osten also. Gerade einmal jeder vierte Sachse ist konfessionell gebunden. Und selbst innerhalb dieser Minderheit sind die Katholiken wiederum eine kleine Gruppe.

Nun ist in Leipzig ein Streit entbrannt: Welchen Teil der Kosten will die Stadt selbst übernehmen? Wie viel ist ihr der Kirchentag wert?

Insgesamt soll das Jubiläum 9,9 Millionen Euro kosten. Ein Drittel wird sich aus Spenden, Teilnehmergebühren und Projektmitteln zusammensetzen. Das Land Sachsen will zudem etwa drei Millionen Euro beisteuern, der Bund eine halbe Million. Die katholische Kirche übernimmt weitere 2,1 Millionen. Übrig bleiben Kosten von etwa einer Million Euro. Die soll die Stadt Leipzig tragen. So will es Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD). Seinem entsprechenden Antrag muss der Stadtrat noch zustimmen. Doch der weigerte sich bisher.

Warum, argumentieren die Gegner der Idee, soll Leipzig so viel Geld ausgeben, um eine Großveranstaltung für Katholiken zu fördern? Eine Stadt, die fast 700 Millionen Euro Schulden hat und in der nur vier Prozent der Bevölkerung der katholischen Kirche angehören? Dies ist nicht nur ein Streit um Geld. Es auch ein Streit über die Frage, wie stark die Religion in der weitgehend glaubensfernen Diaspora des Ostens staatlich gefördert werden sollte.

Kirchentags-Koordinator Gregor Giele sagt, er finde die Diskussion gut. Denn da gehe es um grundsätzliche Fragen, um den Stellenwert der Religion im öffentlichen Raum; auch wenn dieser Raum nahezu entchristlicht sei. Giele weiß, was es heißt, Pfarrer einer Minderheitenkirche zu sein. Aber seine Gemeinde in Leipzig bekommt derzeit ein neues Gotteshaus – die Propsteikirche; und das ist eine kleine Sensation. Es ist der größte katholische Neubau in Ostdeutschland seit 1990. Die Kirche – die durch das Bistum und durch Spenden finanziert wird – entsteht mitten in der Stadt, gegenüber dem Rathaus, sie wird Platz für etwa 600 Besucher bieten.

Sie entsteht in einer für die katholische Kirche in Leipzig guten Zeit. Gieles Gemeinde wächst stetig, sie hat nun 4.400 Mitglieder, deren Durchschnittsalter liegt bei gerade einmal 37 Jahren. Es kommen immer mehr Katholiken nach Leipzig, viele von ihnen sind Zugezogene aus den alten Ländern. Leipzig ist die Boomregion der Katholiken im Osten.

Man muss außerdem wissen, dass viele der prominenten sächsischen Politiker bekennende Christen sind, die ganz selbstbewusst christliche Werte vertreten, ohne damit die Mehrheit der Sachsen zu verschrecken. Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) ist gläubiger Katholik. Auch der sächsische SPD-Spitzenkandidat Martin Dulig lässt keine Gelegenheit verstreichen, sein Christsein zu betonen. Und die grüne Fraktionschefin Antje Hermenau hat sich vor drei Jahren taufen lassen und trägt seitdem ein goldenes Kreuz für alle sichtbar um den Hals. Die Zuschüsse des Freistaats für den Katholikentag wurden denn auch völlig geräuschlos beschlossen.

Gut möglich, dass Leipzigs Oberbürgermeister Jung die Stimmung in seiner Stadt auch deshalb falsch einschätzte. Der Streit um die Kosten hat ihn überrascht. Jung ist überzeugter Christ, ein Protestant. Vor Monaten schon traf er sich mit Vertretern des Bistums und mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), das den Katholikentag organisiert. Jung signalisierte Wohlwollen für das Anliegen, das große 100-jährige Jubiläum in Leipzig stattfinden zu lassen.

Nun kommt die Kritik von allen Seiten – sogar aus den eigenen Reihen. Der Leipziger SPD-Stadtrat Tino Bucksch etwa veröffentlichte jüngst auf seiner Homepage eine Erklärung dazu, warum er der Zuwendung für den Katholikentag nicht zustimmen könne: Er hält die hohe Summe für "unverhältnismäßig". So sehen es auch die Grünen, die dem Ereignis jedoch grundsätzlich positiv gegenüberstehen. Sie ärgern sich darüber, dass Jung die Beteiligung der Stadt im Hinterzimmer ausgekungelt und die Stadträte nicht in die Entscheidung eingebunden habe. Der Katholikentag sei zwar eine "großartige Sache", sagte Katharina Krefft, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Stadtrat. Aber "über Ausgaben dieser Größenordnung" müsse diskutiert werden. Das sei nicht geschehen.

In der öffentlichen Debatte werden nun gern Kindergartenplätze gegen Katholiken aufgerechnet. Tatsächlich fehlt es im chronisch klammen Leipzig an Tausenden Kita-Plätzen. Viele Schulen sind marode. Es liegt noch viel Überzeugungsarbeit vor Oberbürgermeister Jung.

Natürlich sei der Katholikentag eine Veranstaltung der Kirche, sagt Jung. Doch zugleich sei er ein Event wie jedes andere, das solvente Besucher aus ganz Deutschland in die Stadt locke und für bundesweites Renommee sorge. In Jungs Überzeugungsversuchen klingt es nun so, als ähnele der Katholikentag einer ganz normalen Messe für Wurstwaren oder Freizeitartikel. Der Katholikentag habe, so Jung weiter, "eine gesamtgesellschaftliche Bedeutung" wie andere Veranstaltungen auch und bedürfe deshalb der Unterstützung aus dem Stadthaushalt. Über die Höhe könne man ja noch reden.

Doch selbst finanziell, so Jung, könne die Stadt nur gewinnen. Zum Katholikentag in Mannheim im Jahr 2012 reisten 80.000 Menschen aus dem In- und Ausland an. Insgesamt flossen damals 4,3 Millionen Euro zurück in die Stadt. Und Stefan Vesper, Generalsekretär des ZdK in Bonn, sagt voraus: Auch Leipzig werde vom Katholikentag sehr profitieren. Jeder Besucher lasse im Schnitt 35 Euro pro Tag in der Stadt.

Doch selbst das Zentralkomitee erntet nun Kritik, und zwar von niemand Geringerem als dem Bischof von Dresden-Meißen, Heiner Koch. Dem Zentralkomitee fehle es an Sensibilität gegenüber den Menschen in dieser Region. Es solle "mehr um Verständnis bitten" und "argumentativ und transparent viel stärker in die Diskussion eintreten", sagte Koch der Leipziger Volkszeitung.

Pfarrer Giele indes glaubt, dass es ihm und den Verantwortlichen nicht gut genug gelungen sei, den Kirchentag überhaupt zu erklären. Dies sei eben keine offizielle Veranstaltung des Bistums, sondern vielmehr ein Treffen katholischer Laien – die sich über das Zentralkomitee organisieren. Und dieses habe keinen Zugriff auf Mittel aus der Kirchensteuer. Es gehört nicht zur Amtskirche. "Vielleicht haben wir da bislang einfach zu viel Kenntnis vorausgesetzt", sagt Giele. Der Katholizismus sei vielfältiger, als die meisten Menschen denken; und eben keine hermetisch abgeschlossene Gemeinschaft geweihter Männer. Insoweit sei auch der Katholikentag "gerade kein Fest für Insider", sagt Stefan Vesper, Generalsekretär des ZdK.

War es naiv, gerade den 100. Katholikentag in Leipzig zu planen und dort genauso selbstverständlich um finanzielle Unterstützung zu bitten wie in allen anderen Veranstaltungsstädten zuvor? "Es wäre sicher einfacher gewesen", antwortet Vesper, "dieses Jubiläum in einer katholischen Hochburg zu feiern." Aber gerade angesichts dessen, dass Kirche immer weniger Menschen etwas bedeute, sei die Feier in der Diaspora wichtig. Und egal, welche Summe die Stadt Leipzig schließlich nach der Sommerpause bereitstellen wird – eines verspricht Vesper: Einen Rückzug werde es nicht geben.