Seit 1989 gingen mehr als vier Millionen Ostdeutsche in den Westen. Halb so viele Westdeutsche aber kamen derweil in den Osten. Einer von ihnen ist Markus Decker. In seinem Buch "Zweite Heimat" porträtiert er Westdeutsche im Osten. Hier spricht er über seine Erfahrungen.

DIE ZEIT: Herr Decker, Sie sind aus dem Münsterland vor 20 Jahren in den Osten gezogen. Was erzählen Sie im Westen über Ihre zweite Heimat?

Markus Decker: Ich muss manchmal bei null anfangen. Denn vielen Westdeutschen sind noch immer zwei Dinge nicht bewusst: dass bei den wirtschaftlichen Verhältnissen weiterhin die Kluft sehr groß ist – und wie radikal die Wiedervereinigung das Leben jedes Ostdeutschen verändert hat. Ich merke zuweilen, dass manche Westdeutsche das nicht so genau wissen wollen.

ZEIT: Warum?

Decker: Die Vereinigung hat das Leben der meisten Leute im Westen gar nicht tangiert. Die dortige Mehrheitsgesellschaft hat einfach weitergelebt wie zuvor. Selbst jene, die erst kürzlich in den Osten gezogen sind und dachten, das Land sei eins, stellen überrascht fest: So weit ist es noch nicht.

ZEIT: Woran ist das spürbar?

Decker: Meine Partnerin stammt aus Thüringen. Wenn wir ihre Familie besuchen, erlebe ich, dass manches Gesagte dort anders verstanden wird als im Westen. Es gibt da Momente des Schweigens, der Einordnung, der Rückkopplung mit meiner Herkunft. Und ich merke, dass auch die Ostdeutschen selbst sich weiter eher nach Ostdeutschland orientieren. Wer in Eisenach wohnt, blickt nach Halle, Erfurt, Dresden; weniger nach Marburg, Kassel oder Frankfurt am Main. Das hat natürlich mit gewachsenen Beziehungen zu tun. Viele Ostdeutsche fühlen sich im Osten nach wie vor wohler.

ZEIT: Und Westdeutsche auch im Westen?

Decker: Ja. Selbst im Jahr 25 nach dem Mauerfall war ein Fünftel der Westdeutschen noch nie im Osten. Mir fällt auch auf, dass die meisten Westdeutschen im Osten einen westdeutschen Freundeskreis haben. Als Westdeutscher im Osten zu leben, heißt nach wie vor, unter Beobachtung zu stehen. Und im Zweifel nichts zu zeigen oder zu sagen, was an Negativklischees aus der Nachwendezeit erinnern könnte – wie Überheblichkeit oder Besser-Wessitum. Man kann sagen: Der Anpassungsdruck, der systembedingt seit 1989 auf den Ostdeutschen lastet, lastet menschlich gesehen auf den Westdeutschen im Osten.

ZEIT: Was waren die Motive, in den anderen Teil der Republik zu gehen?

Decker: Nach dem Mauerfall gab es viele Enthusiasten, die etwas Neues aufbauen wollten. Andere begriffen es als Chance, endlich oder schneller befördert zu werden. Manche Beamte wollten auch einfach deshalb von zu Hause weg, weil ihre Ehen kaputt waren. Unabhängig vom Motiv eint die meisten Westdeutschen, dass sie bis 1989 wenig vom Osten wussten. Viele nahmen die DDR als ein kulturell und gesellschaftlich zurückgebliebenes, unattraktives Land wahr.

ZEIT: Wie war das bei Ihnen?

Decker: Ich bin 1992 "rüber", als Volontär zur Mitteldeutschen Zeitung. Das war eine berufliche Chance. Mich hat der Wandel in der früheren DDR interessiert. Und ich habe versucht, dem Neuen möglichst vorurteilsfrei zu begegnen.

ZEIT: Für Sie war es wie ein Umzug etwa von Hessen nach Bayern?

Decker: Mir war schon klar, dass es etwas anderes ist. Normalerweise kommen Zuwanderer in ein bestehendes System und müssen sich integrieren. Die Westdeutschen aber brachten ihr System mit. Die DDR war ja der Bundesrepublik beigetreten.

ZEIT: Wie hat Ihr Bekanntenkreis reagiert?

Decker: Manche skeptisch, viele aber anerkennend nach dem Motto: dass du dich das traust! Aus meinem Umfeld war ich zunächst tatsächlich der Einzige. Es gab so einen linken Mainstream, der die deutsche Teilung nicht mehr infrage stellte. Außerdem kannten die meisten meiner Freunde niemanden im Osten. Die DDR galt als ein fernes Land, ferner als Frankreich oder England. Man darf auch nicht vergessen, dass es 1992 im Osten nicht so aussah wie heute. Es gab kaum sanierte Wohnungen, die Straßen waren miserabel, man heizte mit Kohle, die Luft war schlecht. Ich war damals jung genug, mich auf Neues einzulassen.

ZEIT: Ist Ihnen Ablehnung begegnet?

Decker: Nein, eher freundliche Neugierde. Ich arbeitete zwischen Halle und Magdeburg. Mit einem Kollegen, ebenfalls aus dem Westen, wohnte ich in einem unsanierten Haus in Neugattersleben, einem Dorf zehn Kilometer vor Bernburg. Da wurden wir bisweilen seltsam angeschaut, aber das wäre wohl jedem so gegangen, gleich welcher Herkunft. Dörfer sind so.