Peter Buffett ist von Beruf Sohn. Sein Vater, der Finanzier Warren Buffett, ist mit einem Vermögen von derzeit 62 Milliarden Dollar einer der reichsten Männer der Welt. Auf den ersten Blick erfüllt Buffett junior auch alle Klischees eines reichen Erben. Sein Büro liegt 33 Stockwerke über der New Yorker Nobelmeile Fifth Avenue, unweit vom Rockefeller Center. Aus seinem Fenster blickt er auf Häuserschluchten und Wolkenkratzer von Banken und Konzernen. Von hier aus gibt er das Geld seines Vaters mit vollen Händen aus.

Was nicht so recht ins Bild passt, ist das Cello in der Ecke. Buffett, 56 Jahre, graue Mähne, knittriger Blazer, Leder-Mokassins, sieht aus wie der Leader einer alternativen Rockband. Und ist es auch. Das Vermögen seines Vaters gibt er dafür aus, genau jenes System auszuhebeln, das diesen so erfolgreich gemacht hat. Peter Buffett ist angetreten, um den Kapitalismus zu reformieren.

In Peter Buffetts Leben gibt es ein Vorher und ein Nachher. Dazwischen liegt der "große Knall", wie er es ausdrückt. Zum Vorher gehört seine Kindheit und Jugend in den sechziger und siebziger Jahren, die zunächst, wie er sagt, weitgehend unberührt von den Milliarden des Vaters verlaufen sei. "Ich bin in eine ganz normale öffentliche Schule gegangen, hatte denselben Englischlehrer wie meine Mutter", erzählt er. Wenn sich sein Elternhaus im konservativen Omaha im Bundesstaat Nebraska von dem seiner Schulkameraden unterschied, dann dadurch, dass es die Bürgerrechtsbewegung unterstützte und seine Mutter sich für Frauenrechte engagierte.

Doch dann holte Buffett das Geld seines Vaters ein, zumindest ein bisschen. Mit 19 Jahren bekam der Sohn 90.000 Dollar, eine überschaubare Summe angesichts des Milliardenvermögens des Vaters. Mehr würde es nicht geben, so jedenfalls verstand es Peter zu der Zeit. Er verwendete das Geld, um Musiker zu werden. Und begann, als Produzent zu arbeiten. Er schrieb die Musik zu der berühmten Feuer-Szene in Kevin Costners Indianerdrama Der mit dem Wolf tanzt. 1999 gewann er einen Emmy für den Soundtrack zu einem Dokumentarfilm. Es hätte so weitergehen können – eine Karriere zwischen künstlerischem Anspruch und kommerzieller Notwendigkeit.

Aber dann wird Peter Buffett unverhofft Milliardär. Im Juni 2006 kündigt sein Vater an, den größten Teil seines Vermögens für wohltätige Zwecke zu spenden. Er glaube nicht ans Vererben oder, wie er es ausdrückt, an "die glücklichen Gewinner der Spermienlotterie". Über seine Kinder – Peter ist das jüngste der drei Geschwister – sagt er: "Sie hatten bereits einen gigantischen Vorsprung in einer Gesellschaft, die vorgibt, Wohlstand und Erfolg nach Leistung zu verteilen. Dynastische Megavermögen würden die Wettbewerbsbedingungen noch weiter verzerren." Den größten Teil seiner Milliarden gibt Warren Buffett deshalb an die Stiftung seines Freundes, des Microsoft-Gründers Bill Gates. Doch eine Milliarde Dollar schenkt er Peter Buffett und seiner Frau Jennifer. Die Schenkung knüpft er an die Bedingung, sie für gemeinnützige Projekte zu verwenden. Das ist der "große Knall" im Leben des Peter Buffett.

Buffett und seine Frau gründen Novo, eine gemeinnützige Stiftung mit dem Ziel, einen "globalen Wandel der Gesellschaft von einer Kultur der Unterdrückung in eine Kultur der Gleichheit und der Zusammenarbeit" herbeizuführen. Sie unterstützt etwa eine Initiative von Erntehelfern aus Florida, die sich gegen die brutalen Arbeitsbedingungen auf den Tomatenfeldern wehrt. Mithilfe von Novo schaffen es die Arbeiter, große Abnehmer wie Wal-Mart, McDonald’s und Burger King dazu zu bringen, nur Tomaten einzukaufen, deren Produzenten sich zu besseren Arbeitsbedingungen und einer fairen Bezahlung verpflichtet haben.

Mit seiner Kritik am "Kolonialismus" der Mäzene löst er eine Debatte aus

Peter Buffett wird häufig mit John D. Rockefeller verglichen, dem Erben des Öl-Tycoons, der sein Leben mit der Verteilung von Spenden verbrachte. Viele Erben der amerikanischen Geldaristokratie hätten ein schlechtes Gewissen, sagt der Wirtschaftshistoriker John Steele Gordon. "Wohltätigkeit ist das Nebenprodukt des amerikanischen Kapitalismus."

Doch Buffett und seiner Frau fällt es schwer, sich in der Welt der großen Non-Profit-Organisationen zurechtzufinden. Im Zirkel der New Yorker Geldelite, die sich bei nächtlichen Partys im ägyptischen Tempel des Metropolitan Museum vergnügt oder in Gala-Garderobe unter den Kronleuchtern des Ballsaals im Hotel Pierre speist – alles für einen guten Zweck, versteht sich –, fühlen sich die beiden fremd. "Wir konnten nicht so recht verstehen, warum diese Leute so viel Aufhebens um uns machten. Unser Nachname, unser bloßes Erscheinen war genug, um sie in Begeisterung zu versetzen", sagt Buffett heute.

Bei Buffett staut sich ein Unbehagen an, das er zunächst nur musikalisch ausdrücken kann. "Erst war es ein Lied", sagt er. Vergangenen Sommer dann schreibt er seine Gedanken in einem Kommentar für die New York Times auf. Schon die Überschrift ist eine Provokation: "Der wohltätigkeitsindustrielle Komplex" – in Anlehnung an den militärisch-industriellen Komplex, der den übermäßigen Einfluss der Rüstungsindustrie auf die Politik beschreibt, vor dem Präsident Dwight Eisenhower einst gewarnt hatte.

Stiftungen der Superreichen seien nichts weiter als "Gewissenswaschanlagen"

In dem Artikel prangert Buffett einen "Mäzenatenkolonialismus" an. Als Insider dieser Branche erlebe er den Drang von Geldgebern, Menschen aus einem anderen Kulturkreis mit einer Patentlösung zu beglücken. "Egal ob Anbaumethoden, ob Ausbildungssystem, ob Wirtschaftsförderung – wieder und wieder habe ich erlebt, wie diese Leute einfach Konzepte von einem Ort auf den anderen übertrugen, ohne Rücksicht auf Kultur, Geografie oder gesellschaftliche Normen." Die Hilfe werde den Menschen viel zu oft einfach "übergestülpt".

Doch weit schlimmer sei etwas anderes: Die Stiftungen der Industriellen und Finanziers mühten sich um Lösungen für Probleme, die sie und ihre Mitstreiter mit ihren kommerziellen Aktivitäten selbst angerichtet hätten. In gleichem Maße, wie die soziale Ungleichheit wachse, wachse auch die Wohltätigkeit. "Fast immer, wenn sich jemand besser fühlt, weil er etwas Gutes getan hat, wird auf der anderen Seite der Welt oder der Straße jemand tiefer in ein System gedrängt, das ihm keine Chance lässt", sagt Buffett. Gutes zu tun mindere also an anderer Stelle den moralischen Druck, Schlechtes zu unterlassen.

Das Ganze sei nichts weiter als eine "Gewissenswaschanlage" für das obere eine Prozent der Bürger. Selbst an Mikrokrediten, oft als Hilfe zur Selbsthilfe gelobt, lässt Buffett kein gutes Haar: "Letztlich geht es immer darum, diese Menschen in unser System von Schulden und Zinsen einzubinden." Ziel sei es, die ganze Welt in einen einzigen großen Markt zu verwandeln. Buffetts Abrechnung gipfelt in der Forderung, die Spenden lieber dafür einzusetzen, neue Konzepte auszuprobieren, die unsere bestehenden Strukturen und Systeme zerschlagen. "Wir brauchen ein neues System."

Peter Buffett trifft einen Nerv. Er habe die "größte Debatte über Non-Profit-Organisationen seit Jahren ausgelöst", verkündet der Wirtschaftssender CNBC. Während Befürworter Buffett für seine Ehrlichkeit loben – er wird unter anderem mit John Wyclif verglichen, einem englischen Theologen aus dem Mittelalter, der als Ketzer verfolgt wurde, weil er die Kirchenfürsten kritisierte –, gehen andere hart mit dem Nestbeschmutzer ins Gericht. William MacAskill, ein konservativer Ethik-Gelehrter aus Oxford, unterstellt Buffett ein "beeindruckendes Unwissen über ökonomische Fragen und die extreme globale Armut". Es sei hanebüchen, zu behaupten, Bill Gates habe "zu der Malariakrankheit beigetragen, vor der er all die sterbenden Kinder retten will", erklärt auch Matthew Bishop, Redakteur beim Economist. "Buffett erliegt einem utopischen Anspruch, dass eine neue Gesellschaft Not lindern und Wohlstand für alle schaffen kann", urteilt ein Kolumnist des Magazins Forbes.

Buffett ist stolz auf die Welle, die er losgetreten hat. Der wiederkehrende Vorwurf, er sei ein Utopist, ist für ihn der schlagende Beweis dafür, dass er auf der richtigen Spur ist. Die Unfähigkeit, sich überhaupt vorzustellen, dass ein alternatives System möglich sei, ist für ihn der Kern des Problems. "Wir brauchen neue Ideen, neue Ansätze – wir brauchen jemanden wie Marx."

Seinen Vater bewundert er und urteilt doch vernichtend über dessen Wirken

Doch Buffett fällt es offenbar selbst schwer, sich von der Welt seines Vaters zu lösen. Denn er sagt auch: "Es wird immer Märkte geben, Menschen haben schon seit Urzeiten getauscht und gehandelt." Es müsse gelingen, den Kapitalismus menschlicher zu machen, sinniert er. Ihn von einem System von Transaktionen und Profit in eines von Beziehungen und Gemeinschaft zu wandeln. Dass Veränderung möglich ist, will er mit seinem jüngsten Projekt beweisen.

Eine alteingesessene Farm, 100 Kilometer von New York entfernt, soll zu einem Forschungs- und Lehrzentrum für lokale und nachhaltige Landwirtschaft werden – es ist das größte Vorhaben dieser Art im Land. Buffetts ambitioniertes Ziel ist es, zu beweisen, dass eine Alternative zur industriellen Landwirtschaft im großen Stil funktioniert.

Der Sohn eines der erfolgreichsten Kapitalisten wünscht sich einen neuen Marx. Er ist für freie Märkte, aber gegen Profitstreben. Er steht einer Stiftung vor und beschuldigt die Branche zugleich, Teil eines profitgetriebenen Systems zu sein. "Ich muss mit all diesen Widersprüchen leben", sagt Buffett. Auch mit einem sehr persönlichen. Zu seinem Vater pflegt er ein enges Verhältnis, bewundert ihn. Über den New York Times-Kommentar sei dieser begeistert gewesen. "Mein Vater sieht Unrecht und soziale Ungleichheit." Und doch urteilt der Sohn vernichtend über das System, das seinen Vater reich gemacht hat: Egal, in welchem Wirtschaftsbereich, wenn man tief genug grabe, stoße man auf Ausbeutung. "Es ist klar, dass es so nicht ewig weitergehen kann."

Das mediale Feuerwerk war der zweite Knall im Leben von Peter Buffett. Ein Befreiungsschlag, der ihm geholfen hat, sich mit den Milliarden seines Vaters zu versöhnen. Denn sie sind es letztlich, die ihm eine Plattform geben, von der aus er den Reichen und Mächtigen unbequeme Fragen stellen kann.