Der Türkei geht es schlecht, sehr schlecht sogar. Nicht erst seit dem 17. Dezember 2013, als der Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan die Untersuchung niederschlagen ließ, die wegen Korruption gegen seine Regierung eingeleitet worden war – in einer wirklichen Demokratie ein undenkbarer Vorgang. Den Wendepunkt in der Geschichte des Landes markierten die Demonstrationen auf dem Taksim-Platz. Die Jugend war entschlossen, ihren Platz in der modernen Welt einzunehmen und hatte sich gegen den Ultrakonservativismus der Regierung entschieden. Unglücklicherweise wurde diese Willensäußerung niedergeknüppelt, sechs Tote und Hunderte Verletzte waren der Preis. Und seither ist es noch schlimmer geworden. "Wenn alle Meere des Planeten zu Tinte würden", wie ein türkischer Dichter einmal sagte, hätte ich nicht genug Tinte, um meine Bestürzung auszudrücken.

Die politische Geschichte meines Landes hat schwer an ihrer autoritären Tradition zu tragen. Lange Zeit herrschte ein Einparteiensystem, es gab drei Staatsstreiche; ich selbst wurde nach dem Putsch von 1980 angeklagt, weil ich in meinem Buch Ein Sommer ohne Ende "die Sicherheitskräfte und die Armee beleidigt" und in Die erste Frau gegen "die guten Sitten" verstoßen hätte. Unter der Regierung Erdoğan wurde meinem Roman Allahs Töchter "religiöse Volksverhetzung" vorgeworfen; ein langer Prozess endete mit einem Freispruch. Heute erzählt unser allwissender und allgegenwärtiger Ministerpräsident den Menschen, wie sie zu leben haben, er fordert sie auf, Alkohol nur zu Hause zu trinken, er will einen Fernsehsender zwingen, eine Serie über Süleyman den Prächtigen einzustellen, weil der Sultan in seinem Harem gezeigt wird, wo doch jeder wisse, dass unsere Vorfahren niemals vom Pferd gestiegen seien. Bei einer Rede in Wien erinnerte Erdoğan vor Kurzem an die heldenhafte türkische Belagerung der Stadt im 17. Jahrhundert; ihm war völlig entfallen, dass die Türkei sich immer noch um den EU-Beitritt bemüht. Lächerlich und erbärmlich. Aber es ist mehr als das – es ist auch ein Albtraum.

Als Erdoğan, damals Bürgermeister von Istanbul, zu vier Monaten Haft verurteilt wurde, protestierte ich als einer von wenigen Demokraten dagegen. Ich war der Ansicht, dass es in einer Demokratie nicht strafbar sein kann, wenn man Verse von Ziya Gökalp, dem Begründer des türkischen Nationalismus, zitiert: "Die Minarette sind unsere Bajonette, die Moscheen unsere Kasernen, die Gläubigen unsere Soldaten." Das ergab sich zwingend aus dem Recht auf freie Rede. Doch heute verfolgt derselbe Erdoğan Schriftsteller und Journalisten, er greift zum Telefon und setzt die Justiz unter Druck, um sie verurteilen zu lassen. Wenn ihm das nicht gelingt, empfindet er sich als ohnmächtig – sieht seine Autorität infrage gestellt, seine Selbstliebe verletzt. Kein türkischer Politiker hat bisher eine solche Arroganz, solchen Dünkel unter Beweis gestellt. Die Macht verbraucht vielleicht manchen, doch er missbraucht sie.

In seiner ersten Amtszeit hatte Erdoğan in den Hauptstädten Europas seine Aufwartung gemacht, um seine Gesprächspartner vor dem Gipfel von Kopenhagen von der Europa-Affinität der Türkei zu überzeugen. Heute provoziert er Europa und entfernt sich immer weiter von den demokratischen Grundwerten. Früher gab er immer wieder vielversprechende Erklärungen ab, besonders zum Zypernkonflikt. Heute ist Nikosia noch immer durch eine Mauer geteilt, und Erdoğan gefällt sich darin, die Erinnerung an unsere kriegerischen Vorfahren heraufzubeschwören.

Das autoritäre Abdriften der Türkei manifestiert sich immer klarer in der Person Erdoğans, dessen Wurzeln in einer islamistischen Bewegung liegen. Während er sich zunächst als "konservativen Demokraten" bezeichnete, ist er inzwischen zum Hemmschuh für die Entwicklung demokratischer Werte geworden. Stellen Sie sich einmal ein Land vor, das in die Europäische Union aufgenommen werden möchte – und dessen Premierminister aus Marokko anruft und vom Intendanten eines privaten Fernsehsenders verlangt, eine ihm nicht genehme Sendung unverzüglich abzusetzen. Ohnehin unterstehen alle staatlichen Sender und ein großer Teil der Presse seiner Kontrolle. 

Erdoğan hat Angst

Stellen Sie sich ein Land mit einer rechtsstaatlichen Verfassung vor, in dem der Ministerpräsident den Justizminister auffordert, einen Zeitungsherausgeber verurteilen zu lassen. Stellen Sie sich ein Land vor, in dem Bestechung selbstverständlich verboten ist, aber der Regierungschef im Morgengrauen seinen Sohn anruft, damit er die Dollarmillionen aus dem Haus schafft; vorausgegangen waren Hausdurchsuchungen bei den Söhnen von vier Ministern, deren Rücktritt erst zehn Tage später erfolgte, nachdem sie vermutlich das Beweismaterial vernichtet hatten. In der Wohnung eines Bankdirektors wurden knapp fünf Millionen Dollar gefunden, sorgsam in Schuhkartons versteckt, außerdem Geldzählmaschinen. Bis heute sitzt dieser Direktor in der Geschäftsführung und bezieht sein Gehalt. Nur die Bank hat er gewechselt. Heute hat er mehr Macht, und trotz der Warnungen von Wirtschaftsminister Babacan hört man auf ihn. "Es ist was faul im Staate Erdoğan", hätte Hamlet gesagt.

Der französische Staatspräsident François Hollande, den ich Ende Januar 2014 bei seiner offiziellen Reise in die Türkei begleitet habe, wies nachdrücklich auf die Bedeutung der Gewaltenteilung in einer Demokratie hin. Beim Abendessen im Präsidentenpalast in Ankara konnte ich Erdoğan beobachten, wie er Hollandes Rede lauschte. Gott weiß, was er dachte; ich jedenfalls erinnerte mich daran, wie er nach seinem Wahlsieg 2011 aufgetreten war, als wäre ihm alles untertan: "Zum Anführer ist man geboren, das wird man nicht." Nach über elf Jahren als Ministerpräsident will er im Triumphzug das Präsidentenamt ansteuern, merkt aber nicht, dass der Wind sich gedreht hat. Erdoğans Erfolg bei den Kommunalwahlen im März war relativ. Auch wenn seine Sympathisanten ihm zujubeln – er hat Angst, was sich an seinem verkrampften Gesichtsausdruck ablesen lässt.