DIE ZEIT: Was halten Sie von Selfies, Mr. Tomkins?

Dave Tomkins: Selfies sind okay – wenn man Bilder von sich mag. Es ist lustig zu sehen, wie die Menschen in verschiedenen Ländern ganz unterschiedlich damit umgehen. Wir Australier zum Beispiel sind eher bescheiden. Enorm viele Fotos von sich selbst zu machen, finden wir merkwürdig.

ZEIT: Wer Ihnen dieser Tage eine Mail schreibt, bekommt als automatische Antwort Ihr Versprechen, so bald wie möglich zurückzuschreiben – sowie ein Bild Ihres Großvaters. Er nutzte dafür diesen coolen Selfie-Knopf, den analoge Kameras hatten. Man nannte ihn Selbstauslöser.

Tomkins: Seit ich vor ein paar Monaten mit meiner Webseite www.grandpas-photos.com online gegangen bin, komme ich leider nicht mehr dazu, jede Mail direkt zu beantworten. Die Seite hatte allein in den ersten vier Tagen um die 20.000 Besucher.

ZEIT: Dabei ist da kaum mehr zu sehen als ein paar mehr oder weniger scharfe Fotos aus den fünfziger und sechziger Jahren, Selbstporträts von Ihrem Großvater unterwegs. Erzählen Sie mal, was Sie mit der Seite überhaupt wollen. Wie ist die Idee entstanden?

Tomkins: Es begann vor fünf, sechs Jahren, als mein Großvater in ein Pflegeheim umziehen musste. Meine Mutter, mein Bruder und ich lösten seinen Haushalt auf, und dabei stieß ich auf diese riesige Kiste mit Dias. Ich wollte sie sofort anschauen, aber das war gar nicht einfach, weil die Dinger so verdammt klein sind.

ZEIT: Hatte er keinen Diaprojektor?

Tomkins: Nein, ich habe nur so einen Old-School-Bildbetrachter gefunden, eine kleine Plastikbox, die mit Batterien läuft ...

ZEIT: ... und man muss jedes Dia einzeln reinschieben, und es dauert ewig, bis man durch eine einzige Diaschiene durch ist.

Tomkins: Genau, so ein Ding. Ich dachte, es wäre das Einfachste, die Dias einzuscannen. Das Heim meines Großvaters war in Melbourne, tausend Kilometer von Sydney entfernt, wo ich selber lebe. Wenn ich ihn besuchte, nahm ich die Scans manchmal mit. Ich dachte, die Fotos würden ihm dabei helfen, sich an einige schöne Erlebnisse zu erinnern und mir davon zu erzählen. Er war damals immer noch sehr klar im Kopf. Trotzdem wusste er über die meisten Motive nichts mehr zu sagen. Auf einem Rückflug nach Sydney dachte ich: Man müsste die Bilder ins Netz stellen. Dann könnten andere Leute dabei helfen, herauszufinden, wo sie entstanden sind. Auf einigen sind ja durchaus markante Gebäude zu sehen.

ZEIT: Warum hat Ihr Großvater überhaupt so viel fotografiert?

Tomkins: Er war Schmuckhändler für eine Kette australischer Juweliergeschäfte. Meine Mutter hat mir erzählt, dass auf einem der Bilder auch der Chef des Unternehmens zu sehen sei, Jim oder Josh Prouds, das ist das erste Bild auf der Webseite. Die beiden waren oft zusammen auf der ganzen Welt unterwegs. Das waren zwar Geschäftsreisen, aber es sieht aus, als hätte Großvater zwischen den Terminen seinen Spaß gehabt.

ZEIT: Was hielt er von Ihrer Idee, die Bilder öffentlich zu machen?

Tomkins: Großvater selbst fand seine Fotos, glaube ich, nicht besonders sehenswert. Ich meine aber, dass sie schön sind. Sie haben etwas Besonderes, auch wenn man ihn nicht kennt. Als ich ihm die ersten Scans zeigte und sagte, sie seien großartig, war er zwar freundlich, aber ich glaube, er dachte, dass ich ihm eine Freude machen wollte. Ein halbes Jahr später zog ich nach London, ein weiteres Jahr darauf nach New York, um bei verschiedenen Werbeagenturen zu arbeiten, und dort kam ich dann erst mal zu gar nichts. Aber ich zeigte die Scans jedem, auch meinem Chef.

ZEIT: Und?

Tomkins: Er fand sie toll – so sehr, dass er sie in der Agentur ausstellen wollte. Ich rief sofort meinen Großvater an und sagte: Opa, deine Fotos werden in New York ausgestellt!

ZEIT: Und was hat er gesagt?

Tomkins: Das hat ihn dann schon umgehauen. Auch deshalb habe ich immer an der Idee mit der Webseite festgehalten. Ich hoffte, ihm irgendwann sagen zu können, wie viele Tausend Leute seine Bilder im Netz angesehen haben. Das hätte ihn ganz sicher davon überzeugt, dass seine Fotos wirklich gut sind. Wobei das Gespräch zugegeben schwierig geworden wäre, weil Großvater nie wirklich verstanden hat, was das Internet ist.

ZEIT: Er starb dann aber leider, ehe die Seite fertig war.

Tomkins: Ja, im vergangenen Juli. Während des Heimflugs zu seiner Beerdigung habe ich mir erst Vorwürfe gemacht, weil ich die Seite nicht rechtzeitig fertig gekriegt habe, aber dann dachte ich: Ihm hat es viel bedeutet, dass ich diesen Job in New York bekommen hatte. New York City! Das war für ihn ein ganz großes Ding. Er hätte nicht gewollt, dass ich mir die Nächte am Computer um die Ohren haue, statt die Stadt zu erkunden.

ZEIT: Mittlerweile ist Ihre Webseite online. Haben Sie schon alle Fotos zuordnen können?

Tomkins: Von den 50 Reisebildern, die ich hochgeladen habe, fehlen tatsächlich nur noch drei Ortsangaben – was wirklich verrückt ist, weil eine ganze Menge Fotos ziemlich verschwommen ist. Bei dem Bild auf der Startseite zum Beispiel ist der einzige Bezugspunkt der Blick aus dem Fenster – und der ist unscharf. Trotzdem haben mir drei, vier Leute detaillierte Informationen geschickt. Die Resonanz ist unglaublich. Es gibt Fotos, bei denen ich dachte: Die bekomme ich nie zugeordnet. Aber die Leute überschlagen sich! Einer hat mir 20 Google-Maps-Screenshots geschickt, mit roten Linien und dem Winkel, aus dem das Foto entstanden sein muss!

ZEIT: Wie erklären Sie sich dieses enorme Interesse?

Tomkins: Zunächst einmal hoffe ich, dass die Leute die Bilder genauso toll finden wie ich. Und dann denke ich, dass viele gerne etwas Ähnliches machen würden. Sie haben ihre eigenen Fotokisten irgendwo, ihre eigenen Erinnerungen. Viele schicken mir auch Links zu den Fotos ihrer Großväter auf Flickr. Ich würde mich freuen, wenn meine Seite sie dazu bringen würde, mit ihren Großeltern ins Gespräch zu kommen, ihnen Fragen zu stellen, um mehr über sie zu erfahren. Es ist wirklich verrückt: Ich habe als Kind so viel Zeit mit Großvater verbracht, aber es ist mir nie in den Sinn gekommen, ihn über sein Leben zu befragen.

ZEIT: Im Moment sind Sie auf dem Heimweg von New York nach Sydney?

Tomkins: Ja, und ich möchte versuchen, unterwegs den Hinweisen nachzugehen, die bei mir eingegangen sind. Im Moment bin ich in Zürich, und ich habe tatsächlich Motiv Nummer 5 gefunden – eine Brücke über einen Fluss mit einem spitzen Kirchturm dahinter. Es ist aufregend, da zu stehen, wo er ein halbes Jahrhundert vor mir gestanden hat. Ich habe das Gefühl, ich bin da über etwas gestolpert, das mir hilft, ihn ein wenig länger festzuhalten.

ZEIT: Meinen Sie, dass Ihre Enkel irgendwann auch auf Ihre Fotos stoßen und sich fragen werden, wo Sie die Aufnahmen gemacht haben? Oder drückt einer von ihnen versehentlich die Löschtaste und macht damit alle Fragen obsolet?

Tomkins: Keine Ahnung. Ich denke, dass wir heute sehr viel seltener gemeinsam Fotos ansehen, als wir das früher getan haben. Wir laden unsere Bilder bei Facebook hoch, hoffen, zehn Likes zu bekommen, und sind andernfalls am Boden zerstört. Ich weiß nicht, was besser oder schlechter ist – aber Mark Zuckerberg freut sich in jedem Fall darüber, das ist ja schon mal was.

ZEIT: Ist das Fotografieren trotz allem Social-Media-Hype einsamer geworden?

Tomkins: Wir reden jedenfalls ganz sicher weniger über die Geschichten hinter den Bildern. Aber ich wette, Großvater hat früher bei seinen Diaabenden auch nicht alles erzählt.