Die 1.-August-Reden sind verklungen. Das Lob auf Unabhängigkeit, Neutralität und direkte Demokratie ist in vielen Tönen besungen worden. Die Schweiz hat einen schönen Gründungsmythos, dem der Deutsche Schiller 1804 mit seinem Freiheitsdrama Wilhelm Tell ein ewiges Denkmal gesetzt hat. Das Stück hat viele Revolutionäre beflügelt, auch die schweizerischen, die 1848 nach einem Bürgerkrieg den Bundesstaat Schweiz gegründet haben. Es blieb die einzige erfolgreiche bürgerliche Revolution in Europa. Sie erst brachte das Stimm- und Wahlrecht für Männer und später das Referendums- und Initiativrecht. Die Frauen mussten noch 123 Jahre auf die Demokratie warten.

Von dieser im damaligen Europa spektakulären Geschichte hört man heute wenig. Das historische Selbstverständnis der Mainstream-Schweiz ist dem Gründungsmythos verhaftet. Dieser erzählt von einem 700-jährigen Freiheitskampf des "einig Volk von Brüdern" gegen alles, was von außen kommt.

Mit einem solch holzschnittartigen Geschichtsbild kann man natürlich nichts aus der vielfältigen Geschichte des Landes lernen: Abgeschottet von der Außenwelt haben nämlich auch die Bauern in den Alptälern von Uri, Schwyz und Unterwalden im 13. und 14. Jahrhundert nicht gelebt. Unabhängig oder frei waren sie ebenfalls nicht: Bündnisse wie jenes zwischen Uri, Schwyz und Unterwalden gab es viele. Sie dienten der Reichsfreiheit und nicht zuletzt den lokalen Clans zur Absicherung ihrer Herrschaft gegenüber dem gemeinen Volk. Es hatte "ein jeder nach seinem Stande seinem Herrn nach Gebühr untertan" zu sein, wie es urkundlich heißt. Nix von Freiheit und Demokratie.

Auch der Neutralitätsgedanke ist ein schweizerisches Gen geworden. Das macht ihn so interessant für jene, die glauben, die Idee der Schweiz für sich gepachtet zu haben. Man erkennt sie daran, dass sie bald schon "Marignano, Marignano!" rufen werden. Und behaupten, das sei der Ursprung der schweizerischen Neutralität.

Bleibt die Frage: Wer hat’s erfunden? Nicht die Schweiz. Nicht in Marignano. Und schon gar nicht 1515. Marignano beendete zwar die Schweizer Großmachtpolitik. Wichtiger war aber der Vertrag "Ewiger Frieden", den die Eidgenossen 1516 mit dem Sieger von Marignano, dem französischen König, schlossen. Er verschaffte ihnen Zugang zum französischen Binnenmarkt und zum Salzprivileg, dem Handel mit dem weißen Gold. Dafür durfte der König auf 16 000 Schweizer Söldner zugreifen. Dieses exklusive Bündnis dauerte bis zur Französischen Revolution 1789 und war so eng, dass der französische Botschafter als einziger ausländischer Vertreter an der Tagsatzung teilnehmen durfte. Nix von Neutralität! Dafür ergaben sich tolle Handelsmöglichkeiten. So gesehen, war Marignano die Geburtsstunde der Exportschweiz.

Wirklich unabhängig und als neutraler Bund anerkannt wurde die Eidgenossenschaft 1648 mit dem Westfälischen Frieden. Vermittelt hatte diesen Vertrag der Basler Bürgermeister Johann Rudolf Wettstein, der den Umstand, dass keine der Großmächte einer anderen die Alpenpässe gönnte, geschickt zu nutzen wusste. Die Neutralität aber wurde weiterhin bedarfsgerecht interpretiert. Die alten Orte belieferten halb Europa mit Söldnertruppen und schickten ihren Nachwuchs für viel Geld in fremde Dienste. Untereinander aber führte das "einig Volk von Brüdern" Dutzende von Kriegen, religiös gespalten, wie es war. Und wäre beinahe im Bürgerkrieg untergegangen, wenn nicht 1802 Napoleon mit seiner Mediationsakte eingegriffen hätte. Am Wiener Kongress 1815 gewährten die Sieger der Schweiz die Neutralität, weil sie das Land als stabilen Puffer brauchten. Sie machte daraus ein Erfolgsmodell und ersetzte die fremden durch die guten Dienste.

Merke: Die historische Wahrheit ist vielfältiger, als es uns bestimmte Kreise glauben lassen wollen.