Elf Uhr vormittags im Garten des Café Einstein in der Berliner Kurfürstenstraße. Der Bundestag ist in der fünften Woche der Sommerpause, Steffen Seibert, 54, ehemals Moderator des heute-journals und seit vier Jahren Sprecher der Bundesregierung, war mit seiner Familie an einem norditalienischen See. Es ist schon ein kleines Wunder, dass er zum Interview erscheint: Die Aufgabe eines Regierungssprechers besteht ja weniger darin, eine interessante eigene Meinung zu vertreten, als darin, die Arbeit der Regierung zu verkaufen. 

Seine korrekte Erscheinung: Der Regierungssprecher der Bundesrepublik Deutschland trägt braune Wildleder-Clarks. Er sieht immer so frisch geduscht und nach den sechziger Jahren aus (ein bisschen wie der junge Karlheinz Böhm). Seibert bestellt Omelette. Das könnte danebengehen, aber vielleicht kann man beim Plaudern mit ihm sogar ein wenig abheben – von ihm geht die Aura eines Bohemiens, ja eines Geistesmenschen aus.

Er gibt ein "Aaaaah" von sich, weil es im Garten so wunderbar schattig ist. "Das gibt es sonst gar nicht, dass ich mich um elf Uhr vormittags zum Frühstück treffe." Seine prononcierende Stimme. Welches heikle Thema musste er zuletzt den Journalisten erklären? Er denkt nach. "Oft sind die heiklen Themen ja gar nicht die wichtigsten, sondern die, die zwischen den Koalitionspartnern wegen irgendwelcher Details hakelig sind."

Zuletzt reiste er mit der Kanzlerin nach China, Brasilien und Kroatien. Braucht man als Regierungssprecher eine starke Konstitution? Anders gefragt: Ist es ihm schon einmal gelungen, neben der Kanzlerin ein Nickerchen zu halten? Er lächelt. Dann lacht er, weil die Vorstellung natürlich amüsant ist, wie er neben der Kanzlerin pennt. Antwort ins Allgemeine: "Wenn man die Ehre und das Vergnügen einer solchen Aufgabe hat, nölt man nicht über die Arbeitsbelastung. Außerdem kann ich überall einschlafen, auch in Flugzeugen und Hubschraubern."

Mythos Morgenlage im Bundeskanzleramt: Was genau passiert da? Kann er da bitte einmal aus dem Nähkästchen plaudern? Nein, er kann nicht plaudern. "Die Morgenlage ist ja nur deshalb ein Mythos, weil eben nicht über sie geplaudert wird. Es ist eine Runde vollkommener Vertraulichkeit."

Der Regierungssprecher denkt nun über das Verhältnis zwischen Deutschland und Amerika nach: Es sei erschreckend zu hören, wie die USA mit Mächten gleichgesetzt würden, die weder Demokratie noch Menschenrechte als Grundlage hätten. Die Weltkrisen sind in diesen Wochen so groß, dass das Innenpolitische fast out ist. Richtig? "Eine Bundeskanzlerin steht mit einem Bein in der Weltpolitik und befasst sich mit Ukraine-Krise, Chinas Wirtschaftsentwicklung und NSA-Überwachung; mit dem anderen Bein steht sie in der Innenpolitik und kümmert sich um Bafög, Biogas-Subventionen oder Haushaltsfragen."

Nach seinem Glauben (er ist zum Katholizismus konvertiert) fragen wir ihn nicht, damit kommen ihm alle Seibert-Porträtisten. Er hätte jetzt gerne, dass man ihn mal nicht nach der Kanzlerin fragt. Liest er Proust? Auf der Suche nach der verlorenen Zeit hat er gelesen. Kann er ein Gedicht auswendig? Seibert zitiert Emily Dickinson. Nach seinem Lieblingsduett in Mozarts Così fan tutte gefragt, nennt er Il core vi dono.

Endlich, jetzt plaudern wir – wir fliegen! Weil’s gerade so schön ist, müssen wir ihn nach Merkels ungeheurer Popularität fragen. Ganz blöd: Macht Merkel auch etwas falsch, wenn sie so beliebt ist? Regierungssprecher Seibert: "Die Bundeskanzlerin weiß aus Erfahrung, dass die Zahlen von morgen nicht die Zahlen von heute sein müssen." Er fährt nun zum Bahnhof, seine Mutter vom Zug abholen.