Glücklich als Maler: Tim Scholz auf einer Baustelle © Sebastian van den Akker

"Bist du vollkommen verrückt?" Das war mit das Erste, was Tim Scholz von seinem zukünftigen Chef zu hören bekam. Scholz, gerade 30 Jahre alt geworden, hatte elf Semester Informationstechnik an der TU Dortmund studiert. Der Abschluss stand kurz bevor – und nun saß er im Geschäft von Malermeister Wolfgang Weiß, um sich für einen Ausbildungsplatz zu bewerben. "Als Maler wirst du wieder ganz unten anfangen und mit einem Haufen pubertierender Jungspunde, die ungefähr halb so alt sind wie du, die Schulbank drücken", sagte Wolfgang Weiß. "Ich bin nicht verrückt", antwortete Tim Scholz mit fester Stimme. "Im Gegenteil, ich bin endlich bei mir selbst angekommen."

Heute, vier Monate später, sitzen sich Scholz und Weiß an der gleichen Stelle wieder gegenüber. Scholz trägt eine mit blauer Farbe verschmierte Hose, das Logo der Firma prangt darauf. Es ist seine dritte Ausbildungswoche. Er komme gerade vom Alexianer-Krankenhaus, erzählt er, dort habe er die Wände eines Konferenzsaals renoviert. Wolfgang Weiß sieht ihn wohlwollend an, er ist stolz auf seinen neuen Lehrling.

Der Malermeisterbetrieb ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen, inzwischen hat er mehr als 20 Angestellte, darunter sechs Auszubildende. Längst biete man nicht mehr nur klassische Malerarbeiten an, erzählt Weiß, sondern sei auch bekannt für künstlerische Arbeiten und Sonderanfertigungen. Tim Scholz deutet auf die Wandabschnitte, die verschiedene Malertechniken demonstrieren. Ein Stück Wand ist mit einer rostroten Farbe bedeckt und schimmert kupfern, der Abschnitt daneben ist hellgrau und beflockt. "Das ist Handwerk und auch ein bisschen Kunst – genau das, was ich mir immer gewünscht habe", sagt Scholz.

Nach seinem Abitur vor neun Jahren hatte er sich trotzdem erst einmal für ein Studium entschieden. Dafür gibt es gute Gründe: Ein Studienabschluss verspricht nicht nur das beste Einstiegsgehalt, er bedeutet auch eine Art Jobgarantie. Während die Arbeitslosenquote in Deutschland derzeit bei über sechs Prozent steht, liegt sie bei Akademikern seit Jahren unter zwei Prozent.

Auch deshalb drängen immer mehr Gymnasiasten an die Unis. Zur Jahrtausendwende gab es etwas weniger als zwei Millionen Studenten, heute sind es 500.000 mehr. Nicht für alle aber ist ein Studium der richtige Weg: Manchen sind die Anforderungen zu hoch, anderen fehlt der Praxisbezug. Einigen ist das Studium auch zu teuer, trotz finanzieller Unterstützung durch das Bafög. Deshalb nimmt auch die Zahl der Studienabbrecher zu. Laut Hochschul-Informations-System verlässt fast jeder dritte Student inzwischen eine Uni oder FH ohne Abschluss.

Das Handwerk in Deutschland hingegen sucht verzweifelt nach Lehrlingen. Daher haben die Handwerkskammern angefangen, sich verstärkt um Studienabbrecher zu bemühen. "Studienaussteiger haben im Handwerk eine Perspektive und werden willkommen geheißen", sagt Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks. Seine Hoffnung: "Viele von ihnen für den Meisterbrief begeistern zu können und damit für Unternehmensführung und Selbstständigkeit." Immerhin werden in den nächsten zehn Jahren rund 200.000 Handwerksmeister einen Nachfolger suchen müssen.

Wie viele Studienabbrecher sich derzeit für eine Handwerkslehre entscheiden, ist nicht bekannt – bisher werden nur die Schulabschlüsse der Auszubildenden abgefragt. Fest steht: Der Anteil der Abiturienten, die eine Lehre machen, hat zugenommen. Lag er vor zehn Jahren noch bei knapp fünf Prozent, hat er sich mittlerweile auf mehr als zehn Prozent verdoppelt. Das freut die Betriebe, denn Abiturienten bringen nicht nur umfassende schulische Grundkenntnisse und eine schnelle Auffassungsgabe mit, sondern meist auch gute Umgangsformen.