Einmal im Jahr ist Austin in Texas der Mittelpunkt der Welt, jedenfalls der digitalen. Immer im März strömen Software-Entwickler, Programmierer und Hacker zu Tausenden zur South by Southwest, einer der größten Technologiekonferenzen der Erde. Durch die Straßen der Stadt flanieren Frauen in Astronautenkostüm und Männer mit Cowboyhut. Es werden Vorträge über Cyberkriege und die neuesten Start-ups gehalten, Edward Snowden schaltet sich live aus Moskau zu, die Schwester des Facebook-Gründers Mark Zuckerberg interviewt den Produzenten der angesagten Fernsehserie House of Cards. Das Ganze wirkt wie eine bunte, zukunftsfreudige Vollversammlung der Digitalkultur.

Mit seinem gescheitelten aschgrauen Haar, seiner runden Brille und seinem altrosa Pullover sieht Eric Schmidt nicht aus, als passe er gut hierher. Trotzdem wird Schmidt empfangen wie ein Rockstar. Mehr als tausend junge Menschen sind in den Ballroom D im vierten Stock des Konferenzzentrums von Austin geströmt, in dem an diesem Nachmittag der 59 Jahre alte Verwaltungsratschef des Internetkonzerns Google auftritt, gemeinsam mit seinem Mitarbeiter Jared Cohen.

Schmidt könnte Cohens Vater sein: Er hat den dunkel gelockten Politikexperten vor fünf Jahren auf einer Reise nach Bagdad kennengelernt und später aus dem amerikanischen Außenministerium abgeworben. Heute leitet der erst 32-jährige Cohen den Thinktank von Google, Google Ideas.

Schmidt und Cohen haben gemeinsam ein Buch geschrieben, über das sie jetzt auf der Bühne des Ballrooms sprechen. Es trägt den Titel Die Vernetzung der Welt. Es ist ein Manifest.

Die beiden Autoren haben für ihr Buch mehr als 35 Länder bereist, aber davon, wie die Menschen in Afghanistan, Kenia oder Nordkorea derzeit leben, erfährt man kaum etwas. Die Gegenwart scheint Schmidt und Cohen nicht zu interessieren. Sie beschäftigen sich mit der Zukunft. Ihr Buch ist fast ausnahmslos im Futur geschrieben. Es beschreibt eine politische Utopie, die sich von fast allen bisherigen politischen Utopien dadurch unterscheidet, dass sie vermeintlich unpolitisch ist. Staaten, Regierungen, Parlamente? Spielen in dieser Utopie nur noch eine kleine Rolle. Sie werden ersetzt durch etwas, das nach Ansicht der beiden Männer kraftvoller, zuverlässiger, kurz: besser ist als Politik in ihrer herkömmlichen Form. Durch Technik.

In Schmidts und Cohens Buch und auch in ihrem Vortrag in Austin wird deutlicher als je zuvor, was Google so einzigartig macht. Das Unternehmen stellt bisherige politische Mechanismen infrage – und unterscheidet sich zugleich von den meisten anderen Unternehmen dadurch, dass es mehr will, als bloß seinen Umsatz zu erhöhen, seinen Aktienkurs zu steigern, seinen Gewinn zu maximieren. Google will weit mehr. Google will eine Ideologie verbreiten.

Aus der Sicht von Google sind Staaten etwas Gestriges. Nichts, womit sich die Probleme des 21. Jahrhunderts lösen ließen, Klimawandel, Armut, Gesundheitsversorgung. Nur technische Erfindungen könnten die Erlösung bringen, sagen Schmidt und sein Kompagnon Cohen.

Die Staaten schaffen es nicht, ihre CO₂-Emissionen zu reduzieren? Dann baut sich Google eben eigene Solarparks. Inzwischen bezieht die Firma bereits ein Drittel ihres Stromes aus regenerativen Energiequellen, in Amerika insgesamt sind es nur rund zehn Prozent. Sogar von Greenpeace wird der Konzern gelobt.

Den Staaten gelingt es nicht, den Autoverkehr so zu organisieren, dass es auf den Straßen keine Toten und Verletzten mehr gibt? Dann konstruiert Google eben ein Auto, das sich ohne Fahrer – und damit ohne menschliches Versagen – bewegt. Derzeit lässt Google eine Flotte von 100 solcher Autos bauen. Kleinwagen ohne Lenkrad, Gaspedal, Bremse, Gangschaltung. Ein Klick auf die Karte im Smartphone, und das Auto fährt an den ausgewählten Ort, während der Passagier schläft oder Zeitung liest.

Die Staaten bringen es nicht fertig, die teuren, überregulierten Gesundheitssysteme zu reformieren? Dann entwickeln eben Internetkonzerne digitale Patientenakten und Kontaktlinsen für Diabetiker, die einfach und schnell den Blutzuckerwert messen. Oder sie erdenken Methoden, die eigene DNA zu durchleuchten, damit jeder Mensch erfahren kann, wie er länger gesund bleibt.

Die Staaten scheitern daran, unterentwickelte Regionen in Afrika, Asien und Lateinamerika mit der Moderne zu verbinden? Dann sorgt die Branche eben dafür, dass jeder Mensch Zugang zum Internet erhält. Im Moment experimentiert Google mit Antennen, die, an Ballonen befestigt, 20 Kilometer über der Erde schweben. Vor einigen Wochen brachte ein solcher Ballon das Internet in eine Schule in dem kleinen, abgelegenen brasilianischen Ort Campo Maior.

Die Erde wird regiert von Funktionären, Bürokraten, Delegierten? Auf Konferenzen, Parteitagen und Gipfeltreffen entwerfen sie Gesetze, schreiben Verordnungen und Verträge, ringen um Kompromisse, die unser Leben bestimmen? Das ist die alte Welt, die Welt der Politik, die Welt vor Google.

Die neue Welt, die Welt der Technik, wird bestimmt von eher schweigsamen Ingenieuren, Programmierern, Tüftlern. Von Computer-Nerds, die viele Science-Fiction-Romane lesen. Man könnte diese Welt die Vereinigten Staaten von Google nennen.

Die Frage ist: Welche Welt ist besser?

Oder: Welcher dieser beiden Welten gehört die Zukunft?