Ist "Der Circle" ein gutes Buch?

Von Ijoma Mangold

Diese Frage lässt sich ohne Wenn und Aber beantworten: Nein, es ist kein gutes Buch. Der Circle ist sogar ein in besonders offensichtlicher Weise schlechter Roman. Er erfüllt bilderbuchmäßig die klassischen Kriterien für schlechte Romane: eine banale Sprache ohne ästhetischen Mehrwert, Vorhersehbarkeit der Handlung, klischeehafte Schwarz-Weiß-Kontraste von Gut und Böse, Dialoge, die didaktisch so aufgebaut sind wie ein Besinnungsaufsatz, und Figuren als Meinungsträger, reine Pappkameraden, die alles, was der Leser sich denken soll, für die Doofen noch mal extra sagen.

In Der Circle entwirft Eggers eine Welt totaler Kommunikation und Transparenz. Alles, was man tut und denkt, wird in den Sozialen Medien gespiegelt. Nichts mehr ist geheim. Dass es einen neuen digitalen Totalitarismus geben könnte, haben wir in den vergangenen Jahren schon in einer Flut von besorgten Zeitungsartikeln gelesen. Vielleicht wird das alles so kommen. Aber was macht Eggers aus dieser apokalyptischen Naherwartung literarisch? Er gestaltet seine Figuren so platt und eindimensional, dass der Leser denkt, man müsse schon den Herdentrieb eines blökenden Schafes haben, um so bereitwillig die Gehirnwäsche-Phrasen nachzubeten, die zum Corporate Design des Weltverbesserungsunternehmens Circle gehören: "Transparenz bringt Seelenfrieden". "Alles, was das Leben unserer Circler besser macht, wird auf Anhieb möglich." Zu jedem Furz von Circle sagt die Hauptfigur Mae: "Ist ja irre!" Ein Unternehmen, das seine Mitarbeiter regelmäßigen stalinistischen Selbstkritik-Tribunalen unterwirft ("Ich bin hier, weil ich an all das glaube, was du gesagt hast", sagt Mae einmal), das einen Terror der Gemeinschaft veranstaltet und alle einem intellektuellen Gleichschritt unterwirft, dem dürften bald jene individuellen Geister fehlen, die allein einem Unternehmen seine Weltmarktstellung garantieren.

Kurz, der digitale Totalitarismus 2.0, den Eggers an die Wand malt, müsste einen Zacken subtiler sein, um wirklich dämonisch zu wirken. Darin liegt die eklatante literarische und intellektuelle Schwäche von Der Circle: Der Verblendungszusammenhang, den Eggers entwirft, ist so plump, dass seine angeblich hochintelligenten Protagonisten in Wahrheit total naiv und ohne eigene Persönlichkeit sein müssen, um ihm auf den Leim zu gehen. Der Roman wirkt so schematisch, als hätte ein Algorithmus ihn hervorgebracht.

Dave Eggers ist ein weltberühmter Autor. Ist ihm hier ein Ausrutscher passiert? Nein, wer frühere Bücher von Dave Eggers kennt, hat nichts anderes erwartet. Eggers kann keine Figuren mit innerem Reichtum schaffen, der Holzschnitt ist das Maximum, das ihm an psychologischer Einfühlung zur Hand ist. Es gibt eine Ausnahme: In seinem anrührenden Romandebüt aus dem Jahr 2000 Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität sind ihm mit dem Geschwisterpaar Dave und Toph (die ihre Eltern verlieren, sodass der 22-jährige Dave gegenüber seinem achtjährigen Bruder auch die Vaterrolle übernehmen muss) zwei Figuren gelungen, die der Leser als atmende und fühlende Wesen und nicht nur als Platzhalter für Zeitdiagnosen ernst nimmt.

Warum ist Dave Eggers trotzdem in aller Munde? Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens: Er lebt ganz und gar für die Literatur. Er hat die unabhängige Literaturzeitschrift McSweeney’s und den gleichnamigen Verlag gegründet und schafft da ein Netzwerk für eine Literatur, die viel unabhängiger und eigensinniger ist als das, was er selbst schreibt. Zweitens: Er hat einen zeitdiagnostischen Riecher, und er ist schnell. Eben war es noch eine Schlagzeile in der Zeitung, schon ist es ein Roman von Dave Eggers. Zeitoun erzählte von der Terror-Paranoia nach dem Hurrikan Katrina. Ein Hologramm für den König beleuchtete satirisch den Turbokapitalismus als virtuelle Luftbuchung. Es sind Dave Eggers’ Themen, die ihm die Aufmerksamkeit sichern.