Der Zug, der die fünf Männer von Moskau aus in den ostukrainischen Krieg bringen soll, ist bei Urlaubern beliebt. Wer wenig Geld und viel Geduld hat, fährt in 36 Stunden von der russischen Hauptstadt in die Küstenstadt Anapa. Die Männer, die in den Krieg wollen, werden nach 24 Stunden in der südrussischen Region Rostow aussteigen. Dort ist die Ostukraine nah. Sie heißen Alexander, Grigori, Valentin, Dmitri und Wjatscheslaw. Vornamen müssen genügen. Der Jüngste ist 24, der Älteste 31 Jahre alt. Sie sind bereit zu sterben.

Mit ihren großen Rucksäcken warten sie um kurz nach sieben Uhr morgens am Kursker Bahnhof in Moskau, rauchen und lachen. Vor ein paar Stunden noch standen sie zwischen Hochhäusern herum und tranken aus Plastikbechern etwas zu warmen Wodka. Vor jeder Runde gab es einen Trinkspruch. "Auf dass die Kugeln euch verfehlen", sagte einer, der gekommen war, um sich zu verabschieden. Kurz bevor der Zug abfährt, steigen die fünf ein, zeigen ihre Tickets vor. Ein Fahrschein in den Krieg kostet 2103 Rubel und 30 Kopeken, umgerechnet knapp 45 Euro, inklusive Bettwäsche.

Was sind das für Männer?

Für die ukrainische Führung sind sie Verbrecher. Sie selbst nennen sich opoltschenzy, was übersetzt so etwas wie Bürgerwehr heißt. Diesen Begriff verwendet auch das vom Kreml kontrollierte Fernsehen und präsentiert die Kämpfer in der Ostukraine als Helden. Dass die Vereinten Nationen die prorussischen opoltschenzy für Folter und Morde an unbeteiligten Bürgern verantwortlich machen, davon haben die meisten Russen nie gehört. "Wir werden so etwas nicht tun", sagt Valentin. "Aber es ist Krieg. Männer sehen, wie ihre Frauen und Kinder, ihre Kameraden umgebracht werden. Da passiert so etwas leider."

Alexander ist Doktorand an einer Moskauer Eliteuniversität und erforscht die nukleare Abrüstung. Wochenlang hatte er Spenden und Hilfsgüter für die Kämpfer im Donbass gesammelt. Die Liberalen, an deren Seite er noch vor einigen Wintern in Moskau gegen Behördenwillkür und Korruption demonstriert hat, seien dem Westen hörig, sagt er. Seine weichen Gesichtszüge zeigen Verachtung.

Walentin verabschiedet sich von einer Gesinnungsgenossin. © Sergey Kozmin

Dmitri aus der russischen Teilrepublik Mari El hat einen Hochschulabschluss in Geschichte. Er hat eine Weile als Lehrer gearbeitet, dann rebellierte er gegen das triste Provinzleben. Weil er Flugblätter mit extremistischem Inhalt verteilt habe, bekam er ein Jahr Haft auf Bewährung. Er will in der Ostukraine als Sanitäter arbeiten, darin ist er ausgebildet.

Grigori, Wjatscheslaw und Valentin besitzen keine russischen Pässe. Sie sind in einer Kleinstadt in Lettland aufgewachsen und erst zwei Tage zuvor nach Moskau gekommen. "Wir sind Russen", sagen sie. "Die EU hat Vorteile, aber wir Russen sind Bürger zweiter Klasse in Lettland." Wenn Russland seinen Einfluss in der Ukraine verlöre, ginge es ihrer Volksgruppe in Lettland noch schlechter, glauben sie. Es sei richtig gewesen, dass die Demonstranten auf dem Maidan-Platz in Kiew den verhassten Präsidenten Viktor Janukowitsch aus dem Amt getrieben hätten, sagen die fünf. Aber nun hätten ukrainische Nationalisten – "lauter Russenhasser!" – die Macht an sich gerissen.

Wenige Stunden nach der Abfahrt stinkt es im Waggon bereits nach Toilettenreiniger, stark gewürzten Fertiggerichten und Schweiß. Die Männer haben ihre Liegen direkt neben der Toilettenkabine, es waren die einzigen fünf freien Pritschen nebeneinander.

Alle fünf nennen sich Nationalbolschewiken, sind Anhänger des mit Stalin, Mussolini und Punk sympathisierenden Skandalschriftstellers Eduard Limonow. Sie hassen Putin und die Oligarchie, und am meisten hassen sie die USA, die sie als Gegner der russischen Machtentfaltung sehen. Ihr Parteisymbol ist eine Handgranate, ihre Ideologie vermischt Kommunismus und Nationalsozialismus. "Linke nennen uns rechts, und Rechte sagen, wir sind links", lacht Dmitri. Er hat sein T-Shirt ausgezogen und präsentiert seine Tattoos. Auf dem rechten inneren Handgelenk ist das Sowjetsymbol zu sehen, auf dem linken ein "slawisches Kreuz", wie er sagt, das einem Hakenkreuz ähnelt – was aber nicht beabsichtigt sei.

Wieso kämpfen Putin-Gegner im Donbass für Putins Sache? "Erst müssen wir den westlichen Feind aus unserem Einflussgebiet vertreiben, danach kümmern wir uns um Putin", sagt Alexander. Am Fenster rauschen kleine Provinzstädte vorbei, verlassene Fabriken, später Hügel, es folgt die weite Steppe. Die fünf essen Kekse, trinken Tee und streiten darüber, wo es die schönsten Frauen gibt. "Die Frauen im Donbass sollen schöne, große Brüste haben", sagt Dmitri. Grölendes Gelächter, dann Stille. Sie fahren ja nicht wegen der Frauen.

"Passt auf euch auf! Viel Glück!"

In einem Büro im Norden von Moskau sammeln sich freiwillige Kämpfer. © Sergey Kozmin

Keiner von ihnen hat je eine Waffe in der Hand gehabt, keiner in der Armee gedient. Sie wissen, dass sie damit in der Minderheit sein werden. Dutzende ihrer Parteigenossen kämpfen schon in der Ostukraine und haben berichtet, wie es im Einsatzgebiet zugeht. "Die meisten dort haben militärische Erfahrung", sagt Alexander. "Die Älteren wurden in der Sowjetarmee ausgebildet, haben in Afghanistan gekämpft, die Jüngeren in der russischen Armee in den beiden Tschetschenienkriegen oder 2008 im Krieg mit Georgien." Anders als viele derer, die sich für die Ukraine melden, würden die fünf kein Geld bekommen, das sagen sie immer wieder. Sie wollen von den Spenden leben, die ihre Moskauer Kameraden sammeln.

Freiwillige Kämpfer werden oft im Internet von vielen unterschiedlichen Gruppierungen angeworben, meistens via Vkontakte, die russische Variante von Facebook. Verlässliche Schätzungen, wie viele Russen und andere Nichtukrainer im Donbass kämpfen, gibt es nicht. Die prorussischen Kämpfer sprechen von höchstens zehn Prozent Russen in ihren Reihen. Die ukrainische Regierung dagegen behauptete von Anfang an, dass die Unruhe im Osten ausschließlich russischen Ursprungs sei. Ein ehemaliger russischer Militärangehöriger aus dem Grenzgebiet zur Ostukraine, der immer wieder im Kampfgebiet unterwegs ist und anonym bleiben will, schätzt, dass 70 Prozent der Kämpfer aus Russland stammen. Ein Familienvater, der gerade mit seinen beiden Kindern aus Luhansk geflohen ist und ebenfalls anonym bleiben will, sagt: "Das sind mittlerweile fast nur noch Russen."

Fest steht: Die Führung der prorussischen Kämpfer im Donbass verfügt über russische Pässe, gute Verbindungen zum Moskauer Sicherheitsapparat und macht daraus kein Geheimnis. Für die fünf jungen Männer im Zug ist vor allem Igor Girkin, genannt Strelkow, ein Held. Der Russe ist der militärische Kommandeur im Donbass.

Um zehn Minuten nach sechs Uhr am nächsten Morgen, nach fast 24 Stunden Fahrt, steigen sie auf dem Bahnhof Lichaja in der Region Rostow aus. Ein Polizist hält sie an. "Was wollt ihr hier? Seid ihr Russen? Ukrainer? Zeigt eure Pässe! Mitkommen!" In der kleinen Polizeistation muss einer nach dem anderen seinen Rucksack auspacken. Uniformen kommen zum Vorschein, Stiefel, Armeewesten mit Patronentaschen, Medikamente und Valentins Klappspaten. Der Leiter der Polizeistation, der sich als Boris Borissowitsch, aber ohne Nachnamen vorstellt, lacht nur. "Jungs, wir kopieren eure Pässe, für den Fall, dass ihr die da drüben verliert."

"Wir lassen solche Leute immer weiterziehen", sagt der Mann, der die Pässe zum Kopieren bringt. Ob er schon viele Passkopien abgeheftet habe? "Ja, viele. Sehr viele. Täglich", sagt er.

Sie dürfen ihre Sachen wieder einpacken. "Passt auf euch auf! Viel Glück!", ruft Boris Borissowitsch ihnen hinterher. Sie fahren 30 Minuten mit dem Vorortzug ins Zentrum von Kamensk-Schachtinski, setzen sich dann in einen Bus. Der fährt an einem Zeltlager vorbei, in dem ostukrainische Flüchtlinge leben, danach an Feldern entlang, durch die Männer mit Sturmgewehren streifen. "Freiwillige", sagt Wjatscheslaw.

Die kleine russische Stadt direkt an der Grenze heißt Donezk, genau wie die 200 Kilometer entfernte ostukrainische Stadt, die seit dem Krieg weltweit bekannt ist und die ihr Ziel ist. Die fünf rufen ihre Kameraden in der Ostukraine an, die sollen sie abholen. "Ihr müsst warten, auf den Straßen zu euch wird gerade zu viel geschossen", lautet die Antwort. Also machen die fünf Pause in einem schattigen Park, teilen sich von ihrem letzten Geld eine Pizza, vergleichen die Legenden, die sie zu Hause erzählt haben. Dmitris Eltern denken, er betreue Kinder in einem Zeltlager. Alexander paukt angeblich für die Uni. Grigori und Wjatscheslaw sagten, sie machten gemeinsam Urlaub in Moskau. Nur Valentin hat seiner Frau Margo, einer Parteigenossin, die Wahrheit gesagt. Vor einigen Tagen haben sie ihren fünften Hochzeitstag gefeiert.

Nach fünf Stunden kommt wieder ein Anruf. Nun schleppen sie ihre Rucksäcke durch die Hitze, bis zu einem verlassenen Parkplatz, wo ein weinroter Kleintransporter wartet.

Von nun an wollen sie allein weiter. Ein paar Tage später meldet sich Dmitri per Telefon. Sie seien nun in der "Freien Donezker Volksrepublik". Noch sind sie alle am Leben.