Welche Farbe nimmt ein Chamäleon an, das man in ein Spiegelkabinett setzt? Woran passt es sich an, wenn es keine andere Umgebung hat als sich selbst? Diese merkwürdige Frage trieb in den 1970er Jahren die damals noch junge Disziplin der Kybernetik um. Behält das Reptil seine anfängliche Farbe? Pendelt es zwischen verschiedenen Tönungen hin und her? Wird es gar in den Farbenwahnsinn getrieben?

Erstaunlicherweise ist die Forschungsfrage bis heute nicht endgültig beantwortet. Zwar beschrieb der Publizist Kevin Kelly, Mitbegründer des Magazins Wired, in den neunziger Jahren, wie er einmal eine chamäleonartige Anolis-Echse in ein Spiegelkabinett setzte. Das Ergebnis – ein Wechsel von Dunkelbraun zu Grün – ließ jedoch jeden Interpretationsspielraum zu. Das Tier nahm nämlich jenen Grünton an, den es sonst bei Schreckreaktionen zeigt. Bloß warum? Vermutlich, schloss Kelly, befinde sich das Chamäleon "in einem Zustand andauernder Furcht vor seiner eigenen, verstärkten Fremdartigkeit". Purer Stress also vor sich selbst.

In diesem kuriosen Experiment dürften sich heute viele Menschen wiederfinden. Ist die moderne Medienwelt nicht auch eine Art Spiegelkabinett? Wird nicht die kleinste Lebensregung von uns umgehend per Selfie festgehalten, auf Facebook gepostet, per Twitter verbreitet oder auf YouTube hochgeladen? Pausenlos sind wir bemüht, unser Abbild im Spiegelblick der anderen zu optimieren: Im Büro geben wir die Gewissenhafte, unter Freunden den Lockeren, in der Familie die Liebevolle, im Fußballstadion den Wilden und so weiter. Ähnlich wie das bedauernswerte Chamäleon machen auch wir die Erfahrung, dass die zahlreichen Selbst-Bilder auf uns zurückwirken und uns in immer neue Rollen zwingen. Und je zahlreicher die Schablonen, in denen das Ich steckt, desto ratloser fragt es sich: Wer bin ich wirklich?

Vorbei die Zeiten, in denen stabile soziale Gefüge unsere Identität bestimmten. Heute ist alles im Fluss, vorläufig und auf Abruf. Moderne Subjekte, so analysiert der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa, "sind nicht mehr Bäcker, sie arbeiten im Moment als Bäcker, sie sind nicht mehr konservativ oder progressiv, sie haben lediglich ›das letzte Mal‹ vielleicht links oder rechts gewählt, sie sind nicht mehr Münchnerin, sondern ›leben seit drei Jahren in München‹". Wenn aber die äußeren Bedingungen keinen Halt mehr versprechen, wird das Bedürfnis umso dringlicher, den eigenen "wahren" Kern zu entdecken, das "authentische" Wesen, das man jenseits aller Rollen und "im Grunde" ist.

Auch andere Forscher diagnostizieren in der westlichen Gesellschaft eine massive Sehnsucht nach Echtheit. Von einem "Kult des Authentischen" spricht der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, der gern auf das Chamäleon-Experiment verweist. Den Wunsch nach dem Echten, Ungeschliffenen liest er beispielsweise daran ab, wie häufig verwackelte Handyvideos in seriösen Nachrichtensendungen auftauchen oder wie begierig scheinbar spontane und ungefilterte Aussagen von Politikern aufgegriffen werden: So wurde Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeiers Wutrede vor der Europawahl millionenfach im Netz angeklickt, und legendär bleibt auch die Explosion des SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel im Interview mit der ZDF-Ankerfrau Marietta Slomka. Allerdings frage man sich gerade bei solchen Szenen mittlerweile, analysiert Pörksen, "ob die scheinbare Authentizität nun echt oder gespielt" sei.

So begegnen wir der Frage "Ist das echt?" inzwischen allerorten – vor dem Fernseher genauso wie vor dem Spiegel oder beim Einkauf im Supermarkt. Mit dem Etikett "authentisch" wird heute ebenso für Bioschnitzel geworben wie für Angela Merkels Politik. Denn wer als authentisch gilt, dem schreibt man Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit zu – und solche Attribute sind in unübersichtlichen Zeiten wie diesen von enormem Wert.

Authenzität ja, aber bitte nur die guten Seiten

Nur: Wie erkennt man das Authentische, das Echte? Gibt es so etwas wie unser "wahres Gesicht"? Besitzen wir einen unverwechselbaren Persönlichkeitskern, der uns mitgegeben ist und von Geburt an in uns schlummert? Oder müssen wir uns mühsam immer wieder selbst erfinden? Ist dieser Prozess vielleicht sogar erst im Alter abgeschlossen, in dem endlich unsere "wahre Natur" zutage tritt?

Wer als Kleinkind gewissenhaft war, der bleibt es auch im Alter

Klar ist: Die Herstellung von Authentizität ist mühsam und erfordert einen hohen persönlichen Einsatz. Der Versuch, die Kleidung, das Aussehen, den Partner oder die Wohnung zu finden, die "wirklich zu mir passen", kann Menschen ein ganzes Leben lang beschäftigen. Und viele brauchen dazu auch noch den Rat von Experten. Von der Herstellung von Authentizität lebt heute eine ganze Branche, in der unzählige Fachkräfte am Werk sind.

Das gilt vor allem für das Wirtschaftsleben. "Unsere Auftraggeber wünschen sich am allermeisten Authentizität", sagt etwa Stefan Kolle von der Hamburger Werbeagentur Kolle Rebbe. Er betreut die Lufthansa, TUI oder Google. Im Auftrag seiner Agentur suchen Journalisten nunmehr reale Geschichten, die sich gut vermarkten lassen – wie etwa jene von Lars und Isa aus Halle, die vergangenes Jahr gegen die Überflutung ihrer Stadt kämpften und – Google sei Dank! – eine interaktive Hochwasserkarte erstellen konnten.

Auch Manager, Politiker oder TV-Stars, die sich um "authentische" Auftritte bemühen, nehmen dazu die Dienste von Beratern und Coaches in Anspruch. Denn gefragt ist nicht etwa die offenherzig-naive Ehrlichkeit, sondern die Kunst der "selektiven Authentizität", bei der immer nur gerade jene Seite zur Schau gestellt wird, die positiv besetzt – und damit werbewirksam – ist. In Talkshows sind "echte" Emotionen zwar stets gern gesehen – echte Trauer, Rührung oder Freude –, aber diese sollen bitte den Zuschauer nicht allzu sehr irritieren. Tritt doch einmal jemand tatsächlich ungefiltert auf – wie der erschöpfte Fußballer Per Mertesacker in seinem zornigen Interview nach dem WM-Spiel gegen Algerien –, sorgt das für Verstörung. Denn Mertesacker wurde authentisch sauer auf einen dämlich fragenden Interviewer.

Echte Profis bemühen sich daher nur noch um ein möglichst authentisches Ausfüllen verschiedener Ichvarianten. Der große Spötter Harald Schmidt hat das in einem seltenen Moment der Wahrheit einmal gut auf den Punkt gebracht. Gefragt, wann er denn einmal er selbst sei, antwortete Schmidt der FAZ, er sei gar nicht daran interessiert, wer er wirklich sei, sondern akzeptiere sich voll und ganz als "Charaktermaske". Im Moment des Interviews begreife er sich als Interviewten: "Dann geh ich raus, dann bin ich der Parkplatzgänger, der sein Ticket löst, und eventuell der joviale Köln-Bewohner: ›Hey, Schmidtchen, du hier!‹ Und dann bin ich wieder der Bahnreisende oder der Kinder-vom-Kindergarten-Abholer." Für Menschen, die vom "Authentizitätswahn" befallen sind, hat Schmidt nur ein müdes Lächeln übrig. Wirklich "ich selbst" sein könne man niemals. Man sei immer nur "das Man-Selbst, von dem man sich erzählt, dass man es ist".

Damit bringt Schmidt eine Erkenntnis auf den Punkt, die von aktuellen Befunden der Wissenschaft gedeckt wird. Denn auch in der Psychologie, Hirnforschung oder Soziologie ist derzeit die Ansicht populär, dass es so etwas wie einen "echten", unwandelbaren Kern der eigenen Person gar nicht gibt. Im Gegenteil, das gute alte Ich erscheint mal als neurobiologische Illusion, mal als soziales Konstrukt, das uns nur vorspiegelt, ein einheitliches Selbst zu sein. In Wahrheit, sagen viele Forscher, sei dieses Ich weder stabil noch unabhängig, ja, eigentlich – nicht einmal existent.

Selbst im Spiegel hat etwa der Psychologe und Kognitionsforscher Wolfgang Prinz das Buch genannt, in dem er die Bilanz seines Forscherlebens zieht. Tenor: Was wir für unser Ich halten, ist letztlich nur ein Konstrukt, das im sozialen Kontext entsteht. Im Babyalter, sagt Prinz, entstehe etwa unser Gefühl für Subjektivität dadurch, dass wir andere als Subjekte wahrnähmen, bis wir schließlich begriffen, dass wir selbst ebensolche Wesen seien. Was den Kern unseres Menschseins ausmache, sei letztlich der soziale Austausch mit der Umwelt.

Ähnlich sehen es auch andere Forscher. "Ein Kind, das auf einer Insel ohne sozialen Kontakt aufwachsen würde, hätte als Erwachsener nicht mehr Geist als ein Affe", sagt etwa der Entwicklungspsychologe Michael Tomasello vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. "Wir Menschen sind dafür gemacht, die Köpfe zusammenzustecken." Er beschreibt uns als "ultrasoziale Wesen", deren brillanteste Fähigkeit es sei, die Geisteszustände anderer zu lesen und darauf zu reagieren.

Aber gibt es nicht doch unverrückbare Eigenschaften, eine Art Kern der Persönlichkeit? Tatsächlich hat die Psychologie in den vergangenen Jahren eine Reihe von Eigenschaften beschrieben, die sich im Laufe einer menschlichen Biografie kaum wandeln. Dazu gehören die sogenannten Big Five – Extro-/Introvertiertheit, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Offenheit und Neurotizismus (also seelische Instabilität). Ähnlich wie unsere Intelligenz machen auch diese Eigenschaften zwar im Laufe unseres Lebens gewisse Veränderungen und Entwicklungen durch, aber die relativen Unterschiede zu anderen Personen bleiben dabei immer stabil. Wer als Kleinkind gewissenhafter oder intelligenter war als seine Altersgenossen, bleibt es auch als Erwachsener.

Paradoxerweise sind uns selber gerade diese stabilen Charaktereigenschaften oft weniger bewusst als den Menschen um uns herum. Während diese darüber lächeln, dass "der Maier schon als Kind so extrovertiert war", hat Maier selbst das Gefühl, er habe sich wahnsinnig verändert. Denn den Kern des Ichgefühls macht etwas anderes aus: unsere Identität oder besser gesagt das Bild, welches ein Mensch von sich selber erschafft.

Die eigene Identität werde erst im Laufe des Lebens geformt, erklärt der Psychologe Klaus Rothermund von der Universität Jena. "Es ist nicht so, dass man geboren wird, und da steckt schon der ganze Klaus drin, der sich nur noch entfalten muss." Ein Selbstbild zu entwickeln bedürfe geduldiger innerer Arbeit. Die wird vor allem in der Jugend geleistet. Da erprobt man seine Talente und Vorlieben, sucht Freunde, Kleidung und Symbole, die mit der Vorstellung vom eigenen Ich korrespondieren.

Stets halten wir unsere aktuellen Präferenzen für das Maß aller Dinge

Genetische Dispositionen fließen dabei ebenso mit ein wie frühe Kindheitserfahrungen: Wer aus einer Musikerdynastie stammt, begreift das Musizieren eher als Teil seiner Identität als jemand, der aus einer Sportler- oder Mathematikerfamilie kommt. Entscheidend ist aber der Einfluss der Umgebung – Familie, Schule, Freunde. Damit etwa ein Schachgenie gedeiht, braucht es Förderer, die ebenfalls Schach spielen. Lernt ein mögliches Genie seine Begabung niemals kennen, dann kann es sie nicht ausleben, dann wird das Talent zum unverstandenen Sonderling. In Strafprozessen kommt es nicht selten vor, dass Hochbegabte als Kriminelle auf der Anklagebank sitzen, weil sie niemals die Gelegenheit hatten, ihre echte Begabung zu entfalten.

So bedingen sich Anlagen und Umwelteinflüsse in einem fort wechselseitig: Menschen suchen sich immer mehr jene Rollen, Milieus und Partner aus, die ihnen entsprechen – und die wiederum verstärken bereits angelegte Wesenszüge. Kurz gesagt: Fußballtalentierte oder Philosophieinteressierte suchen die Gesellschaft anderer Kicker/Schöngeister und werden dadurch schließlich zu richtigen Fußballern/Philosophen. Wirklich abgeschlossen sei dieser Prozess aber erst, wenn "man auch andere davon überzeugt hat, dass man der ist, der man scheinen will", sagt Rothermund. Das geht meist mit dem Eintritt ins Berufsleben einher, weshalb die Identitätsfindung bei Akademikern besonders lange dauert.

Angriffe auf unsere Identität wehren wir vehement ab

Unabhängig davon, wie die Lebensentwürfe aussehen: Ist die Identität erst einmal gefunden, tun wir alles, diese zu stabilisieren, zu verfestigen und gegen Angriffe zu verteidigen. Dabei schrecken wir nicht davor zurück, Realitäten umzudeuten oder alles hartnäckig zu ignorieren, was der Vorstellung vom stabilen Ich entgegensteht – wie zum Beispiel den Alterungsprozess.

Auch wenn die Haare ausfallen, der Bauch schwillt und das Gesicht knittert – innerlich fühlen wir uns immer noch wie 20. Dabei schieben wir nicht nur körperliche, sondern auch geistige Veränderungen geflissentlich beiseite.

In einer groß angelegten Studie mit über 19.000 Probanden haben die Harvard-Psychologen Daniel Gilbert und Jordi Quoidbach nachgewiesen, dass wir stets unsere jetzigen Präferenzen für das Maß aller Dinge halten. Egal, ob 18 oder 68 Jahre alt – immer waren die Befragten überzeugt davon, dass sie in Zukunft dieselbe Musik mögen, denselben Partner lieben und dieselben Werte für richtig halten werden wie heute – auch wenn sich all das in der Vergangenheit schon mehrfach verändert hatte. Zwar war den Probanden durchaus bewusst, dass sich ihr früherer Geschmack gewandelt hat; zugleich aber glaubten sie beharrlich, künftig bleibe nun alles stabil.

Die Illusion vom Ende der Geschichte betitelten die Psychologen Gilbert und Quoidbach ihre Studie, sie schreiben darin: "Menschen betrachten immer die Gegenwart als einen Wendepunkt in ihrer Biografie, an dem sie endlich die Persönlichkeit geworden sind, die sie für den Rest ihres Lebens bleiben werden."

Diese Stabilitätsillusion funktioniert nur bei allmählichen Veränderungen reibungslos. Abrupte Umbrüche hingegen bedrohen die eigene Identität massiv: Wenn der strahlende Politiker plötzlich als Plagiator dasteht oder der vorbildliche Manager als Steuerhinterzieher, kann das extreme Krisen zur Folge haben. Bei manchen Menschen führt das sogar zu psychiatrischen Störungen wie dem Borderlinesyndrom, bei dem die Betroffenen Persönlichkeitsteile von sich abspalten müssen, um zu überleben. In weniger dramatischen Fällen versucht das Ich, die Angriffe von außen zu marginalisieren ("... sind doch nur Fußnoten/Peanuts"), positive Eigenschaften hervorzuheben, die der eigenen Entlastung dienen ("... habe nach bestem Wissen und Gewissen"), und vom eigenen Ich abzulenken ("In Wahrheit geht es hier doch um etwas ganz anderes"). Wird der Bruch im (Selbst-)Bild unvermeidbar, folgt die Phase der Anpassung und Umorientierung. Dann verweist der ins Wanken Gebrachte verstärkt auf irgendwelche Verdienste in anderer Sache, die ihm nun als neuer "wahrer" Kern dienen.

Ähnliche Prozesse laufen auch im Alter ab, wenn das Berufsleben zu Ende geht, die Kinder aus dem Haus sind, der Körper von Zipperlein heimgesucht wird und das Gedächtnis nachlässt. Um auch unter solchen Umständen das Gefühl einer stabilen Ich-Identität aufrechtzuerhalten, verschiebt man nach und nach die Bewertungsmaßstäbe: Wer merkt, dass er mit Jüngeren nicht mehr mithält, vergleicht sich eben nur noch mit Gleichaltrigen – so kann man sich selbst mit 70 noch topfit fühlen. Oder man taucht in die Vergangenheit ein. "Das gelebte Leben kann einem schließlich keiner wegnehmen", erklärt der Psychologe Rothermund, "auch das erzeugt ein stabiles Identitätsgefühl." Das alles könnte man natürlich eine Art Selbstbetrug im Dienste der Identitätssicherung nennen. Aus Sicht der Psychologie ist es eine gnädige Einrichtung unserer Seele und ein höchst sinnvolles Verhalten.

Eine Quintessenz des eigenen Wesens gibt es nicht

Denn letztlich kommt es darauf an, dass das Selbstbild zu den Lebensumständen passt. Und diese "Passung" ist niemals starr, sondern kann sich laufend verändern. In glückhaften Momenten, in denen wir bei uns selbst zu Hause sind und das Gefühl haben, dort angekommen zu sein, wo wir hingehören, können wir sogar das Gefühl einer "Resonanz" erleben. Man sollte sich allerdings von der Vorstellung frei machen, dass sich diese Resonanz immer in denselben Situationen mit denselben Leuten auf dieselbe Weise einstellt.

Im Gegenteil: Das wahre Ich ist vielmehr das Ich in Bewegung, das sich ständig wandelnde. Deshalb ist auch die Vorstellung so irrig, dass man etwa bei der Partnersuche per Mausklick im Internet den einen, ein für allemal passenden Partner finden könnte. Die Liebe ist (wie das ganze Leben) vielmehr der Versuch, in einem andauernden Prozess immer wieder neu den richtigen, den "passenden" Umgang miteinander auszuhandeln. Authentisch zu sein heißt damit gerade: sich bewusst zu werden, dass es keinen unwandelbaren Persönlichkeitskern gibt, keine ein für allemal feststehende Quintessenz des eigenen Wesens, sondern dass wir stets versuchen müssen, uns immer wieder neu auf die Gegenwart einzustellen.

Für diesen Zwang zur beständigen Veränderung haben die Psychologen Franz Neyer und Judith Lehnart eine versöhnliche Formel gefunden: "Wir ändern uns, weil wir uns den Anforderungen des Lebens anpassen. Und wir bleiben, wer wir sind, weil wir dies auf die uns eigene Art und Weise tun."

Und wie finden wir diese "uns eigene Art und Weise"? Eines der einfachsten Mittel ist nach wie vor der prüfende Blick in den Spiegel. Aus der Zeit König Edwards VII. überliefert dazu der amerikanische Ökonom und Management-Berater Peter Drucker eine aufschlussreiche Anekdote: Ein ranghoher Mitarbeiter der deutschen Botschaft in London sollte 1906 ein Dinner organisieren und für den sinnenfrohen König ein Dutzend Prostituierte einladen. Doch der Mann trat lieber von seinem Posten zurück, als seinen moralischen Überzeugungen zuwiderzuhandeln. Gefragt, was ihn zu der radikalen Entscheidung bewogen habe, antwortete er: Er habe die Vorstellung nicht ausgehalten, "morgens beim Rasieren im Spiegel einem Zuhälter ins Gesicht zu blicken".

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