Wenn ich an Wildnis denke, dann kommt mir Tarzan in den Sinn, Bäume mit riesigen Blättern, tellergroße Spinnen, reißende Flüsse und giftige Schlangen. Mit meinen sechs Geschwistern (Elena, Camilla, Lorenzo, Gionatan, Jim und Ada), acht Fahrrädern und meinen Eltern sitze ich im Zug. Wir fahren in ein Wildniscamp im Bayerischen Wald. Jim will wissen, ob es schwer wird, einen Bären zu fangen, Lorenzo will sich von einer Liane schwingen, und Camilla fragt, wo wir schlafen werden, in einer Höhle, auf Laub im Wald oder vielleicht auf einem Baum?

Zur Begrüßung in der Wildnis kriegen wir Kaffee und Kuchen. Wir stehen an Tischen und trinken aus Gläsern. Wir hatten uns ausgemalt, auf toten Bäumen zu sitzen und aus Tierhörnern Flusswasser zu trinken.

Abends wird es etwas wilder. Wir machen eine Nachtwanderung mit Verstecken: Jim und ich sitzen vor der Wurzel eines umgekippten Baums, beide schwarz gekleidet. Jim hat sich halb in die Erde gegraben. Ich frage ihn, ob er es unheimlich findet – keine Antwort. Das finde ich unheimlich. Es ist dunkel, feucht und still. Dann hören wir Stimmen, sie kommen näher, und plötzlich leuchtet eine Taschenlampe auf uns: gefunden!

Wir stapfen weiter an einem kleinen Bach entlang. Jim läuft vor mir. Er tappt durch die Dunkelheit, klammert sich an meiner Hand fest, watet durch große Matschpfützen, balanciert über Baumstämme und verheddert sich in einem Himbeerstrauch. Später, als wir im Bett liegen, flüstert Jim mir ins Ohr: "Schön war, dass man den Fluss nicht gesehen hat, nur gehört." Wildnis, das ist wie ein Hörgerät für uns Großstadtkinder.

Nachts schrecke ich von einem Schrei hoch. Was ist das? Eine Fledermaus? Und wo bin ich? Ach ja, im Baumhaus. Neun Meter über der Erde schlafen wir in einem kleinen Raum mitten zwischen Bäumen. Hinein kommt man nur über eine wackelige Hängebrücke. Wir liegen auf grünen Matratzen in Blattform in einer Art Netz. Ich schaukle ein bisschen, das Netz knarzt, Gioni schnarcht. Dann schlafe auch ich wieder ein.

In der Früh werde ich von Jim geweckt, weil er auf meinem Matratzen-Blatt herumspringt. Kurz danach stürmen wir alle raus, über die Hängebrücke zurück auf festen Boden. Heute steht eine Urwaldwanderung auf dem Programm.

Elena reißt unterwegs ein Stück Holz von einem morschen Baumstumpf ab und zerquetscht es. "Ich kann Wasser aus Holz drücken", ruft sie und trinkt es: "Schmeckt ganz normal." Ob das gut ist? Camilla zeigt auf einen toten Buchenstamm. Er liegt quer im Wald, ist ungefähr so schräg wie ein Dach. Wir vier Großen (Elena, Camilla, Lorenzo und ich) schaffen es, hochzuklettern, aber Jim und Gioni rutschen ab. Elena versucht zu helfen und krallt sich an meinem Fuß fest, um nicht selbst runterzufallen. Das tut sicher nicht gut.

Camilla macht einen Handstand im Fluss und wird nass. Elena versteckt Haselnüsse in einem Baumstumpf, wie ein Eichhörnchen. Lorenzo malt Zeichen mit morschem Holz an die Bäume, und Jim fängt Grashüpfer. Und dann pflückt Camilla Brennnesseln. Die Wildnispädagogen, die das Camp leiten, haben uns erklärt, dass man Brennnesseln nur von unten und am Stängel anfassen soll. Dann brennen sie nicht. Beim ersten Versuch schreckt Camilla zurück: "Hat durchgebrannt, durch das Blatt", sagt sie. Also reiße ich eins für sie ab. Sie faltet es zu einem kleinen Paket, ich soll reinbeißen. Kein Problem: Die Spucke neutralisiert die Brennflüssigkeit. Haben wir gelernt. Am Ende der Wanderung kommen wir an die dickste Tanne Deutschlands. Zu neunt schaffen wir es, sie zu umarmen, Ada, die gerade ein Jahr alt geworden ist, schwebt dabei in der Luft.

Abends sitzen wir alle ums Lagerfeuer, Gioni auf meinem Schoß. Mein Gesicht verstecke ich hinter seinem Rücken, um mich vor dem Rauch und der Hitze zu schützen. Er steht auf, drückt mir sein Stockbrot in die Hand und verschwindet. Ihm ist es hier zu heiß. Kurz danach muss ich mich auch umsetzen, meine Knie fühlen sich ganz geschmolzen an. Camilla zeigt mir stolz ihr Stockbrot. Noch nie hatte sie so ein gutes, sagt sie. Ich schaue auf meins: verbrannt. Egal. Ich rufe Gioni, er wird’s schon essen.

Diese Nacht schlafen wir in der Erdhöhle. Ist es da feucht? Kommen da wilde Tiere? Haben wir da überhaupt alle Platz? Haben wir. Die Erdhöhle ist gar nicht unter der Erde. Es ist ein kugeliger Raum, der ganz mit Gras, Moos und Blumen bewachsen ist. Wir liegen im Kreis auf Matratzen und schauen durch ein rundes Fenster im Dach zu den Sternen.

Um drei Uhr nachts weckt Papa meine drei ältesten Geschwister und mich. Wir kriegen Taschenlampen, er einen Kaffee. Dann geht’s los: Sonnenaufgang anschauen auf dem Großen Arber, dem höchsten Berg hier. Beim Aufstieg sehen wir im Tal die Lichter der Dörfer flimmern. Elena behauptet, dass eins die Form von einem Kamel hat. Ich finde, es sieht eher aus wie ein Elefant.

Der Gipfel ist eher ein Hügel mit ein paar Steinen. Wir raten in die Dunkelheit hinein, wo das Wildniscamp ist. Und irgendwann taucht sie dann doch auf, die Sonne: Wie ein rotes Ufo kommt sie über den Himmel angeschwommen.

Als wir später wieder im Zug zurück nach Hause sitzen, mit ein bisschen Harz an den Fingern, 15 dreckigen Fahrradtaschen und 16 verkratzten Beinen – Ada musste ja noch nicht laufen –, denke ich: Es war nicht so wild, wie wir uns das vorgestellt hatten: keine Bären, keine Lianen, keine echte Höhle. Es war eine kleine Wildnis. Aber ich weiß jetzt, wie man Brennnesseln pflückt, wo ich den Stock übers Feuer halten muss, damit das beste Stockbrot gelingt, und wie einen ein Sonnenaufgang umhauen kann.