DIE ZEIT: Herr Youkhana, welche der schlechten Nachrichten aus dem Irak der vergangenen Wochen war die schlechteste?

Emanuel Youkhana: Ich bin schockiert, dass Iraker, die über Jahrhunderte friedlich nebeneinanderlebten, jetzt zu Feinden werden. Nachbarn, denen wir vertraut haben, plündern unsere Häuser, nachdem wir daraus vertrieben wurden. Heute erreichte mich die Nachricht, dass sunnitische Familien in der Ninive-Ebene mit der Plünderung verlassener Dörfer begonnen haben. Die irakische Gesellschaft erleidet einen moralischen Kollaps.

ZEIT: Die Ninive-Ebene war eigentlich ein Zufluchtsort für Christen und Jesiden, die in den letzten Wochen von IS vertrieben wurden. In der Gegend waren auch Mitarbeiter Ihrer christlichen Hilfsorganisation CAPNI im Einsatz.

Youkhana: Vor einer Woche mussten alle fliehen, auch unsere Helfer und Partner vor Ort, denn die Terrorgruppen des Islamischen Staates haben sämtliche Städte und Dörfer in der Ninive-Ebene erobert, darunter Telkeif, Batnaja, Bakofa, Telskuf, Scharafia und Alkosch. Aber die Namen sagen zu wenig über das Leid der etwa 200.000 Flüchtlinge aus der Ninive-Ebene und 150.000 aus Sinjar.

ZEIT: Von den Vertreibungen gab es zunächst kaum Bilder, weil IS den Flüchtlingen alles raubte, auch die Handys. Jetzt erreichen uns aus dem kurdischen Gebiet herzzerreißende Bilder von Kindern, die auf der Erde schlafen, von Familien, die ihre Alten auf dem Rücken durch die Wüste schleppen.

Youkhana: Während der ersten Welle von Vertreibungen aus Mossul gab es kaum Tote. Aber die Augenzeugenberichte waren von Anfang an schlimm. Eine Mutter erzählte mir, wie sie zu Fuß aus Mossul fliehen musste. Sie weinte bitterlich, weil ihre kleinen Kinder in der Hitze des irakischen Sommers 15 Kilometer weit laufen mussten. Kein Auto, kein Taxi hielt an, weil die Muslime Angst haben, den "Ungläubigen" zu helfen. IS erlaubt zwar die Flucht, aber verbietet jegliche Hilfe.

ZEIT: Jetzt soll IS sogar Karakosch besetzt haben, einen der Auffangorte für Flüchtlinge. Stimmt das?

Youkhana: Ja. Karakosch ist eine christliche Stadt mit 50.000 Einwohnern. IS konnte dort durchmarschieren und weiter bis nach Karamles, Bartilla, Bahzani und Baschika. Von Baschika aus koordinierte einer unserer wichtigsten CAPNI-Mitarbeiter die Hilfe für bedrohte Christen, Jesiden und auch Muslime. Jetzt ist auch er ein Vertriebener.

ZEIT: Ihre Hilfsorganisation hat gute Kontakte nach Deutschland, Sie selbst pendeln zwischen Wiesbaden und dem Irak, Sie stammen aus einem Vorort von Mossul. Bitte erklären Sie uns CAPNI.

Youkhana: CAPNI bedeutet "Christliches Hilfsprogramm Nohandra Irak" – Nohandra ist der historische Name der Stadt Dohuk, wo sich unser Hauptquartier befindet. Außerdem bedeutet capni auf Syrisch hungrig. Wir haben uns 1993 gegründet, um humanitäre Hilfe, vor allem Aufbauhilfe zu leisten, heute verfügen wir über einen Jahresetat von einer Million Euro – für eine Organisation vor Ort viel. Jetzt haben wir zugunsten der Flüchtlingshilfe alle anderen Aktivitäten eingestellt. Sogar unser amtierender Direktor in Dohuk wurde vor sieben Jahren aus Mossul vertrieben, als es schon einmal Angriffe auf Christen gab. Er hatte dort noch ein Vaterhaus, das jetzt mit einem roten N für nasrani, also Christ, gekennzeichnet wurde. Ein freundlicher muslimischer Nachbar hatte sich seit Jahren darum gekümmert – und tut es noch. Wir erleben nicht nur Feindschaft, sondern auch Solidarität.

ZEIT: Und wer hilft von außen?

Youkhana: Wir sind den beiden großen Kirchen in Deutschland mit Organisationen wie Caritas, Diakonie, Kirche in Not oder Misereor sehr dankbar für ihre Unterstützung in den letzten Jahren und vor allem jetzt: Die Caritas und Kirche in Not gaben je 100.000 Euro Soforthilfe, ebenso die evangelische Kirche in Bayern. Wir organisieren damit das Allernötigste: Essen, Wasser, Zelte und Decken. Aber die schiere Zahl der Flüchtlinge überfordert uns, auch dort, wo die Bevölkerung hilfsbereit ist. In Ankawa zum Beispiel, einem christlichen Vorort von Erbil, leben 25.000 Menschen. Sie beherbergen jetzt 70 000 Flüchtlinge. In Dohuk sind 100.000 Flüchtlinge aus der Ninive-Ebene und 150.000 aus Sinjar über das Stadtgebiet verstreut. Und jedes Dorf zwischen Dohuk und der türkischen Grenze hat geflüchtete Christen, Jesiden und kurdische Muslime aufgenommen. Leider ist die Region bettelarm, denn seit acht Monaten hat die Regierung Al-Maliki keinen Cent nach Kurdistan gegeben. Dass die kurdischen Peschmerga-Kämpfer uns schützen, dafür müssen wir dankbar sein.

ZEIT: Am schlimmsten scheint momentan die Lage der Jesiden, die in den Bergen von Sindschar eingeschlossen sind.

Youkhana: Ja, die Situation ist furchtbar. CAPNI kann dort nicht helfen, weil man Hubschrauber und Flugzeuge braucht, um die eingekesselten Menschen zu erreichen. Die Amerikaner werfen Hilfsgüter ab, aber das genügt nicht. Die Jesiden verhungern und verdursten in der Wildnis. Es gibt zwar jetzt einen Fluchtweg nach Norden, doch der ist steil und unwegsam, eigentlich nur für junge, kräftige Männer zu bewältigen.

ZEIT: Warum konnten die Peschmerga dieses Desaster nicht verhindern?

Youkhana: Sie müssen über 1.000 Kilometer Frontlinie von der syrischen bis zur iranischen Grenze kontrollieren, außerdem wurde ihre Gebietshauptstadt Erbil von den IS-Kämpfern attackiert, die in Mossul eine Menge moderner Waffen erbeutet haben. Was mich in Mossul aber besonders beunruhigt: dass es in der 1,5-Millionen-Stadt bislang keinen Widerstand gegen den Islamischen Staat gab – trotz seiner unglaublichen Grausamkeit. Ein aus Australien stammender Kämpfer, der sich vieler Enthauptungen rühmt, hat ein Foto seines siebenjährigen Sohnes ins Netz gestellt, der einen abgeschlagenen Kopf in den Händen hält.

ZEIT: Welche Hilfe tut jetzt not?

Youkhana: Militärischer Schutz. Irakische Kirchen haben noch in keiner Krise darum gebeten. Aber jetzt fordern selbst viele Kirchenführer einen Militäreinsatz gegen IS. Ja, wir irakischen Geistlichen hoffen auf internationalen Schutz. Denn IS verhandelt nicht. Diese Fanatiker sind gekommen, um zu töten und um für ihren Gott zu sterben. Gegen diese Kämpfer helfen keine Worte.