Ist Christopher Clark ein gefährlicher Verführer der Deutschen? Zu seinem Glück stammt der Historiker aus Australien und lehrt in Cambridge; insofern kann er kaum persönlich mit dem Vorwurf eines deutschnationalen Revisionismus belastet werden. Die prominenten Historiker der Bundesrepublik, die von seiner Studie über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges eine fatale politische Wirkung befürchten, müssen sich wohl oder übel an die deutschen Leser halten, die Clarks Buch Die Schlafwandler hierzulande zu einem Bestseller machten. Die Kritiker, allen voran Heinrich August Winkler in der ZEIT (Nr. 32/14) und der inzwischen verstorbene Hans-Ulrich Wehler in der FAZ (7. 5. 2014), sehen die düsteren Instinkte eines "großen, überwiegend älteren und konservativ gestimmten bildungsbürgerlichen Publikums" bedient, das Clark "geradezu wie einen Erlöser" (Winkler) feiere – nämlich als Befreier von der These einer deutschen Alleinschuld am Krieg.

Wie das? Welchen Honig um Himmels willen sollten konservative, bürgerliche oder anders schlimm verbildete Zeitgenossen aus der Vermutung saugen, dass Deutschland nicht allein kriegsentschlossen und politikblind, sondern als Schlafwandler unter anderen schlafwandelnden Nationen in den Ersten Weltkrieg geschlittert sei? Könnten daraufhin, hundert Jahre später wohlgemerkt, deutsche Politiker, Wirtschaftsführer, Intellektuelle im internationalen oder auch nur europäischen Raum plötzlich ganz anders auf den Putz hauen? Vor allem aber: Wäre es im Entferntesten denkbar, dass eine Verringerung der deutschen Schuld an diesem Krieg um zehn oder zwanzig Prozent (mehr ist bei Clark im besten Fall nicht drin) etwas gegen die eine große, folgende, die alles überragende Schuld am und im Zweiten Weltkrieg vermöchte? Ließe sich die Schande der nationalsozialistischen Verbrechen überhaupt durch irgendetwas relativieren und gegen ein freches neues Selbstbewusstsein tauschen?

Doch – ja. Heinrich August Winkler glaubt es und spricht es dankenswerterweise offen aus. Wenn erst die Vorgeschichte der Hitlerzeit von allen düsteren Zügen gereinigt sei, dann werde, so seine Befürchtung, auch diese Zeit nur mehr als bedauerlicher Unfall gelten – als Ausrutscher, über den man hinweggehen könnte. Auf den ersten Blick mag das nicht einleuchten; spontan müsste eher das Umgekehrte gelten: Je heller die Vorgeschichte, desto schrecklicher der Zivilisationsbruch, desto eklatanter die viel beschworene "Singularität" des Holocaust. Um die entgegengesetzte Vermutung zu verstehen, die beileibe nicht Winkler allein gehört, muss man das politische Weltbild seiner Historikergeneration verstehen, das im Wesentlichen darauf fußt, die gesamte deutsche Geschichte vor dem Eintritt der Bundesrepublik in das westliche Bündnis als Unheilsgeschichte zu verstehen – als den berühmten "Sonderweg".

Für die Annahme eines solchen Sonderwegs war unerheblich, ob man ihn nachweisen konnte (er hing ja auch davon ab, was man als normalen Weg der Nationen definierte). Sinn und Nutzen der Sonderwegsthese bestanden in ihrem psychologischen und pädagogischen Wert. Zunächst ergab sie sich wie von selbst auf der verzweifelten Suche nach den Gründen von Hitlers Aufstieg; und da rückten denn die militaristischen und autoritären Traditionen ins Bild, Wilhelm II. und Bismarck, Friedrich der Große und Luther – und was sich sonst noch alles vom westeuropäischen Mainstream abzuheben schien. Manchmal wurde auch das tatsächliche Erbe Luthers oder Friedrichs verwechselt mit dem gewaltsamen Versuch der Nazis, sich dieses anzueignen. Aber in dem Ausgreifen der Vorgeschichte des Unheils in immer weitere Jahrhunderte zeigte sich bald ein befriedigender Zusatznutzen: Die Last der Verbrechen verteilte sich zwanglos auf immer weitere Generationen, auf zahllose Schultern zahlloser Vorväter. Das Ergebnis war eine Entlastung der Nachfahren, der eigenen Generation, ja eigentlich schon der Nazigeneration selbst.