Afrika ist ein Kontinent der Wunder. Und deswegen werden von dort auch viele wunderbare Geschichten erzählt. Über Kaffee zum Beispiel. In einer dieser Geschichten erzählt ein Kaffeeröster aus der Nähe von Mannheim, die von ihm vertriebenen Bohnen würden "von wild wachsenden Kaffeesträuchern des Urwalds" geerntet. Selbstverständlich, so wirbt er, pflege er eine enge "persönliche Beziehung zu den Kaffeebauern" im äthiopischen Hochland. Und natürlich liege ihm nichts mehr am Herzen als "fairer Handel".

Rührend. Mit solchen Geschichten lassen sich die sensiblen Gemüter deutscher Endverbraucher beruhigen, die ungestört vom kleinbäuerlichen äthiopischen Hochlandidyll träumen dürfen. Wo Männer im Morgennebel die Berghänge emporsteigen, um im Dickicht nach einzelnen Kaffeesträuchern zu suchen. Von denen sie Bohne für Bohne pflücken, um abends glücklich in ihr Dorf zurückzukehren.

Noch bis vor ein paar Jahren hat der Röster diese schöne Geschichte in Freiburger Biosupermärkten erzählt. Nur war sie leider ein Märchen.

Die Realität ist mittlerweile gerichtsfest: Statt an wilden wuchsen die Kaffeebohnen fast ausschließlich an eigens gepflanzten Sträuchern. Die persönliche Beziehung des Rösters zu den äthiopischen Kleinbauern entpuppte sich als Bestellung beim Hamburger Großhandel. Und für den angeblich "fairen" Handel sprach lediglich ein selbst entworfenes Logo auf der Verpackung. Zu viel des Guten, befand das Oberlandesgericht Karlsruhe. Seinen Kaffee darf der Röster in dieser Form nicht mehr anpreisen.

Die Probleme aber bleiben: Was bedeutet fair? Der Begriff ist nicht einheitlich definiert, jeder darf damit etwas anderes bezeichnen. Für Entwicklungshelfer hat Fairness vor allem mit kleinbäuerlichen Strukturen zu tun, für Wirtschaftsliberale sorgt der Weltmarkt schon allein für ausgleichende Gerechtigkeit. Das zweite Problem: Selbst in als fair zertifizierten Produkten können bis zu 80 Prozent unfaire Zutaten stecken. Man muss sich nur mal vorstellen, es ginge nicht um Lebensmittel – sondern um Energie: Welchen Aufstand würden Ökostromkunden machen, die zu 80 Prozent Atom- oder Kohlestrom bekämen?

Verbraucher wissen heute, dass Konsum eine moralische Seite hat

In diesem Durcheinander tummeln sich Scharlatane und Märchenonkel genauso wie Menschen, die die Idee des fairen Handels ernst nehmen. Einer davon ist Florian Hammerstein, der mit seiner Firma Original Food Kaffee, Schokolade und Tee verkauft und den Mannheimer Kaffeeröster vor Gericht brachte. Die Verwirrung um den Begriff "Fairness" hält der Freiburger Unternehmer für "äußerst problematisch, denn irgendwann verlieren die Verbraucher das Vertrauen in faire Produkte insgesamt".

Hinter fairem Handel stand ursprünglich die Idee, mithilfe des Konsums die Welt zu verändern. Sie entstand in den sechziger und siebziger Jahren überall in Europa und wurde in Deutschland vor allem durch die Weltläden propagiert. In erster Linie sollten die Bauern in Entwicklungsländern für Obst, Kaffee, Kakao oder Tee Zuschläge auf den Weltmarktpreis bekommen, und garantierte Abnahmemengen sollten ihnen die Planung erleichtern. Und damit die Konsumenten auch erkennen konnten, warum sie für ein Pfund Kaffee oder eine Tafel Schokolade etwas mehr bezahlen sollten, begann man, Zeichen auf die Packungen zu drucken.

Bald folgte ein buntes Zeichen dem nächsten, ein jedes mit eigenem Konzept. Heute sind die verschiedenen Anbieter kaum mehr zu unterscheiden, weil sie Ähnliches versprechen: So bietet "Fairtrade", das wohl bekannteste Siegel, "die Gewissheit, dass die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Bauern und Beschäftigten durch Fairtrade-Preise und -Prämien verbessert werden". Mit "Fair plus" will demgegenüber die Gepa "im Süden für ein besseres Leben" arbeiten. Naturland ist überzeugt: "Ökologischer Landbau hat nur dann eine Zukunft, wenn die Bauern von ihrer Arbeit leben können." Dazu kommen das "Fair for Life"- oder "Hand in Hand"-Zeichen sowie zahlreiche Initiativen, die zwar nicht ausdrücklich von Fairness sprechen, aber vergleichbare Ziele verfolgen. So will die Rainforest Alliance mit ihrem grünen Frosch "den Erhalt der Artenvielfalt und die nachhaltige Sicherung der Lebensgrundlagen" fördern und die Organisation Utz "bessere Zukunftsaussichten für Farmer, ihre Familien und unseren Planeten" verwirklichen. Konzerne wie Nestlé oder Starbucks haben darüber hinaus noch eigene Ethik-Initiativen.

Da müssten auf südlichen Feldern und Plantagen ja längst schon paradiesische Zustände herrschen. Doch Kinderarbeit ist bei der Kakaoproduktion in Westafrika noch immer so verbreitet wie die Urwaldrodung für Palmölplantagen in Indonesien. Obwohl so viele Rohstoffe irgendwie zertifiziert sind. Klare Lügen wie im Fall der äthiopischen Kleinbauern stellen da nur den kleinsten Teil des Problems dar. Viel relevanter ist die völlig legale, aber riesige Grauzone: die unfaire Seite des fairen Handels.