Gleich am ersten Tag des Krieges, sagt Maher Salem, sei ein Brunnen bombardiert worden. "Drüben in Al-Maqwsi, das war ein guter Brunnen. Hat 100 Kubikmeter Wasser pro Stunde gefördert." Nun herrscht Waffenstillstand, und Salem, 48 Jahre alt, zuständig für die Trinkwasserversorgung bei der Stadtverwaltung von Gaza City, ist seit dem frühen Morgen unterwegs, um Kriegsschäden zu inspizieren und Reparaturtrupps auszuschicken. Umgeben vom Gestank einer Stadt, in der seit Wochen kein Müll mehr verbrannt wurde, flicken sie zerbombte Leitungen, während ihr Chef Bilanz zieht: Neun von 68 Brunnen in Gaza City seien total zerstört, mehrere andere schwer beschädigt.

Der Westteil der Stadt ist voll mit Flüchtlingen aus anderen Gebieten des Küstenstreifens. "Viele von ihnen", sagt Salem, "sind seit 20 Tagen ohne Wasserversorgung." In den Notunterkünften hätten sich Infektionen ausgebreitet. Die Pumpen, die noch funktionieren, müssten jetzt eigentlich ein Vielfaches fördern. Doch es fehlt an Strom, seit am 29. Juli das einzige Kraftwerk im Gazastreifen in Brand geschossen wurde. Brennstoff für Generatoren wiederum ist Mangelware.

Auf sechs Milliarden Dollar schätzt die Palästinensische Autonomiebehörde die Schäden dieses Krieges. Von über 40.000 beschädigten oder völlig zerstörten Wohnungen ist die Rede, von beschossenen Krankenhäusern und über 150 Betrieben, die aufgrund von Kriegsschäden stillstehen. Diese Zahlen sind wie alle Angaben dieser Tage, ob aus Jerusalem, Ramallah oder Gaza-Stadt, mit Vorsicht zu genießen. Aber sie spielen schon jetzt eine Rolle im Kampf um die Interpretation dieses Krieges.

War "Operation Protective Edge" legitime Selbstverteidigung gegen den islamistischen Terrorismus unter größtmöglicher Rücksichtnahme auf die Zivilbevölkerung, wie es die israelische Regierung darstellt? Oder ein wahlloses Bombardement von 1,8 Millionen de facto eingeschlossenen Zivilisten, wie es die meisten Palästinenser sehen? Inmitten dieses propagandistischen Getöses sollen nun Experten Fakten ermitteln, um einen Krieg aufzuarbeiten, von dem Anfang dieser Woche noch nicht einmal sicher war, ob er wirklich zu Ende ist.

"Wir können während des Waffenstillstands immerhin unsere Teams zur Recherche losschicken." Mahmud Abu Rahma hat auf seinem Laptop eine Statistik des Al Mezan Center for Human Rights aufgerufen. Über 1.900 Palästinenser seien in diesem Krieg getötet worden, "81,6 Prozent", sagt Abu Rahma, "waren nach unseren Nachforschungen Zivilisten." Israel bestreitet diese Aufschlüsselung und spricht von 700 bis 1.000 getöteten Kämpfern von Hamas und anderer bewaffneter Gruppen. "Rund 50 Prozent Kollateralschaden – das ist viel weniger als in anderen Konflikten auf der Welt", sagt Yaakov Amidror, bis Ende 2013 Sicherheitsberater von Premierminister Benjamin Netanjahu und inzwischen Mitarbeiter des Begin-Sadat Center for Strategic Studies.

Die Zwischenbilanz der UN: Verbrechen auf beiden Seiten

Wie Israel den Kombattantenstatus der Getöteten feststellt, ist bislang nicht klar. Das Al Mezan Center vergleicht, soweit möglich, die Totenscheine aus den Hospitälern mit Aussagen von Verwandten, Arbeitgebern und Augenzeugen. Nähe zu Hamas kann man den Mitarbeitern nicht nachsagen. Sie gehören zu den wenigen in Gaza, die es wagen, Menschenrechtsverletzungen der Islamisten zu benennen. Mahmud Abu Rahma wurde nach einer besonders kritischen Äußerung vor zwei Jahren von Maskierten überfallen und niedergestochen.

Recherchen des Al Mezan Centers sind auch in die Zwischenbilanz von UN und internationalen Menschenrechtsorganisationen in diesem Krieg eingeflossen. Und die lautet bislang: Kriegsverbrechen auf beiden Seiten.