DIE ZEIT: Herr Rosa, die Psychologie erklärt uns, dass unser Ich-Gefühl zu weiten Teilen nur eine Art Konstrukt ist. Trotzdem haben wir intuitiv immer wieder den Eindruck, in bestimmten Situationen authentischer zu sein als in anderen. Was zeichnet diese Situationen aus?

Hartmut Rosa: In solchen Momenten spürt man: Hier kann ich ganz sein, wie ich bin; man fühlt sich in seinem innersten Wesen angesprochen. Dieses Gefühl hängt damit zusammen, dass sich zwischen uns und den jeweiligen Menschen oder Dingen so etwas wie eine Verbindung herstellt. Was uns als Spezies auszeichnet, ist ja unser sozialer Sinn und unsere Fähigkeit, Kontakt aufzunehmen, uns in die Gedankenwelt anderer hineinzuversetzen. Und am beglückendsten ist es, wenn wir das Gefühl haben: Da antwortet mir etwas, wir schwingen sozusagen auf derselben Wellenlänge. Dieses Weltverhältnis beschreibe ich mit dem Begriff der Resonanz.

ZEIT: Meinen Sie damit, dass man eine Art Widerhall spürt?

Rosa: Ja, aber nicht im Sinne eines Echos, sondern einer Antwort. Das ist wie bei einer Stimmgabel: Wenn sie mit dem rechten Ton angeregt wird, beginnt sie automatisch mitzuschwingen. Das Gefühl, lebendig und authentisch zu sein, ist für uns Menschen stark mit dieser Erfahrung verknüpft.

ZEIT: Kommt diese Resonanz von außen oder von innen?

Rosa: Beides ist möglich. Es kann von außen kommen, zum Beispiel durch Menschen, die etwas Besonderes ausstrahlen, die Resonanz vermitteln und andere sozusagen anstecken. Diese Menschen erleben wir dann in der Regel als besonders "authentisch". Das Resonanzmoment kann aber auch von innen kommen, wenn mich eine Emotion bewegt, ich gewissermaßen einen Draht zur Welt spüre und das Gefühl habe: Ich kann da draußen was erreichen! Resonanz meint also einen Zustand, in dem ich mich berührt oder bewegt fühle, aber zugleich auch die Erfahrung mache, selbst etwas oder jemanden berühren oder bewegen zu können. Interessanterweise fühlt man sich gerade dann am ehesten im Einklang mit sich selbst.

ZEIT: Und wenn nichts schwingt?

Rosa: Dann sind das Situationen, die einen kaltlassen, die einem nichts sagen, bei denen man sich fehl am Platze fühlt. Selbst wenn man etwa einen spannenden Film im Kino sieht, kann man doch das schale Gefühl haben: Eigentlich spielt es keine Rolle, ob ich da bin oder nicht. Es fehlt das Selbstwirksamkeitsgefühl, das wichtig ist für die Erfahrung der Resonanz.

Das feine Gefühl des authentischen Lebens lässt sich gerade nicht instrumentalisieren, wie so vieles andere in der Welt. Zum Glück
Hartmut Rosa

ZEIT: Gilt das in allen Lebensbereichen?

Rosa: Ja, Resonanz hat viel damit zu tun, ob sich Menschen als selbstwirksam erleben. Beispiel Politik. Immer mehr Menschen haben das Gefühl: Es ist egal, wen ich wähle, das macht ohnehin keinen Unterschied. Denn auch Demokratie bedeutet Resonanzversprechen. Sie beruht darauf, dass eine Wechselwirkung zwischen Bürger und Politiker stattfindet, dass uns die öffentlichen Institutionen gleichsam antworten: Wir erreichen sie und sie uns. Aber diese Erwartung geht zunehmend verloren. Deshalb kommt es so häufig zu Protesten von Bürgern gegen politische Entscheidungen.

ZEIT: Und wie geht es Ihnen persönlich? Fühlen Sie sich eher in Resonanz oder nicht?

Rosa:(lacht) Natürlich kenne auch ich das Gefühl der Entfremdung. Wenn ich etwa Forschungsanträge schreibe, denke ich oft: Das bin eigentlich gar nicht ich, da schwingt nichts.

ZEIT: Und wo findet man Resonanzräume?

Rosa: Die einen finden sie in der Kunst, beim Malen, Dichten oder Musizieren. Singen zum Beispiel ist ja Resonanz per se, da spürt man die Schwingung ganz körperlich. Andere zieht es in die Natur. Sie gehen in den Wald, in die Berge oder ans Meer und fühlen sich dort auf besondere Weise berührt. Und dann gibt es natürlich noch die Religion. Die Bibel ist ja ein einziges Dokument des Schreiens, Betens und Harrens auf Antwort. Alle religiösen Traditionen kennen verschiedene Resonanzpraktiken. Deshalb ist die Religion auch nicht totzukriegen.