Überwachen, ausspähen, durchleuchten, manipulieren, so beschreiben wir den digitalen Alltag. Aber wer ist es, der da überwacht, ausspäht, durchleuchtet oder manipuliert? Google, Facebook, die Geheimdienste? Durchaus. Aber die Programme werden von ganz realen Individuen geschrieben, die für Unternehmen oder Behörden arbeiten. Menschen wie du und ich, die Zwängen ausgesetzt sind, Geld verdienen müssen, ein Gewissen haben.

Und die sich beispielsweise mit Kollegen am Kaffeeautomaten treffen. Dort beginnen Gespräche zuweilen mit: "Du, ich hab da ein Problem ..." – etwa dass eine Software zum Spionieren missbraucht werden kann, am Arbeitsplatz gesundheitsschädlich wirkt oder zu wenig getestet wurde, aber wegen des Termindrucks eben doch ausgeliefert werden soll. Mit solchen Problemen sehen sich Software-Ingenieure und Programmierer fast immer alleingelassen.

Programmieren bedeutet, Regeln für die technische Welt aufzustellen. Aber welche Regeln gelten für Programmierer? Die gesetzlichen, das Bundesdatenschutzgesetz zum Beispiel. Doch die Rechtsnormen stecken nur das ethische Minimum ab. Alles Unerwünschte verbieten, alles Gewünschte erzwingen, das geht in einem Rechtsstaat nicht. Wenn beispielsweise Facebook-Anwendungen die User verführen, Intimes preiszugeben, dann ist das schlecht, geht aber das Recht nichts an.

Weshalb etwas Neues eingeführt werden sollte: eine Art hippokratischer Eid für Informatiker. Also berufsständische Regeln, die festlegen, wozu Programme dienen dürfen; Regeln, auf die sich interne Kritiker und Whistleblower berufen können und die ihnen die Angst nehmen, Missstände zu melden.

Geht das? In Amerika hat die Association for Computing Machinery bereits 1992 einen solchen Kodex verabschiedet. Die deutsche Gesellschaft für Informatik (GI) zog bald nach. Beide Texte sind allgemein gehaltene Selbstverpflichtungen. Aus ihnen lässt sich ableiten, dass jeder Informatiker verpflichtet sei, die Konsequenzen seiner Software zu bedenken; sind sie schädlich, muss er etwas dagegen tun. Fein. Doch wer sich die Software-Welt von heute so ansieht, wird kaum annehmen, dass diese Forderung massenhaft befolgt wird. Hat nicht auch Google einen Verhaltenskodex, in dem es heißt: Don’t be evil, sei nicht böse?

Aus der Sicht einer Software-Schmiede, die für einen Kunden Code schreibt und deshalb sieben Tage in der Woche 16-Stunden-Schichten schiebt, bleiben derartige Proklamationen leer. Ebenso wie für die Heerscharen von Wissenschaftlern, die um prekäre Arbeitsverträge kämpfen. Nein, gegen diese Wirklichkeit und ihre Zwänge haben abstrakte Forderungen nach dem Guten keine Chance.

Notwendig sind daher, erstens, griffigere Regeln. Zumal die gegenwärtigen die heutigen Techniken der Überwachung, Ausspähung, Durchleuchtung und Manipulation nicht nennen. Zweitens müssen einem neuen Ethik-Kodex Zähne verliehen werden. So könnte man öffentliche Aufträge nur noch an solche Unternehmen vergeben, die Seminare über ethische Grundsätze durchführen, und zwar anhand von Fallbeispielen, die von Dritten eingebracht werden, etwa von der GI. Außerdem kann das Arbeits- und Schadensersatzrecht auf den Kodex für Informatiker verweisen; in anderen Bereichen wie zum Beispiel der Wirtschaftsprüfung gibt es so etwas schon. Drittens: Ethische Regeln werden nur dann befolgt, wenn sie Teil einer Berufskultur sind. Für die Ärzte gilt seit etwa 2.500 Jahren der hippokratische Eid: Die Schweigepflicht zum Beispiel beruht darauf. Oft wurde der Eid gebrochen, aber er lebt fort als Maßstab ärztlichen Handelns. So etwas brauchen die Codierer auch, und zwar von Anfang an. Ethisches Programmieren muss Teil des Prüfungsstoffs an Universitäten, ja des Schulunterrichts werden.

Der amerikanische Schriftsteller Dave Eggers hat wegen der Bedrohungen im digitalen Zeitalter eine neue Deklaration der Menschenrechte gefordert. Das mag sinnvoll sein. Ein hippokratischer Eid für Informatiker aber hätte verbindlicheren Charakter – und er würde an der Quelle ansetzen. Er gehört auf die "digitale Agenda" der Bundesregierung.