Der "Islamische Staat" – Isis oder Isil genannt – rollt im Irak von einem Sieg zum anderen. Diese Glückssträhne kann nicht anhalten. Denn mit seiner spektakulären Landnahme verzichtet Isis auf den einzigartigen Vorteil des klassischen Terrorismus. Der hat keine Adresse; er lebt von der "Fahrerflucht". Kleinzellig organisiert, schlägt er aus dem Hinterhalt zu und taucht wieder weg – wie Maos "Fische im Wasser". Folglich lässt er sich nicht fassen und nicht treffen. So entwertet er die besten Waffen der Staaten – die Jets der fünften Generation, die Raketen aus dem All.

Diesen Vorteil hat Isis verspielt. Er geriert sich als Territorialstaat mit Wohnsitz und Adresse – und offeriert damit ein perfektes Bombenziel. Zusammen mit dem humanitären Horror – zuletzt dem Vernichtungsfeldzug gegen die Jesiden-Minderheit – erklärt das neue Schlachtfeld die abrupte Wende der USA. Obama, der 2011 geglaubt hatte, unbehelligt aus dem Irak abziehen zu können, richtet sich auf eine unbefristete Bombenkampagne ein. Kosten und Risiken sind überschaubar; im offenen Gelände dominieren Amerikas Abstandswaffen, jedenfalls taktisch.

Auch strategisch? In der neuen Vielfronten-Arena gilt nicht mehr: "Der Feind meines Feindes ist mein Freund." Sondern: "Er ist trotzdem mein Feind." Dezimiert die US-Luftwaffe Isis, stärkt sie das Schiiten-Regime, das die Sunniten unterdrückt und mit Teheran, keinem Freund Amerikas, paktiert hat. Obama kämpft mit halber Kraft, um Bagdad zu zwingen, eine inklusive Regierung zu installieren. In Syrien hat Obama von vornherein gepasst, weil er sich nicht zwischen zwei Übeln entscheiden konnte: der Terrorbande Al-Nusra und dem Schreckensherrscher Assad, der mit dem Iran und Russland liiert ist.

Es ist ein klassischer Double-Bind – wie man es macht, ist es falsch. Doch Politik und Krieg sind immer die Wahl zwischen zwei Übeln. Das größere beschreibt Obama so: "Wir werden es Isis nicht erlauben, eine Art Kalifat in Syrien und im Irak aufzubauen." Aber: "Das schaffen wir nur mit Partnern, die das Vakuum auffüllen können." Sprich: nicht mit einem Regime, das im Schutz amerikanischer Waffen die sunnitische Minderheit quält.

Solch Drahtseilakt erfordert eine kaltäugige Machtpolitik, die zuletzt Henry Kissinger im Jom-Kippur-Krieg 1973 gemeistert hat: den Freund Israel so dosiert zu schwächen, dass er Konzessionen gegenüber Ägypten macht. Obama aber hat solche realpolitische Kunst nie gezeigt. Amerika hat sich jahrelang aus Mittelost zurückgezogen und steht dennoch zwischen allen Fronten. Es hat sich von seinen alten Freunden Israel, Saudi-Arabien und Ägypten entfremdet, aber weder in Moskau, Teheran oder Bagdad neue Partner gefunden. Immerhin scheint Obama einen Machtwechsel geschafft zu haben: Maliki ist abgesetzt; der neue irakische Premier ist der Parteifreund Al-Ibadi.

Das Umdenken hat vor einer Woche begonnen. Obama erscheint als gutwilliges Opfer einer Welt, in der die Gewalt zurückkehrt und die konservativen "Freunde" in Riad und Katar den sunnitischen Terror munitionieren. Einen Trost bietet dieser Widersinn doch: Wenn ein Terrortrupp wie Isis zur Territorialmacht gerät, verliert er den Vorteil der klassischen Guerilla. Er kann nicht mehr wegtauchen und wird zur Zielscheibe überlegener Kriegstechnik. So weit, so gut. Doch Obama fragt zu Recht: "Haben wir eine Antwort für den Tag danach?"