Grünes, karges, schönes Irland. Wenn die Kamera in diesem neuen Film von Ken Loach über die Hügel streift, den wolkenverhangenen Himmel, die sich durch Täler windenden Wege, die tropfenden Strohdächer, dann keimt ein Gefühl von Sehnsucht und Trauer. Merkwürdig, gerade ist doch der Mann, der dem Film seinen Namen gibt, aus Amerika zurückgekehrt, es sind die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts, und zehn dieser Jahre hat der Sozialist Jimmy im Zwangsexil verbracht, jetzt ist er wieder zu Hause. Jimmy Gralton, Bauernsohn und Republikaner, ist übrigens eine historische Figur, geboren 1886 im County Leitrim, in dem auch der Film gedreht wurde, alte Fotos zeigen einen Mann mit Brille und Glatze.

Das Kino verschafft Jimmy eine neue Chance, Barry Ward gibt ihm den flotten keltischen Look mit schwarzem Haar zu scharfem Profil. Ein Freund fährt ihn auf einem Eselskarren zu dem modrigen Cottage, in dem seine Mutter auf ihn wartet, wie so viele irische Mütter auf ihre von Politik und Hunger vertriebenen Kinder gewartet haben, meist vergeblich. Die Männer schaukeln vorbei an der irischen Geschichte, einer maroden Tanzhalle, der Pearse-Connolly Hall. Benannt nach Patrick Henry Pearse, dem Anwalt, Dichter und Rebellen sowie James Connolly, Sozialist und Vorkämpfer der irischen Republik, beide hingerichtet nach dem Scheitern des Osteraufstandes gegen die britischen Besatzer im Jahre 1916.

Die Halle wurde abgefackelt von den im Dienste der Briten stehenden paramilitärischen "Black and Tans", um das bisschen Gemeindeleben zu zerstören, das sich dort entwickelt hatte, jetzt wird die Bruchbude aufgeräumt, bald auch Musik erklingen, das Schlittern der Tanzschritte, man wird sie Jimmy’s Hall nennen – aber es wird trotzdem nicht leicht mit einem Neuanfang. Nicht für Jimmy, nicht für Irland, das nach dem blutigen Unabhängigkeitskrieg und den Bitternissen des Bürgerkrieges von 1922/23 keinen Frieden fand, schon weil der Volksheld Éamon de Valera, der 1932 mit seiner Partei an die Macht kam, das Knie vor Kirche und Oberschicht beugte – der irische Schriftsteller John Banville nannte de Valera neulich erbittert einen Faschisten.

Wieder berührt der britische Regisseur Ken Loach die Schmerzenspunkte der irischen Gesellschaft. In The Wind That Shakes the Barley, mit dem Loach 2006 die Goldene Palme von Cannes gewann, hatte er das Trauma der Besatzung inszeniert, die von London mit Härte exerzierte Fremdherrschaft, es war ein dunkler Film, voller Gewalt. Nun, im gewissermaßen zweiten Teil der Irland-Erzählung, zeigt Loach die zweite Kraft, die Irland im Würgegriff hält, er sei, so sagt Loach, von einem Satz in seinem ersten Film ausgegangen: "Dieses Land wird ein von Priestern verseuchtes Loch werden." Wohl wahr.

Die Kirche, die sich 1932 auf dem Eucharistie-Kongress in Dublin vor Millionen als machtvolle Institution zelebrierte, führte mit ihrem Heer von fanatischen Anhängern schon immer einen Feldzug gegen alles, was sich unterwerfen ließ oder nicht – im Film frei denkende Bürger, pubertierende Kinder, flotte Musik, die in die Beine ging. Oder auch gegen Bildungsprojekte der Linken, wie sie Jimmy und seine Kameraden in der Gemeindehalle betrieben – malen, Yeats lesen, die alten Tänze wiederbeleben.

Natürlich blieb die irische Kirche standhaft gegen das Flehen um Abtreibung und Scheidung, sie blieb, weitgehend unkontrolliert noch in die Gegenwart hinein, ein Bollwerk gegen alle Anflüge von Moderne wie die Liberalisierung der Homosexualität, überhaupt gegen alles Sexuelle, wenn sie auch blind war gegen den eigenen systematisch betriebenen sexuellen Missbrauch von Abertausenden von Kindern in ihren Institutionen.