Wir haben vom lässigen Sommer in Kopenhagen gehört, wollen also unbedingt hin, bloß wann? Die Wetter-Apps lassen uns zögern. Sie sagen immer 20 Grad und Bewölkung an. Süßes Leben im Sprühregen? Wie kommen die Dänen, angeblich die glücklichsten Menschen der Welt, damit klar?

Wir reisen mit dem Zug, streifen die Lübecker Bucht, genießen Weite und Licht schon auf der Ostseefähre, und kaum sind wir in Kopenhagen, fühlt sich der Tag viel besser an als vorhergesagt. Die Luft ist sanft und schmeichelt der Haut. In jedem Atemzug ist das Meer zu schmecken.

Es regnet nicht. Aber welch ein Spektakel am Himmel! Aufgetürmte Raumschiffwolken, von Schneeweiß bis Tiefschwarz, als wär’s eine Lars von Triersche Science-Fiction-Fantasie, dazwischen Sonnenbalken – und schnell verstehen wir, dass es schlechtes Wetter hier im Konjunktiv gibt: Es könnte regnen.

Vom Bahnhof zum Hotel mit dem Bus, fährt alle zwei Minuten, und dann rüber zum Fahrradladen Sögreni in die Sankt Peders Stræde, ein Rad ausleihen. Sögreni kommt von Sören, so heißt der Chef. Hier sagen alle Du, wir dann auch. Was für tolle Räder! "Seit Jahrzehnten alle selbst gebaut!" Dänisches Design. Sören packt mit beiden Händen ein Schutzblech aus Holz und biegt es. Gleich muss es brechen – aber es bricht nicht. Der Meister strahlt. "Oft kopiert, nie erreicht." Unbezahlbar natürlich. Uns holt er eine alte Möhre vom Hof. Na gut, kann man auch mit fahren.

Am Botanischen Garten vorbei, der Nationalgalerie, Schloss Amalienborg zur Linken, bis zur Königlichen Bibliothek am Hafen. Sie wird, weil sie so funkelt, Schwarzer Diamant genannt. Vor dem Eingang, am Wasser, stehen Liegestühle für Leser.

Faszinierend ist die Stille in der Stadt. Immerhin leben ein Drittel der gut fünf Millionen Dänen hier. Aber es gibt kaum Autos. Alle steigen aufs Rad. Die Herren in Sandalen und kurzen Hosen, die Damen in Sandalen und superkurzen Hosen. Schon die wetterunabhängige Halbnacktheit aller hebt die gefühlte Temperatur. Stundenlang gleiten wir berauscht durch die Straßen. Grüne Welle auf dem Radweg? Schilder zeigen sie an: bei Tempo 20!

Kopenhagen bemüht sich sogar um Fahrradmuffel. Wir halten in der Fredericiagade im Zentrum an einer Ausleihstation für Elektrofahrräder und geben Joel Thomas Mulligan das Wort: 250 E-Bikes seien es jetzt, sagt Joel, mehr als 1500 sollen es im nächsten Frühjahr sein, alle mit eingebautem GPS und Karten-Bildschirm, global einmalig.

"Kopenhagen ist gut in Pilotprojekten", sagt der junge Industriedesigner, der für den Job aus Kanada kam. "Es gibt diese erfrischende Kultur des Ausprobierens, darum bin ich hier."

Weiter geht’s zum Königlichen Schauspielhaus, wie die Bibliothek eindrucksvoll an den Hafen gebaut, vorbei an der Touristentrinkstrecke Nyhavn und einer fast fertigen Fahrradbrücke übers Wasser, die seit einiger Zeit Empörung auslöst – weil schon so lange daran gebaut wird. So gibt es auch in Kopenhagen Grund zu klagen.

Wohin am Abend? Auf dem Weg von der Bibliothek zur Kleinen Meerjungfrau finden wir The Standard, den jüngsten Jazzclub der Stadt. Nur 68 Plätze, rote Vorhänge, Deckenspiegel, grandiose Akustik – kein vermuffter Keller. Der Blick fällt von der Bar übers Wasser, und nun, zur blauen Stunde, gibt es Blue Notes.

Niels Lan Doky, Dänemarks erfolgreichster Jazzpianist, halber Vietnamese, hat 23 Jahre in Paris gelebt und ist jetzt zurückgekehrt, um diesen Club zu eröffnen. Er begrüßt sein internationales Publikum herzlich von der kleinen Bühne herab: "Wo kommen Sie her?" – "Aus Australien!" – "Wunderbares Australien, ich mag es!" – "Wir mögen Dänemark!"

Er stellt sein Trio vor, den erfahrenen schwarzen Bassisten aus Amerika, den blutjungen Kopenhagener Schlagzeuger. Dann spielen sie "Things Ain’t What They Used To Be," einen Klassiker des Trompeters Mercer Ellington. Der Sohn des Duke lebte hier, wie viele große Musiker vor ihm. Dexter Gordon, Stan Getz, Ben Webster, Thad Jones – sie machten Kopenhagen in den Sechzigern zur europäischen Jazzhauptstadt.