Seit 25 Jahren streiten sie amikal über ein historisches Ereignis, an dem sie selbst beteiligt waren: Der Österreicher Johann Göltl und der Ungar Arpád Bella waren am 19. August 1989 für die Sicherung eines Grenzübergangs verantwortlich, der extra für ein "paneuropäisches Picknick" geöffnet worden war. Plötzlich tauchten auf ungarischer Seite Hunderte DDR-Bürger auf und stürmten durch das erste Loch im Eisernen Vorhang. Der österreichische Chefinspektor Göltl glaubt dem ungarischen Hauptmann Bella bis heute nicht, dass er keine Ahnung davon hatte, was sich da anbahnte. Die Massenflucht nach St. Margarethen war das Vorspiel des Berliner Mauerfalls am 9. November dieses Jahres. Sie veränderte die Grenzregion ebenso wie ganz Zentraleuropa, bis heute.

In einem Kaffeehaus von Fertőszentmiklós, gleich hinter der Grenze, gehen Ende vergangener Woche Göltl und Bella, nun 73 und 69 Jahre alte Pensionisten, ihren großen Tag noch einmal durch. Die Behörden hatten für das Picknick, das unter dem Ehrenschutz von Otto Habsburg und dem ungarischen Reformkommunisten Imre Pozsgay stand, für drei Stunden die Öffnung eines alten Übergangs genehmigt. Das breite Tor – ein Holzrahmen und viel Stacheldraht – sollte um 15 Uhr aufgehen und Blasmusikkapellen, geschmückte Pferdefuhrwerke und Honoratioren aus beiden Ländern zur symbolischen Verbrüderung passieren lassen.

"Als die Flüchtlinge kurz nach drei Uhr plötzlich aus dem Wald auftauchten, hatte ich nur 20 Sekunden Zeit, zu entscheiden, ob ich sie aufhalten oder durchlassen soll", sagt Bella. Einen "Schießbefehl bei illegalem Grenzübertritt" gab es zwar nicht mehr, wohl aber sollten sich angegriffene Beamte verteidigen. Ohne Gewalt, das erkannte Bella, waren die etwa 150 Männer, Frauen und Kinder, die da heranstürmten, nicht zu stoppen. Obwohl er wusste, dass ihn das für Jahre ins Gefängnis bringen konnte, gab der Hauptmann seinen fünf Grenzschützern einen Wink – und sie ließen die Flüchtlinge durch.

"Ich lief auf die ungarische Seite hinüber und fragte Arpád, was da los sei", schildert Johann Göltl seine Version. "Hansi, ich weiß es nicht", soll der langjährige Kollege geantwortet haben. Da rauschte schon der nächste Pulk der insgesamt rund 600 DDR-Flüchtlinge vorbei. Heute ist sich Bella nicht mehr sicher, ob die kommunistische Regierung nicht doch ein doppeltes Spiel getrieben hatte. Seit dem Abbau der gefährlichsten Grenzbefestigungen von Mai 1989 an waren Tausende DDR-Bürger ins Land gekommen und warteten auf eine Gelegenheit zur Flucht. An einem Testfall hätte man die Reaktionen Moskaus ablesen können. Damals wurde Bella zunächst allerdings suspendiert. Die Ehrungen kamen erst Jahre später.

Auf der österreichischen Seite holte Chefinspektor Göltl Verstärkung herbei, um die Flüchtlinge in Empfang zu nehmen. In St. Margarethen richtete der ÖVP-Bürgermeister im örtlichen Freizeitzentrum ein Auffanglager ein. Dieser Bürgermeister, der inzwischen verstorbene Andreas Waha, soll eine österreichische Hauptperson des Picknicks gewesen sein. Das erzählt Lásló Nagy, der gemeinsam mit Wahas gleichnamigem Sohn nahe dem damaligen Grenzübergang, an den jetzt noch ein Stück Drahtverhau und ein Wachtturm erinnern, den Sommer 1989 rekapituliert. Nagy, der sich zu den ungarischen Urhebern des paneuropäischen Picknicks zählt, beklagt, dass ihrer Aktion eine monarchistische Schlagseite nachgesagt wird. "Wir haben damals gar nicht gewusst, dass es eine Paneuropabewegung gibt." Lediglich der Gedanke, etwas "gesamteuropäisches" zu organisieren, sei von der damals neuen, bürgerlichen Partei Ungarisches Demokratisches Forum (MDF) entwickelt worden.

Ende Juni habe Otto Habsburg, Sohn des letzten ungarischen Königs, in Debrecen über die Zukunft Europas referiert. Danach diskutierte man darüber, dass trotz aller Lockerungen – die Ungarn durften seit 1988 frei reisen – die Trennung Europas noch vorhanden sei. MDF-Aktivisten im ostungarischen Debrecen kontaktierten Freunde in Sopron, darunter Nagy, um mit ihnen ein Fest an der Grenze zu organisieren. "Erstaunlich schnell", so Nagy, hätten das die ungarischen Behörden genehmigt, "aber in Österreich kannten wir niemand".