Das kommt selten vor: Man liest ein theoretisches Werk mit erheblichem intellektuellem Gewinn und Vergnügen, während sich die Einwände gegen das Vorgebrachte nur so türmen. So ein Fall ist das neue Buch des in Zürich lehrenden Philosophen Michael Hampe. In einem Plädoyer für ein "postdoktrinäres" Denken formuliert es eine vehemente Kritik an den Lehren einer Philosophie, die ihre Anhänger auf eine ebenso entmündigende wie lebensferne Gefolgschaft zu verpflichten versuche. Insofern hat der Autor mit widerständigen Reaktionen auf seine eigenen Darlegungen sein wichtigstes Ziel bereits erreicht: seine Leserschaft nicht in der geschlossenen Anstalt des eigenen Dogmas gefangen zu nehmen.

In seinem Herzen ist Hampes Buch ein Versuch über das Verhältnis von Philosophie und Literatur: ein Plädoyer für ein Philosophieren, das mit dem unbotmäßigen Wirklichkeits- und Möglichkeitssinn der Künste mithalten könnte. Im Unterschied zu den erklärenden Wissenschaften spielen Philosophie und Literatur für Hampe ein verwandtes Spiel der beschreibenden und erzählenden Erkundung menschlicher Lebensverhältnisse. Zwar liege die besondere Stärke der Literatur in der "exemplarischen Konkretion", die der Philosophie hingegen in einer "Explikation von Begriffsverhältnissen". Die Grenzen zwischen diesen Verfahren erwiesen sich jedoch als fließend, wie der Autor an dem 2003 erschienenen Erzählungsband Elizabeth Costello von J. M. Coetzee demonstriert. Hier seien provokative "Argumente at work" zu besichtigen, aber es bleibe dem Publikum überlassen, aus ihrer Dissonanz die eigenen Schlüsse zu ziehen. Ähnlich sei auch die Philosophie dazu berufen, den Widerstreit menschlicher Erfahrungen, Einstellungen und Sichtweisen auszutragen, ohne ihn stillstellen zu wollen. Auch hier gehe es um das Abenteuer einer Expedition durch die ebenso "kontingenten" wie "zerklüfteten" Landschaften der Selbstauslegung historischer Kulturen.

Vor diesem Hintergrund entwickelt Hampe eine "Kritik der verallgemeinernden Rede". Die großen Lehrgebäude der Philosophie seit Platons Zeiten finden vor ihr nur wenig Gnade. Denn sie verbreiteten hartnäckige Illusionen über den Sinn des philosophischen Tuns: Sie versprächen ein zeitlos gültiges Wissen über die innere Verfassung von Sein und Seiendem, das der Individualität alles Wirklichen nicht gerecht zu werden vermöge. Hampes Empfehlung an die Fachkollegen lautet daher, der "Versuchung des Werks" zu widerstehen. Sie sollten nicht auf Wahrheitsbesitz und Gefolgschaft aus sein, sondern der befreienden Kraft ihres Denkens vertrauen. Neben Autoren wie John Dewey und Ludwig Wittgenstein, Richard Rorty und Ian Hacking ist hierfür vor allem die Figur des Sokrates ein Vorbild: "Seine Tätigkeit besteht nicht darin, wahre Behauptungen als Denkresultate weiterzugeben, sondern darin, andere vor ihrer Fixierung auf bestimmte Denkresultate zu schützen." Darin bestehe die eigentliche Mission der Philosophie: kraft der beharrlichen Variation des scheinbar Selbstverständlichen ihren Adressaten zu einer "semantischen Autonomie" zu verhelfen, die sie befähigt, ihr Leben mit einem wachen Sinn für die Besonderheit allen Daseins zu verbringen.

Das Ergebnis ist eine "kritische Philosophie" besonderer Art. In Abkehr vom Glauben an eine wissenschaftliche Weltauffassung und unter Ausschöpfung ihrer literarischen Fähigkeiten findet sie Erfüllung nicht in der Errichtung von Denkgebäuden, sondern in der Eröffnung von Denkräumen. Um diese Opposition kreist das gesamte Buch. Sie verleiht ihm eine klare Dramaturgie und entfacht ein Feuerwerk überraschender Interpretationen, garniert mit polemischen Ausfällen gegen die Betriebsblindheit eines selbstverliebten Spezialistentums.

Dieses erfreuliche Temperament des Autors zeigt schon an, dass der Gegensatz zwischen Behaupten und Erzählen, mit dem er immer wieder operiert, sein letztes Wort nicht sein kann. Selbst eine nichtdoktrinäre Philosophie nämlich kann "sich nicht ganz des Behauptens enthalten" (Hampe). Schließlich kommt es auch beim "Experimentieren mit Begriffen" auf Unterscheidungsfähigkeit, Genauigkeit und somit auf einen Anspruch auf Wahrheit an. Wogegen Hampe sich wendet, ist also gar nicht das Behaupten als solches, das bereits für die alltägliche Orientierung ganz unverzichtbar ist. Auch das Erzählen kommt ohne es nicht aus, ganz gleich, ob es Geschehnisse in einem faktualen oder fiktionalen Modus vergegenwärtigt. Worum es Hampe eigentlich geht, ist vielmehr die Art des Einsatzes der behauptenden Rede auf dem Feld der Philosophie: entweder zugunsten der Etablierung einer unumstößlichen Theorie oder aber in einem improvisierenden Durchdenken standardisierter Deutungsmuster, für das an einer Stelle der Jazz als Vorbild genannt wird.

Auch in solch einem Sprachspiel jedoch ist die vom Autor empfohlene Enthaltung nicht durchzuhalten. Er selbst kommt nicht umhin, sich auf Elemente einer "minimalistischen" Ontologie, Anthropologie und Ethik festzulegen, die so sparsam gar nicht ausfallen. Seine Ontologie rechnet damit, "dass die Einzelwesen das sind, was wirklich ist". Seine Anthropologie des Eigensinns ist direkt mit einem moralisch-politischen Universalismus verbunden: "Nur eine Gemeinschaft, die allen ihren Mitgliedern gleichermaßen das Recht zugesteht, sich selbst zu erhalten, die sie vor Gewalt schützt und sie daran hindert, sich gegenseitig auszubeuten, schafft Einzelwesen den Freiraum, auf die Welt von ihrem jeweiligen Standpunkt zu reagieren." Das sind weitreichende theoretische Annahmen, die sich allein im Für und Wider von Argumenten stützen oder bestreiten lassen. Dasselbe gilt für die allzu rosig ausgefallenen reformpädagogischen Überlegungen, die das Buch im Anschluss an den amerikanischen Philosophen und Pädagogen John Dewey (1859 bis 1952) durchziehen. Erst recht gilt dies für die Utopie eines ekstatischen "Schweigens", die als Korrektiv gegenüber einer Lebensform aufgeboten wird, in der "Autonomie und Kontemplation weitgehend verschwunden" seien.