DIE ZEIT: Herr Dürr, der russische Präsident Wladimir Putin hat ein Importverbot gegen westliche Lebensmittel verhängt. Hat Sie das überrascht?

Stefan Dürr: Nein, in Russland haben alle darauf gewartet, dass die Regierung mit Gegenmaßnahmen auf die Sanktionen der EU und der USA antwortet. Überrascht hat mich das nicht. Einen Tag vor dem verkündeten Importstopp saß ich sogar noch mit dem Präsidenten zusammen, und er hat mit mir auch über die Krise gesprochen.

ZEIT: Sie haben mit Putin gesprochen?

Dürr: Ja. Anfang des Jahres wurde mir für meine Verdienste für die hiesige Landwirtschaft die russische Staatsbürgerschaft verliehen. Nun wollte Putin, dass wir uns besser kennenlernen. Wir haben eine halbe Stunde zu dritt gesprochen, mit dabei war noch der Gouverneur von Woronesch, Alexej Gordejew, in dessen Arbeitszimmer das Gespräch stattfand.

ZEIT: Und wie ist das Gespräch verlaufen?

Dürr: Putin hat es auf Deutsch begonnen. Später sind wir dann ins Russische gewechselt, weil der Gouverneur nicht so gut Deutsch spricht. Mein Eindruck war, dass Putin die Eskalation der Krise gar nicht recht ist und sie ihm auch nahegeht. Putin ist nicht der harte Macher, als der er im Westen immer dargestellt wird. Auf der anderen Seite ist er aber auch der Letzte, der im aktuellen Konflikt klein beigeben würde.

ZEIT: Hat Putin Sie nach Ihrer Meinung zu den Sanktionen des Westens gefragt?

Dürr: Ja. Und ich habe ihm gesagt, dass ich an seiner Stelle dagegenhalten würde.

ZEIT: Sie setzen sich seit über 20 Jahren für den deutsch-russischen Agrardialog ein, sind dafür sogar mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden und raten Putin nun zu Sanktionen?

Dürr: Ja. Ich habe Putin zu Sanktionen geraten. Gerade weil ich mich so intensiv für die deutsch-russischen Beziehungen einsetze, darunter leide, dass derzeit so viel Porzellan zerschlagen wird. Ich glaube, dass Gegenmaßnahmen dem Westen vor Augen führen, wie stark man in vielen Bereichen voneinander abhängig ist.

ZEIT: Wer hat Schuld an dem Konflikt?

Dürr: Ich glaube, dass der Westen die Hauptschuld trägt und immer wieder Öl ins Feuer gießt. Er lässt Putin doch gar keine andere Wahl. Hier bei mir auf dem Land kritisiert man ihn eher noch dafür, dass er zu weich sei. Er kann die Sanktionen nicht einfach hinnehmen. Dann wäre er innenpolitisch tot.

ZEIT: Und warum hat er nun ausgerechnet Sanktionen im Lebensmittelbereich verhängt?

Dürr: Dazu habe ich ihm nicht explizit geraten, aber es macht durchaus Sinn. Denn Putin schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe. Er antwortet auf die Sanktionen des Westens, was, glaube ich, die Voraussetzung dafür ist, dass sich beide Parteien irgendwann wieder an einen Tisch setzen. Und er gibt der russischen Landwirtschaft die Chance, sich in einer geschützten Übergangszeit zu entwickeln. Ein Einfuhrverbot etwa für westliche Pkw hätte der heimischen Wirtschaft wenig gebracht, weil nicht absehbar ist, dass wir hier eine wettbewerbsfähige Automobilwirtschaft aufbauen. Bei der Landwirtschaft ist das anders.