Philip, wir spielen mit dem Feuer. Ich spreche von den Sanktionen gegen Russland, die kürzlich verschärft wurden. Ich bin alles andere als ein Anhänger Putins. Ich halte ihn für einen gefährlichen Autokraten, der sich von der Sehnsucht nach imperialer Größe leiten lässt und dem das internationale Recht oder sein Ansehen im Westen nicht mehr viel bedeuten.

Aber genau das ist Teil des Problems. Wirtschaftssanktionen können nur funktionieren, wenn tatsächlich die Logik der Ökonomie den Lauf der Dinge bestimmt. Denn die Frage ist nicht, ob die Sanktionen wirken. Das tun sie. Sie werden die russische Wirtschaft hart treffen, deutlich härter als die Wirtschaft des Westens. Schon heute kommen die Unternehmen und Banken in Russland kaum noch an ausländisches Kapital. Mit einer ziemlich hohen Wahrscheinlichkeit wird die Wirtschaft des Landes in eine Rezession abgleiten – und es könnte eine sehr tiefe und sehr schwere Rezession für Russland werden.

Die Europäer und die Amerikaner gehen davon aus, dass Putin irgendwann nachgibt, weil die Bevölkerung rebelliert, wenn die Wirtschaft den Bach hinunter geht. Aber was, wenn dieser Kurs dazu führt, dass sich die Russen erst recht vom Westen abwenden? Weil sie die westliche Politik als Aggression empfinden, die sie sich nicht gefallen lassen wollen – auch wenn sie sich dafür weniger französischen Camembert leisten können.

Wirtschaft ist eben nicht alles. Die Sowjetunion hat Jahrzehnte überdauert, obwohl sie dem Westen ökonomisch weit unterlegen war. Es ist jedenfalls auffällig, dass das Ansehen Putins in Meinungsumfragen mit dem wirtschaftlichen Niedergang eher zu steigen als zu fallen scheint.

Das hat natürlich damit zu tun, dass er die Staatsmedien kontrolliert und damit die öffentliche Meinung beeinflusst. Aber so sind nun einmal die Fakten, mit denen die westliche Politik sich auseinandersetzen muss. Der Sanktionsidee liegt letztlich der Glaube zugrunde, durch Druck eine Verhaltensänderung herbeiführen zu können. Das klappt schon bei Menschen selten, bei Ländern klappt es noch viel seltener. Denn die Gefahr ist groß, dass Druck nur Gegendruck erzeugt.

Dann hätte der Westen ein Problem. Die bisherigen Erfahrungen mit Sanktionen jedenfalls stimmen nicht allzu optimistisch: Im Iran hat es trotz schärfster Sanktionen mehr als fünf Jahre gedauert, bis sich die Führung verhandlungsbereit gezeigt hat. So viel Zeit bleibt im Fall Russlands nicht, da über das Schicksal der Ukraine vorher entschieden werden wird. Die erste Runde der Sanktionen zu Beginn der Auseinandersetzung war richtig. Sie hat signalisiert, das nicht alles, was machbar ist, einfach so hingenommen wird. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass es gelingen wird, ein Land zur Umkehr zu zwingen, indem die Maßnahmen immer weiter verschärft werden.

Der Westen braucht dringend einen Plan B. Der kann nur darin bestehen, Gespräche auf Augenhöhe zu führen – also ohne dem Gesprächspartner zu vermitteln, dass er ohnehin keine Alternative hat. Andernfalls besteht die Gefahr, dass wir mit den Sanktionen zwar unser Gewissen beruhigen, in der Sache aber nicht weiterkommen. Dein Mark

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