Der Trick funktioniert noch, seit 250 Jahren: #machdichwahr, ruft das Fitnessstudio McFit, "Nummer eins in Europa", über eine Million Kunden. Und die Werbeslogans des Jahres 2014 lauten: "Jedes Ziel hat einen Weg. Geh deinen" und "Nichts kann jemanden stoppen, der auf dem Weg zu sich selbst ist" oder "Einfach gut aussehen".

Wie das geht? Durch "wollen". Das einfache Selbst, die Wahrheit – den unverwechselbaren Weg dorthin kannst auch du finden, wenn du nur willst: Hier ist das Gesamtpaket als Ware zu haben, und das wahre Ich gibt’s für körperliche Arbeit zum Vorzugspreis, wenn man ein Fitness-Abo bucht. Die Gesichter und Körper auf den Werbeflächen des Studios sind glatt wie Bildschirmflächen, zum Wegwischen glatt. Und die optimierten Hände berühren nichts als Handtuch und Fitnessgeräte und sich selbst. Das also ist aus dem europäischen Traum der Moderne geworden, der mal hieß: ein authentischer Mensch sein zu dürfen.

Bin das wirklich ich? So könnte die Überschrift über eine Epoche lauten, die zum Besten des Menschen gedacht war und unterwegs zahllose Menschen in die Verzweiflung trieb. Das umfassende Such- und Selbsterforschungsprojekt, in dem das moderne Ich ruhelos wissen möchte, ob und wie es echt und unverwechselbar ist und wenn ja, wie, warum und wozu, läuft seit etwa 250 Jahren auf Hochtouren. Da nämlich programmierte die europäische Aufklärung die Menschheitszukunft auf das Individuum, seine Echtheit und seine Selbstbestimmung. Der Mensch sollte nicht länger durch Stand und Konvention von Geburt an festgelegt, also unfrei, sein, in ihm steckte vielmehr das größte Entwicklungsprojekt der Geschichte: ein freier Mensch unter freien Menschen sein zu dürfen, unverwechselbar. Einzigartig, einig mit sich selbst. Ein jeder.

Die Geburt des modernen Ichs verlief nicht harmonisch

Johann Gottfried Herder, der neben allen anderen Verdiensten um die Entdeckung der Individualität in Weimar auch als der Philosoph der religiös geladenen Empfindsamkeit wirkte, war ums Jahr 1770 sicher, dass jedes Individuum "ein eignes Maß, gleichsam eine eigne Stimmung aller seiner sinnlichen Gefühle zueinander" in sich trüge – was für eine Verheißung von Harmonie! Mehr noch, der Prediger Herder wusste auch, dass das Eigentliche ganz tief in der Tiefe sitzt: "Der tiefste Grund unseres Daseins ist individuell, so wohl in Empfindungen als Gedanken." Blieb die Frage, wie sich ein eigenes Maß und jene Tiefe – ins Fremdwort übersetzt: jene Authentizität – auffinden lassen. Wie nur stimmt der Mensch mit sich selbst überein? Wie nur überwindet er all die Fremdheit, all das Maskenhafte, die mit dem Leben in Zwängen auf Erden einhergehen, um sich selbst zu finden und sein wahres Gesicht zeigen zu können? Die anstrengende Antwort der Epoche heißt bis heute: Man kann es wollen. Und der Lohn: Vervollkommnung.

Eine ganze Generation von Ärzten, Philosophen, Theologen, Dichtern und Richtern, und vielleicht gab es ja wirklich nie eine brillantere, begann in Europa von etwa 1760 an, den neuen Kontinent des Individuums auszuloten – ob in der Seelenanalyse etwa des Schriftstellers Karl Philipp Moritz, die in den Tiefen des Erfahrenen und Erlittenen nach dem echten Menschen suchte; ob durch die romanhafte Ich-Biografie Tristram Shandy von Laurence Sterne, die aus den zerstreuten Bits, den Brüchen und Krümmungen im Leben eines Ichs und seiner Welt durch die Kunst eine Erzählung machen wollte; oder ob durch die politischen Philosophien etwa des Staatstheoretikers Baron de Montesquieu, die dem einzelnen Bürger, und zwar jedem Bürger eines Staates, durch Gesetze und Gewaltenteilung Rechte zusprachen. Der Philosoph Immanuel Kant nicht zu vergessen, mit seinem Grundgesetz des modernen Menschen: der Autonomie.

Was jeden heutigen Ich-Sucher in seiner Erschöpfung trösten kann: Die Geburt des modernen Ichs verlief zwar vielversprechend, harmonisch verlief sie nicht. Zu den Ansprüchen passte die Wirklichkeit nicht, überall klafften Abgründe: innerhalb der Seele, wie es Étienne de Senancour in seiner Brieferzählung Obermann (1804) beklagte: "... il y a l’infini entre ce que je suis et ce que j’ai besoin d’être" – zwischen dem, was ich bin, und dem, was ich sein möchte, liegt die Unendlichkeit. Außerhalb der Seele sah es nicht besser aus: Denn nach und nach mussten ja von 1800 an all die Institutionen erst geschaffen oder angepasst werden, die dem Individuum mit seinem Echtheitsanspruch gerecht werden konnten – vom kodifizierten Eigentumsrecht, den Bürgerrechten, besonders dem Wahlrecht, bis zum empfundenen Recht auf eine Liebesheirat (und also auch auf Scheidung); von den Institutionen einer frei gewählten Berufsausbildung bis zu den Freiheiten, auf dem Markt tätig zu werden, von der gesetzlich gesicherten Religions- und Forschungsfreiheit bis zur selbstbestimmten Entscheidung, kinderlos bleiben zu wollen oder fortzuziehen, fort von zu Hause.

Das neue Ich braucht Anerkennung

Bei alledem blieb kein Ich, wie es war. Und jeder merkte, spätestens mit seiner Ankunft im kapitalistischen Arbeitsmarkt: Den täglichen Kampf um Anerkennung meistert man nur, wenn man eine Reihe von Masken, Routinen und Rollen souverän wechselt und sein wahres Gesicht – ob ein sehnsüchtiges, hassendes, liebendes, gieriges oder verzweifeltes – lieber selten zeigt. Falls man es bei aller Anstrengung überhaupt noch erkennt. Schon in Büchners Drama Dantons Tod von 1835 ist aber der Zweifel am Echten groß: Ein Revolutionär fordert da, man solle die Masken endlich abreißen, gemeint sind die der höfischen Kunst des Verstellens, aber die Antwort eines anderen Revolutionärs heißt nur trocken, da werde man vermutlich das Ich gleich mit der Maske abreißen, weil Maske und Echtheit nicht voneinander zu trennen sind. Und weil das ersehnte Echte, Wahre nur eine Schimäre ist.

Ob es die Philosophen, Theologen, Ärzte und Dichter um 1770 nun gewollt oder geahnt hatten oder nicht: Alsbald brauchten die modernen Institutionen das Individuum, um überhaupt funktionieren zu können, aber sie brauchten eben nicht jeden – sondern nur manche. Die Geeignetsten. Und so rannte in einem immer schriller werdenden Wettkampf das selbstbestimmte, authentische Ich mit seinem wahren Gesicht schon bald mit einem Ich um die Wette, das Anerkennung, Mitbestimmung und Rechte braucht, um existieren zu können: und zwar Anerkennung als unverwechselbarer Mensch.

Denn mit dem Individuum war zugleich, spätestens von 1800 an, die Logik vom Wettbewerb um Einzigkeit, Originalität und Neuheit in der Welt. Was als Befreiung gedacht war, legte sich unmerklich als Fesselung wieder um jeden Einzelnen, wie es der Philosoph Axel Honneth mit seinen jüngsten Büchern über die Paradoxien der Anerkennung vor Augen geführt hat. Denn es mag ja der alte Motor der Freiheit noch in Betrieb sein, der uns ins Offene entlässt, doch er treibt unweigerlich immer auch neue Zwänge hervor: Nun muss ein jeder in Ausbildung und Beruf reüssieren, er muss sich für oder gegen eine Ehe oder Familie entscheiden, er muss als Staatsbürger und als Rechtsperson, als erkennendes Subjekt und als fühlendes und handelndes Individuum zurechnungsfähig sein und Verantwortung tragen. Die Rechnung, der Wahlschein, die Kündigung, der Ehevertrag werden persönlich ausgestellt.

Dieses unverwechselbare Selbst war es, das – bei allem Gejage, bei allem Zerren an Masken – doch von 1800 an am Markt der Arbeitskräfte und der Liebe zur Kostbarkeit wurde. Die Suche nach der Übereinstimmung mit sich selbst, dem eigenen Ich, verwandelte sich mehr und mehr in eine massenhafte, tagesfüllende Knochenarbeit, in eine fortgesetzte Anpassung an Umstände, die einem eine andere Echtheit abverlangten als die zuvor. Der Jenenser Soziologe Hartmut Rosa hat empirisch gezeigt und theoretisch entfaltet, wie stark die Sehnsucht nach diesem Einklang mit sich selbst moderne Individuen im Kampf gegen Entfremdung und Beschleunigung prägt, und der kanadische Philosoph Charles Taylor hat in seinem Werk Quellen des Selbst diesem Individuum in seiner Sehnsucht recht gegeben: Keiner brauche seelisch verstümmelt durch ein Leben zu gehen, das man sich innerlich doch anverwandeln könne. Und ein moderner Mensch könne das. Wirklich.

Die linksliberalen Milieus der 1970er Jahre haben das ausprobiert, in einer historisch vielleicht einmalig gepolsterten Weise, wie es gerade der Konstanzer Historiker Sven Reichardt in seinem Buch Authentizität und Gemeinschaft erzählt hat: Da war sie also endlich, die alternative Lebensform im Einklang mit sich selbst, entspannt im Gegensatz zur bürgerlichen Welt der Sachzwangexperten. Oder? Das authentische Selbst blieb ein Doppelwesen, auch die Selbstdarstellung, die Selbstbezogenheit, die Performance waren in diesen Wohngemeinschaften zu Hause. Und seit der Öffnung aller ökonomischen Grenzen nach 1989 zeigte das wahre Selbst sein fratzenhaftes Doppelgesicht: Das Ich war die Währung, die als Goldreserve am globalen Arbeitsmarkt die höchsten Preise erzielte. Nun hieß die Frage: Wie echt sollte man sein auf einer nach unten und oben offenen Skala der am Model-Casting geschulten Echtheitsvarianten? Was war übertrieben echt, was echt genug?

Wie alles andere hat sich der neue Kapitalismus auch diese Sehnsucht, die ihn ja zugleich antrieb, unter den Nagel gerissen und sie käuflich gemacht, unmerklich, wie es seine Art ist. Echtheit ist Kapital. Und je verbindlicher das Ideal der Echtheit als Imperativ war, desto flüssiger wurden die Methoden, ihm auf den Fersen zu bleiben, analog wie digital, koste es, was es wolle, immer aufs Neue, immer schneller, immer weiter auf der Suche nach all dem, was am besten zu mir passt, bis heute, bis in die spätmoderne Gegenwart: Welche Arbeit bin ich? Wer passt zu mir: auf Dauer? in dieser Lebensphase? in den Ferien? nur heute Abend? jetzt gleich? Welcher Genuss wäre ich gern? Was ziehe ich also heute Abend an und probiere es jetzt sofort?

Besonders authentisch und kostbar ist das wahre Selbst natürlich als Konsument: Die Soziologin Eva Illouz aus Jerusalem hat beschrieben, wie der Blick in den Spiegel der Umkleidekabine im Laden gestandene Frauen zur Verzweiflung treiben kann ("Das bin doch nicht ich!") und wie der Wunsch, als Individuum geliebt zu werden, zugleich zum Konsum zwingt, weil das einzigartige Individuum ohne das einzigartige neue Kleid einfach nicht existiert.

Ihre Kollegin Juliet Schor aus Boston hat untersucht, wie aus dieser Unendlichkeit zwischen dem, was man ist, und dem, was man sein möchte, durch den selbstbestimmten Konsumenten lauter ressourcenverschlingende Stoffströme entstehen: Denn wer alle vier Tage verzweifelt in den Spiegel eines Ladens guckt, wie es im amerikanischen Durchschnitt geschieht, der kauft und kauft, in die ewige Flüchtigkeit eines Selbstbildes gebannt, das immer nur zu sagen scheint: Macht nichts, gleich bin ich anders, kauf bloß weiter.

Die Suche nach dem Kern-Selbst wird zur Selbst-Quälerei

Die Umsatzzahlen der Schönheitsindustrie belegen es: Rastlos tragen die Gesichter zur Schau, dass sie in Wirklichkeit gleich anders aussehen, wenn erst die Arbeit an der Authentizität noch eine natürliche Haartönung, noch eine verjüngende Botoxspritze weiter fortgeschritten ist. Echt bin ich anders. Momentchen nur, gleich zeige ich euch, wie ich wirklich aussehe, wie ich auch aussehe, aussehen könnte, sicher oder vielleicht. Und jede Bewerbungsmappe zeigt doch genau nur ein Foto, auf dem ich so einzigartig wie nur möglich bin, damit ein Arbeitgeber den Vertrag unterzeichnet. Weil er mich braucht, nur mich, genau mich. Hoffentlich.

Die alltägliche Selbst-Quälerei

Der Sozialpsychologe Mark Leary hat die alltägliche Selbst-Quälerei treffend als Tyrannen benannt: "Wir glauben, dass wir ein Kern-Selbst haben, und dem wollen wir entsprechen. Wer das nicht zu schaffen glaubt, leidet wirklich an dieser eingebildeten Unauthentizität." Und wer die echte, die richtige Version nicht findet, wer bei all der Quälerei nicht natürlich rüberkommt, wer das Zucken im Mundwinkel nicht loswird und nicht das unwillkürliche Schwitzen, dem droht das Scheitern: falsch gemacht. Failed. Raus aus dem Spiel.

Die andere Drohung, die andere Variante des Scheiterns wohnt gleich nebenan, die ärztliche Diagnose, die lautet: Krank. Berufsunfähig. Nicht rechtsfähig. Raus aus dem Spiel.

Natürlich kann man – und viele tun es inzwischen – auch das Scheitern für eine irreführende Kategorie halten und deshalb zum Befreiungsschlag ansetzen: um endlich aus den Fängen dieser modernen Menschenfresser-Maschine zu entkommen, um endlich besser zu sich selbst zu gelangen und zu etwas Ruhe. Nur hilft es ja nichts: Wer sich befreit, ist modern. Wer sich befreit, ist selbstbestimmt: Das bin nun wirklich ich.

#Machdichwahr: Der Frankfurter Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch, der das Panoptikum spätmodernen Elends gründlich erforscht hat, versuchte es in seinem jüngsten Werk Sexualitäten mit einer schlichten Definition dessen, was ein modernes, unverwechselbares Ich braucht. Sie umfasst zwei Sätze: "Wann kannst du sicher sein, geliebt zu werden? Ich denke, wenn du in den Armen der anderen sterblichen Person wie ein Kind weinen kannst, ohne ein Gefühl der Scham."

Schwach zu sein, ohne Stärke zu provozieren, wie der Philosoph Adorno es ausdrückte, das wär’s. Schon verständlich, dass das arme Ich jagt und jagt und jagt.