Manchmal bekommt Jürgen Hescheler E-Mails von todkranken Menschen. Die Absender bitten den Forscher um Hilfe. Sie wünschen sich irgendeine experimentelle Therapie, sie wollen sich zur Verfügung stellen, selbst wenn die Heilungschancen gering und die Gefahren groß sein sollten. Sie bitten ihn um eine letzte Chance, doch er muss sie enttäuschen. Mittlerweile hat Hescheler einen Standard-Antwortbrief für solche Anfragen. Ganz wohl ist ihm damit nicht. Andererseits: Einige seiner Kollegen haben wegen ihrer Arbeit auch schon Morddrohungen erhalten.

Der Grund für beides liegt im Institut für Neurophysiologie der Universität Köln in kaltem Stickstoff. Es zischt, als Jürgen Hescheler einen der mannshohen roten Stahlbehälter öffnet. Ein kühler Hauch aus verdampfendem Gas schlägt heraus und gibt den Blick frei auf kleine Röhrchen. Darin tiefgefroren: embryonale Stammzellen.

Die Forschung mit ihnen ist umstritten, schließlich müssen für ihre Gewinnung befruchtete Eizellen sterben, in der Hoffnung, dass menschliche Ersatzteile aus ihnen entstehen. Daher gelten Stammzellenforscher wie Hescheler manchen als vermessene Grenzgänger. Andere sehen sie als Erlöser, die bisher unheilbare Leiden lindern wollen. Im Laufe seiner wissenschaftlichen Karriere hat Hescheler, mittlerweile Direktor des Kölner Instituts, gelernt, mit diesem Konflikt zu leben – auch wenn er mit seiner Forschung die Grundsätze seiner Religion verletzt. Denn Hescheler ist Katholik. Selbst wenn das aus Stammzellen gezüchtete Gewebe eines Tages Parkinson, Netzhautablösung, Diabetes, Querschnittslähmung, Herzkrankheiten und Niereninsuffizienz heilen können soll – bisher verbietet die Kirche diese Forschung.

Das Ziel von Jürgen Hescheler und seinem Team: das Herz heilen. Mit rund 100 Mitarbeitern arbeitet er daran, aus Stammzellen Herzmuskelzellen zu züchten. Diese sollen später Infarktpatienten direkt in das Organ gespritzt werden. Bei einer Herzattacke gehen zwischen einer und zehn Milliarden Zellen kaputt. Von allein kann das Herz sie nicht ersetzen.

Die Idee, über den wichtigsten Muskel des menschlichen Körpers zu forschen, hatte Hescheler vor vielen Jahren. Als junger Arzt betreute er im Krankenhaus einen Mann, dessen Herz nach mehreren Infarkten fragil geworden war. Sobald der Patient aufstand, pumpte der Muskel nicht mehr genügend Blut durch den Körper – der Blutdruck sackte ab. Der Mann starb in der Klinik, Hescheler konnte ihm damals nicht helfen. Jetzt sucht er nach einer Möglichkeit, einen solchen Tod zu verhindern.

Unterm Mikroskop sehen Stammzellen aus wie platzende Wassertropfen, am Rand leicht ausgefranst. Wenn sie aus dem Stickstoff kommen, werden sie in eine Petrischale gesetzt und mit einer Nährlösung gefüttert, die Salze und Proteine enthält. Embryonale Stammzellen sind Alleskönner. Je nachdem, wie man sie füttert und in welches Milieu man sie setzt, können sie sich zu jeder beliebigen Zellart entwickeln.

Genau diese Eigenschaft fasziniert Kurt Pfannkuche, Jürgen Heschelers Assistenten. Pfannkuche arbeitet daran, den gezüchteten Herzmuskelzellen in der Petrischale eine realistische Umwelt zu schaffen. Überall im Labor brummen Kühlschränke, surren Spülmaschinen. Pfannkuche und sein Team versuchen, in der Petrischale Narbengewebe zu simulieren, damit die künstlichen Herzzellen schon jetzt in der Umgebung getestet werden können, in der sie später eingesetzt werden sollen: im kaputten Herzen.

Pfannkuche ist 37 Jahre alt, seine wichtigste Eigenschaft, sagt er, sei Frustrationstoleranz. In der Stammzellforschung klappe wenig und wenn, dann sicher nicht beim ersten Mal. "Früher kam ich mir immer wieder vor wie ein Banker, der bei einem Geschäft gerade Millionen verzockt hat", sagt er. Die Chemikalien, die er verwende, seien "abartig teuer". Inzwischen hat er gelernt, mit misslungenen Versuchen umzugehen. "Wenn etwas, woran ich lange gearbeitet habe, nicht klappt, trete ich gegen ein Tischbein und mache einfach weiter." Vielleicht, so fügt er hinzu, sei ein solches Verhalten aber schon ein Zeichen einsetzenden Forscherwahnsinns.