Wenn Stefan Schmitz darüber nachdenkt, was mit seinem Strand geschehen ist, kommt ihm dieser Film in den Sinn, den er vor Jahren gesehen hat. Darin erhält ein schüchterner Junge das winzigste, unscheinbarste Geschenk, das man sich vorstellen kann: ein Sandkorn. Der Junge, Bastian Balthasar Bux, erschafft daraus Städte, Kontinente, ein ganzes Universum, und so wie Schmitz haben ihm Millionen Deutsche dabei zugesehen. Die unendliche Geschichte erzählt eine Art Schöpfungsmythos: Aus Sand ist die ganze Welt gebaut. Und selbst wenn alles irgendwann zur Neige geht, vom Sand wird immer etwas übrig bleiben.

Aber es ist eben nur eine Geschichte.

An einem windigen Julitag an der Costa Brava rammt Stefan Schmitz einen schwarz-rot-goldenen Sonnenschirm in den Strand. Seine Frau klappt ihre Liege aus, und Schmitz lässt von seinem Handtuch aus den Blick übers Meer schweifen. Endloses Blau. Schmitz, Inhaber eines Dachdeckerbetriebs in Schwelm bei Wuppertal, ein Mann mit kurz rasiertem Haar und einem Brilli im Ohr, atmet tief durch.

"Dat is ein Stück Heimat hier", sagt er.

Schmitz ist 48 Jahre alt, seit 45 Jahren verbringt er im Sommer ein paar Wochen in Blanes bei Barcelona, wo der Campingplatz direkt am Mittelmeer liegt und die Pinien ihren Duft verströmen. Wenn Schmitz seine Füße in den Strand gräbt, spürt er den Sand, auf dem er schon als Dreijähriger in Richtung Meer tappte. Schmitz hat viele Erinnerungen an diesen Strand, sie handeln alle vom Glück. Wie er seinen Vater einbuddeln durfte. Wie er bis ein Uhr nachts mit den anderen Kindern herumtobte. Burgen bauen, kicken gegen die Spanier, die Ausflüge zur "Schweinebucht", wo die Nackten liegen. Endlose Sommer auf einem Strand, so breit und so flach wie ein Fußballfeld.

Stefan und Anja Schmitz haben an diesem Strand ihre Flitterwochen verbracht, ihr Sohn lernte hier schwimmen. Sie stellen immer noch ihren Wohnwagen auf den Stammplatz 013, Halbschatten, und auch die holländischen Rentner sind noch da, die hier wie früher übersommern. Nur der Strand ist weg.

Es gibt ihn nicht mehr. Schmitz’ Handtuch liegt auf einem von Jahr zu Jahr schmaler werdenden Reststreifen Sand von wenigen Metern Breite. Schmitz zeigt aufs Meer. Der Ort, wo die Eisbude stand, wo sie 1990 den WM-Sieg feierten, wo Schmitz als Teenager spanischen Mädchen den Rücken eincremte – "is jetz alles im Wasser drin". Der Campingplatz gleicht einer Art Festung. Sein vorderes Ende haben sie auf einen Sockel aus Steinen gesetzt, gegen die jetzt das Meer anbrandet. Nachts in seinem Wohnwagen hört Schmitz, wie nur noch zwanzig Meter entfernt die Wellen brechen. Es ist ein dumpfes Knallen.

Anja und Stefan Schmitz könnten im Urlaub künftig an einen anderen Strand fahren, theoretisch, aber das würde wenig helfen. 3458 Strände gibt es in Spanien. Unbeschädigt ist kaum einer. In Cabrera de Mar, auf dem Weg von Blanes nach Barcelona, war der Sandstreifen früher 2,9 Kilometer lang, jetzt misst er noch 500 Meter. Am Atlantikstrand Fuentebravía schwappt das Wasser in die Wohnzimmer der Ferienapartments, und in Marbella entfernen Arbeiter Palmen und Duschanlagen vom Strand – weil es ihn nicht mehr gibt.

Wären Strände lebendig, müsste man sie auf die Liste der bedrohten Arten setzen, nicht nur in Spanien, auch in Florida, in der Türkei, auf Bali, an der Goldküste von Australien. Überall auf der Welt schwindet der Sand. Die Strände magern ab wie die Gletscher in den Alpen.

Sand war immer etwas, das im Überfluss vorhanden schien. Als vor 2250 Jahren der griechische Mathematiker Archimedes darüber nachdachte, ob es möglich sei, die Summe aller existierenden Sandkörner zu bestimmen, entwickelte er als Erster ein Exponential-Rechensystem für das unvorstellbar Viele. Mit dem Sand kamen die großen Zahlen in die Welt.

7.500.000.000.000.000.000. 7,5 Trillionen.

Dieses Ergebnis errechneten Forscher der Universität Hawaii, als sie sich fragten, wie viele Sandkörner allein an allen Stränden der Erde liegen.

Geologen schätzen, dass in jeder Sekunde auf der Welt eine Milliarde Sandkörner entstehen. Es ist eine Art ewiges Sprudeln: Steine, Felsen, ganze Gebirgsmassive zerbröseln im Lauf von Jahrtausenden. Wind und Regen, Hitze und Kälte nagen so lange an ihnen, bis sich einzelne Sandkörner herauslösen.

Seit jeher spülte das Meer die Sandkörner von den Stränden fort, aber immer trugen Bäche und Flüsse neuen Sand heran. Bis jetzt. Etwas muss passiert sein im endlosen Wirken der Natur. Etwas ist aus dem Gleichgewicht geraten. Wie ist es möglich, dass an so vielen Stränden plötzlich der Sand knapp wird?