StrandWie Gold am Meer

Den Urlaubsparadiesen geht der Rohstoff aus. Strände schrumpfen, Kriminelle verkaufen feuchte Klumpen, und Staubsauger-Schiffe holen letzte Körnchen aus dem Wasser. Der Sand wird zur Kostbarkeit. Was ist passiert? von Marian Blasberg und Malte Henk

Strand: Wie Gold am Meer

Eine Surferin an einem Strand in Cornwall, England  |  © Matt Cardy/Getty Images

Wenn Stefan Schmitz darüber nachdenkt, was mit seinem Strand geschehen ist, kommt ihm dieser Film in den Sinn, den er vor Jahren gesehen hat. Darin erhält ein schüchterner Junge das winzigste, unscheinbarste Geschenk, das man sich vorstellen kann: ein Sandkorn. Der Junge, Bastian Balthasar Bux, erschafft daraus Städte, Kontinente, ein ganzes Universum, und so wie Schmitz haben ihm Millionen Deutsche dabei zugesehen. Die unendliche Geschichte erzählt eine Art Schöpfungsmythos: Aus Sand ist die ganze Welt gebaut. Und selbst wenn alles irgendwann zur Neige geht, vom Sand wird immer etwas übrig bleiben.

Aber es ist eben nur eine Geschichte.

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An einem windigen Julitag an der Costa Brava rammt Stefan Schmitz einen schwarz-rot-goldenen Sonnenschirm in den Strand. Seine Frau klappt ihre Liege aus, und Schmitz lässt von seinem Handtuch aus den Blick übers Meer schweifen. Endloses Blau. Schmitz, Inhaber eines Dachdeckerbetriebs in Schwelm bei Wuppertal, ein Mann mit kurz rasiertem Haar und einem Brilli im Ohr, atmet tief durch.

"Dat is ein Stück Heimat hier", sagt er.

Schmitz ist 48 Jahre alt, seit 45 Jahren verbringt er im Sommer ein paar Wochen in Blanes bei Barcelona, wo der Campingplatz direkt am Mittelmeer liegt und die Pinien ihren Duft verströmen. Wenn Schmitz seine Füße in den Strand gräbt, spürt er den Sand, auf dem er schon als Dreijähriger in Richtung Meer tappte. Schmitz hat viele Erinnerungen an diesen Strand, sie handeln alle vom Glück. Wie er seinen Vater einbuddeln durfte. Wie er bis ein Uhr nachts mit den anderen Kindern herumtobte. Burgen bauen, kicken gegen die Spanier, die Ausflüge zur "Schweinebucht", wo die Nackten liegen. Endlose Sommer auf einem Strand, so breit und so flach wie ein Fußballfeld.

Stefan und Anja Schmitz haben an diesem Strand ihre Flitterwochen verbracht, ihr Sohn lernte hier schwimmen. Sie stellen immer noch ihren Wohnwagen auf den Stammplatz 013, Halbschatten, und auch die holländischen Rentner sind noch da, die hier wie früher übersommern. Nur der Strand ist weg.

Es gibt ihn nicht mehr. Schmitz’ Handtuch liegt auf einem von Jahr zu Jahr schmaler werdenden Reststreifen Sand von wenigen Metern Breite. Schmitz zeigt aufs Meer. Der Ort, wo die Eisbude stand, wo sie 1990 den WM-Sieg feierten, wo Schmitz als Teenager spanischen Mädchen den Rücken eincremte – "is jetz alles im Wasser drin". Der Campingplatz gleicht einer Art Festung. Sein vorderes Ende haben sie auf einen Sockel aus Steinen gesetzt, gegen die jetzt das Meer anbrandet. Nachts in seinem Wohnwagen hört Schmitz, wie nur noch zwanzig Meter entfernt die Wellen brechen. Es ist ein dumpfes Knallen.

Anja und Stefan Schmitz könnten im Urlaub künftig an einen anderen Strand fahren, theoretisch, aber das würde wenig helfen. 3458 Strände gibt es in Spanien. Unbeschädigt ist kaum einer. In Cabrera de Mar, auf dem Weg von Blanes nach Barcelona, war der Sandstreifen früher 2,9 Kilometer lang, jetzt misst er noch 500 Meter. Am Atlantikstrand Fuentebravía schwappt das Wasser in die Wohnzimmer der Ferienapartments, und in Marbella entfernen Arbeiter Palmen und Duschanlagen vom Strand – weil es ihn nicht mehr gibt.

Wären Strände lebendig, müsste man sie auf die Liste der bedrohten Arten setzen, nicht nur in Spanien, auch in Florida, in der Türkei, auf Bali, an der Goldküste von Australien. Überall auf der Welt schwindet der Sand. Die Strände magern ab wie die Gletscher in den Alpen.

Sand war immer etwas, das im Überfluss vorhanden schien. Als vor 2250 Jahren der griechische Mathematiker Archimedes darüber nachdachte, ob es möglich sei, die Summe aller existierenden Sandkörner zu bestimmen, entwickelte er als Erster ein Exponential-Rechensystem für das unvorstellbar Viele. Mit dem Sand kamen die großen Zahlen in die Welt.

7.500.000.000.000.000.000. 7,5 Trillionen.

Dieses Ergebnis errechneten Forscher der Universität Hawaii, als sie sich fragten, wie viele Sandkörner allein an allen Stränden der Erde liegen.

Geologen schätzen, dass in jeder Sekunde auf der Welt eine Milliarde Sandkörner entstehen. Es ist eine Art ewiges Sprudeln: Steine, Felsen, ganze Gebirgsmassive zerbröseln im Lauf von Jahrtausenden. Wind und Regen, Hitze und Kälte nagen so lange an ihnen, bis sich einzelne Sandkörner herauslösen.

Seit jeher spülte das Meer die Sandkörner von den Stränden fort, aber immer trugen Bäche und Flüsse neuen Sand heran. Bis jetzt. Etwas muss passiert sein im endlosen Wirken der Natur. Etwas ist aus dem Gleichgewicht geraten. Wie ist es möglich, dass an so vielen Stränden plötzlich der Sand knapp wird?

Stefan Schmitz blickt mit einer Tasse Kaffee in der Hand über den Campingplatz von Blanes. Viele leere Stellplätze dieses Jahr. Freie Sicht bis zum Toilettenhaus. Über die Jahre hat Schmitz verfolgt, wie das Meer seinen Strand wegfraß. Es gab Januartage, an denen saß er zu Hause im Bergischen Land und schaute im Internet den Stürmen zu, der entfesselten Wucht, mit der sie über Blanes herfielen. "Da liefen mir die Tränen runter", sagt Schmitz.

Immer mehr Stammgäste haben sich über die Jahre verabschiedet aus Blanes, weil Spanien nur Spanien ist mit einem breiten Strand. Schmitz versteht diese Leute, aber er sieht auch, wie sehr die Besitzer um ihren Campingplatz kämpfen.

Sie schaffen Lastwagenladungen voller Sand heran, um die gröbsten Verluste auszugleichen. Im vergangenen Winter verabredeten sie sich mit dem Nachbarcampingplatz zu einer gemeinsamen Aktion, um den kärglichen Reststrand vor den Angriffen des Meeres zu retten: Sie legten Sandsäcke auf den Sand. Es ist ein Stellungskrieg, und als Handwerker begreift Schmitz die Vergeblichkeit dieser Manöver.

"Dat Problem is doch, wir haben die Natur mit Füßen jetreten", sagt Schmitz.

Keine zwei Minuten von dort, wo sein Wohnwagen steht, mündet ein Fluss ins Meer, die Tordera. Sie hat die Küste von Blanes über Jahrtausende mit Sand versorgt, aber in den siebziger und achtziger Jahren, als immer mehr Familien wie die Schmitz vom Urlaub an der Costa Brava träumten, zwängten die Spanier den Fluss in Mauern, um Platz zu schaffen für Hotels und Ferienwohnungen. Heute findet der Sand, der jeden Tag hier ankommt, keinen Halt mehr. Früher legte er sich an der Mündung ab, von wo ihn die Strömung an die Strände trug. Jetzt schießt er hinaus ins Meer.

Sand ist unser Öl, sagen sie in Spanien, wo vier Fünftel aller Touristen wegen der Playas ins Land kommen. Ökonomen haben für Blanes’ Nachbarort Lloret de Mar berechnet, dass jeder Quadratmeter Strand dort 1.381 Euro im Jahr einbringt.

In Blanes haben die Besitzer der Campingplätze Demos organisiert und Unterschriften gesammelt. Der Bürgermeister weiß nicht, wie oft er schon im Umweltministerium in Madrid war und um Hilfe bat.

Es gäbe in Blanes viel zu tun für einen Mann wie Howard Marlowe.

Marlowe würde nie auf die Idee kommen, seinen Urlaub auf einem Campingplatz zu verbringen. Er hat auch kein Ferienhaus in Florida wie so viele Amerikaner, die es zu Geld gebracht haben, er surft nicht, angelt nicht, und Sonnenuntergänge am Meer kann er nicht recht genießen. Howard Marlowe kann am Strand nicht abschalten, weil er dort überall Arbeit sieht.

An einem sonnigen Tag im Juni steuert Marlowe einen Mietwagen durch Venice, ein 20.000-Einwohner-Städtchen an der Küste von Florida, das so unauffällig ist, dass die Attentäter vom 11. September beschlossen, sich hier zu Piloten ausbilden zu lassen. Breite Straßen, Fahrradwege, Golfplätze. Rentner, die vor den kalten Wintern im Norden flüchten. Marlowe war lange nicht mehr in der Stadt, die seinem Leben vor Jahren eine neue Richtung gab. "Venice", sagt er, "war mein erster Strand."

Er stellt den Wagen ab und schlurft mit schweren Schritten durch den Sand, ein älterer Herr mit Stoffhose, kariertem Hemd und Krawatte, an dessen Fingern goldene Ringe funkeln. Dann hält er inne. Geblendet von der Helligkeit, legt er eine Hand vor seine Stirn und sieht sich um. Sein Blick streift Paare, die auf bunten Tüchern liegen, die mit Flatterband markierten Nester der Meeresschildkröten, das Meer, türkis und glatt wie ein Swimmingpool, aber darauf achtet er nicht. Marlowe deutet in Richtung der Apartmentblocks gleich hinter dem Strand. "Sehen Sie die scharfe Kante in der Düne?", fragt er. "Wenn wir nichts tun, steht das in zehn Jahren alles unter Wasser."

Eine ältere Frau im Bikini stapft auf Marlowe zu. Sie mustert ihn im Vorbeigehen, dann dreht sie sich um und fragt: "Was machen Sie denn hier, in diesem Aufzug?"

"Ich besorge Ihnen einen neuen Strand", sagt Marlowe, so selbstverständlich, als wäre er der Junge aus der Unendlichen Geschichte, der neue Welten schafft.

"That’s good", sagt die Frau und schüttelt etwas irritiert den Kopf.

Marlowe lächelt.

"Ist immer das Gleiche", sagt er: "Für die Leute ist ein Strand etwas Gottgegebenes. War immer da, wird es immer sein. Kaum einer weiß, dass man was für ihn tun muss."

Sandman nennen sie Marlowe in den USA oder auch Sanda Claus, weil er für viele Städte, deren Strände schwinden, so etwas wie die letzte Hoffnung ist. Marlowe leitet eine Lobby-Agentur in Washington, die im Auftrag von Kommunen Regierungsgelder auftreibt für den künstlichen Erhalt der Strände.

Die Idee ist simpel: Wenn sich das Meer den Sand holt, dann holen wir ihn uns wieder zurück. Für Howard Marlowe sind Strände nichts Natürliches mehr. Sie sind etwas, das man plant und designt wie eine Uferpromenade. Etwas, das Ingenieure konstruieren, indem sie Millionen Tonnen Sand auf eine Küste kippen.

Marlowe ist jetzt 71, er könnte längst in Rente sein, aber die Geschäfte laufen gut. Allein in Florida, wo es rund 800 Meilen Strand gibt, sind mittlerweile gut 350 Meilen künstlich. Strände wie die in Venice, Sarasota und Palm Beach wären ohne Marlowe längst verschwunden. Zwischen 1970 und 2013 hat die amerikanische Regierung 3,7 Milliarden Dollar in 469 Strandaufschüttungen investiert.

"Bestens angelegtes Geld", sagt Marlowe.

Venice war ein verschlafenes Fischernest, als Ingenieure in den sechziger Jahren zum ersten Mal in die Küstenlinie eingriffen. Am Nordende des Strandes gruben sie einen Kanal ins Hinterland, um Frachtschiffe vom Ozean auf ruhigere Binnengewässer umzuleiten. Überall in Florida gibt es diese Kanäle, ein dichtes Netz aus Wasserwegen durchzieht die Landschaft, und wie viele andere Orte im Sunshine State blühte Venice dadurch auf. Fremde zogen in die Stadt, sie bauten Villen an die Ufer des Kanals, mit Bootsstegen für ihre Luxusjachten, und am Strand eröffneten Hotels und Restaurants. In der ersten Reihe entstanden die Apartmentblocks.

Wie in Blanes dauerte es, bis man begriff, warum der Strand auf einmal schrumpfte.

"Die Buhne", sagt Marlowe, "war das Problem."

Um zu verhindern, dass Treibsand den Kanal verstopft, hatte man an seinem Eingang eine hundert Meter weit ins Meer reichende Mauer aus Beton gesetzt, eine Barriere, die die Strömung vom Ufer weglenkte. Es kam jetzt kein Sand mehr dorthin, wo der Kanal begann. Aber es kam auch kaum noch Sand zum Strand.

Wie in vielen Orten, deren wichtigstes Kapital der Strand ist, drohte das Meer in Venice nicht nur den Sand, sondern auch den Wohlstand fortzuspülen. Ohne Sand verlieren die Immobilien an Wert, ziehen die Leute weg, brechen die Steuereinnahmen ein. In Venice hatte man Angst, sich in ein Fischernest mit leer stehenden Apartmentblocks zurückzuentwickeln.

Das war der Moment, in dem sich ein alter Freund, der bei der Stadtverwaltung arbeitete, an Marlowe erinnerte. Marlowe lobbyierte damals in Washington für die Eisenbahner-Gewerkschaft, er verstand zwar nichts von Sand, aber in Venice hoffte man, dass er über die richtigen Kontakte im Kongress verfügte. Tatsächlich gelang es Marlowe, 20 Millionen Dollar Steuergeld loszueisen. Ende 1994 begannen die Arbeiten. Aus einem Unterwasserdepot einige Meilen vor der Küste wurden eine Million Tonnen Sand auf Schiffe gepumpt, die ihn ans Ufer transportierten. Schaufelbagger verteilten ihn, Planierraupen walzten darüber. Alle zehn Jahre wird die Prozedur wiederholt.

Die amerikanische Regierung finanziert solche Projekte, weil Strände ein wirksamer Schutz gegen Stürme sind. Wenn Hurrikans auf die Küste zurasen, wirken sie wie Puffer gegen die Flut. Aufwirbelnder Sand dämpft zusätzlich die Wucht der Brandung. Der Küstenschutz ist Marlowes einträglichstes Argument.

2013, nachdem der Hurrikan Sandy den Osten der USA verwüstet hatte, bewilligte der Kongress die Summe von 5,4 Milliarden Dollar, um die Küstenlinie wiederherzustellen. Derzeit werden dort so große Sandmassen bewegt wie nie zuvor in der amerikanischen Geschichte.

Es sind Rettungsversuche, die nötig werden, weil der Mensch den Stränden den Nachschub abgeschnitten hat. Kanäle und von Beton eingefasste Flüsse verändern Meeresströmungen, Wehre und Staudämme halten nicht nur das Wasser auf, sondern auch den Sand. Eigentlich würden die Flüsse der Welt jedes Jahr 500 Millionen Lkw-Ladungen Sand in die Meere spülen, aber heute bleibt ein Drittel davon unterwegs hängen. Die Rhone in Frankreich und der Ebro in Spanien transportieren heute zwanzigmal weniger Sedimente ans Meer als noch 1950, am riesigen Delta des Nils in Ägypten kommt gar nichts mehr an.

Mittlerweile kreuzen überall auf der Welt riesige Staubsauger-Schiffe über die Ozeane und holen Sand vom Meeresboden. In Venice soll im Herbst die dritte Aufschüttung beginnen. Die Strände von Marbella und Teneriffa sind inzwischen künstlich, genauso wie die berühmten Stadtstrände in Barcelona, Tel Aviv und Rio de Janeiro. Dubai hat vor seiner Küste riesige Inseln in der Form von Palmen aufgeschüttet. Strände auf den Malediven, im mexikanischen Cancún oder auf Hawaii – sie alle würde es ohne Liftings nicht mehr geben. An den deutschen Küsten geht es den meisten Stränden noch gut. Aber mancherorts, wie im Ostseebad Kühlungsborn und auf der Nordseeinsel Wangerooge, verursachen die Aufschüttungen schon hohe Kosten.

In Florida sagt Howard Marlowe, für manche Kunden habe er bereits ein Dutzend Mal denselben Strand erneuert. Es wirkt wie eine Sisyphos-Idee: als könnte man durch immer neues Aufschütten von Sand den Lauf der Welt aufhalten.

"Wenn wir unseren Lebensstandard bewahren wollen", sagt Marlowe, "dann haben wir keine Alternative."

"Es wäre eine Illusion, zu glauben, dass wir auf diese Weise unsere Küsten verteidigen können", sagt Harold Wanless.

Auch Wanless ist ein älterer Herr, wie Marlowe, 72 Jahre ist er alt, aber noch immer leitet er an der Universität von Miami die Abteilung für geologische Studien. Seit mehr als dreißig Jahren studiert Wanless die Erosion der Küsten, kaum jemand hat sich so eingehend mit dem Verhalten von Sand beschäftigt wie er.

Schon Anfang der siebziger Jahre schickte Wanless dem damaligen US-Präsidenten Richard Nixon einen Brief: ob die Regierung wirklich plane, künftig jedes Jahr 200 Milliarden Dollar für den Erhalt der Strände auszugeben. "Selbstverständlich hat Nixon nie geantwortet", sagt Wanless.

Wanless verfällt oft in diesen sarkastischen Ton, der vielen Wissenschaftlern zu eigen ist, die sich daran gewöhnt haben, dass man ihre Warnungen nicht ernst nimmt. Gemeinsam mit seiner Frau finanziert er in Indien ein Heim für Straßenkinder. Ihm erscheint das als bessere Investition in die Zukunft als all die Drainagepumpen und Abwasserrohre, die sie jetzt in Miami Beach verlegen, um ein vollständig auf Sand gebautes Stadtviertel vor den Angriffen des Wassers zu schützen.

"Was für ein gewaltiger Irrsinn", murmelt Wanless, als er dort mit einem Schirm in der Hand am Strand im Regen steht. Er bückt sich, greift in den matschigen Sand und zerreibt die Partikel zwischen seinen Fingern.

"Wenig Quarz, viel Schrott", sagt er. "Das bleibt nicht lange liegen."

Sandkörner sind für Wanless Individuen mit einer eigenen Geschichte. Ihre Form erzählt von ihrer Herkunft aus Gebirgsgestein, aus Lava, Muscheln oder Korallen und von ihrem Weg um die Welt, auf dem Wasser, Wind und Kälte sie schliffen und polierten. Wanless hat Sandproben von natürlichen und aufgeschütteten Stränden verglichen. Er hat den Sand gesiebt und unter ein Mikroskop gelegt, er hat ihn auf seine Eigenschaften untersucht, seine Dichte, seine Härte, und schließlich hat er die Körner durch eine kleine Maschine gejagt, die die Kräfte anbrandender Wellen simulierte. Was Wanless herausfand, müsste jemanden wie Howard Marlowe erschrecken.

Die meisten aufgeschütteten Partikel sahen anders aus als die von den natürlichen Stränden, die hauptsächlich aus Quarz bestehen. Sie waren gröber, platter, nicht so rund geschliffen, weil es auf dem Grund des Meeres, von wo man sie geholt hatte, keinen Wind und keine Wellen gibt. Die Teilchen zerbröselten in Wanless’ Maschine, so wie sie am Strand zerbröseln. Sie werden klein und leicht, fast wie Staub, der von der Brandung weggewaschen wird.

"Aufgeschüttete Strände", sagt Wanless, "erodieren bis zu zehnmal schneller als natürliche. Bei starken Stürmen können sie problemlos hundert Fuß verlieren. Dreißig Meter. Über Nacht."

Je hartnäckiger wir nach dem Sand greifen, desto mehr, so scheint es, rieselt er durch unsere Finger.

Weil die weggewaschenen Partikel so leicht sind, sinken sie nicht auf den Meeresgrund zurück. Sie treiben durch das Wasser vor der Küste, trüben es ein, verfangen sich in den Korallen, ersticken sie. "Wir zerstören Paradiese", sagt Wanless.

Für Wanless ist das immer neue Aufschütten von Stränden eine sinnlose Verschwendung von Steuergeld, das man auch gleich ins Wasser kippen könnte. Der Aufwand wird immer größer, weil die Sanddepots in Küstennähe vielerorts erschöpft sind. In Palm Beach denkt man bereits darüber nach, zermahlenes Glas auf den Strand zu kippen. Der Landkreis Broward nördlich von Miami hat in seiner Verzweiflung bei Nachbarkreisen um Sandspenden gebeten, aber die haben abgewinkt. "In Zukunft", sagt die Kreisvorsteherin von Broward, "werden wir Kriege führen um den Sand."

"Das Schlimmste an den Aufschüttungen", sagt Wanless, "ist aber diese trügerische Sicherheit, die von ihnen ausgeht."

Strände waren immer etwas, das in Bewegung war. Die Kräfte der Natur haben sie im Laufe der Jahrtausende verschoben. Stieg der Meeresspiegel, wanderten die Strände zurück ins Landesinnere. "Dieses Ausweichen", sagt Wanless, "ist heute nicht mehr möglich." Straßen, Brücken, Promenaden, Abwassersysteme versperren der Natur den Weg. Sie machen die Küsten unverrückbar.

Wenn die Vorhersagen der Klimaforscher stimmen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die anschwellenden Meere die Strände überfluten. Schwere Tropenstürme werden künftig noch häufiger große Stücke aus der Küstenlinie brechen. Gut möglich, dass ein Stadtteil wie Miami Beach in fünfzig Jahren die Erinnerung an den Strand nur noch in seinem Namen aufbewahrt.

Der Sand wird knapp, und die Knappheit macht ihn kostbar. Auf einmal ist Sand etwas, womit sich ein Vermögen verdienen lässt. Denn Sand ist nicht nur das Material, aus dem der Sehnsuchtsort Strand besteht, er ist auch der Rohstoff für die Bürotürme, Mietshäuser, Autobahnbrücken und Flughäfen dieser Welt. Es ist der Sand, der die Megacitys der Welt wie Mumbai, Lagos, Shanghai, Dhaka, Kairo und São Paulo wuchern lässt.

All diese Städte sind aus Beton gebaut. Und Beton besteht aus Sand, meist zu mindestens 40 Prozent. Nicht aus Wüstensand, dessen Körner als untauglich gelten, weil sie zu schlecht haften, sondern aus Sand, den man aus Flüssen fördert oder von Stränden abträgt, auf denen keine Touristen liegen.

Wegen des weltweiten Baubooms sind Sand und Kies heute nach Wasser die meistverbrauchten Rohstoffe der Erde – die Vereinten Nationen schätzen den jährlichen Bedarf auf 40 Milliarden Tonnen, mehr als je zuvor in der Geschichte. China allein hat in den vergangenen drei Jahren mehr Sand verarbeitet als Amerika im gesamten 20. Jahrhundert.

Und Sand steckt nicht nur im Beton. Ohne Sand gibt es kein Glas. Keinen Asphalt. Kein Plastik. Auch in Shampoo, Zahnpasta, Wein, Klebstoff, Farben, Mikroprozessoren für jegliche Art Elektrogerät wird Sand verarbeitet. Rein rechnerisch verbraucht jeder Europäer 4,6 Tonnen Sand im Jahr.

Es ist nicht nur das Meer, das den Sand vom Strand wegholt, es ist auch der Mensch.

Während in hoch entwickelten Ländern wie Deutschland die Behörden den Abbau regulieren, wird der Sand in China oder Indien der Natur entrissen, wo es welchen gibt. Auf indischen Flüssen liegen Boote mit Saugpumpen, an den Ufern und in Kiesgruben graben Arbeiter, als seien sie auf der Suche nach Gold. Wenn sie nicht genug Sand finden, dann gehen sie ans Meer.

In Indien schütten sie die Strände nicht auf. Sie tragen sie ab.

Als vor Sumaira Abdulalis Haustür der Strand verschwand, lag der Gedanke an Naturgewalten fern. Es war eine stille Nacht am Indischen Ozean, die Abdulali in dem Ferienhaus verbrachte, das einst ihr Großvater gebaut hat. Die Wellen rauschten so sanft, als wollten sie die Küste streicheln, aber plötzlich schreckte Abdulali aus dem Schlaf auf. Sie hörte Rufe, die Motorengeräusche von Baggern, die sich in weichen Boden gruben. Als sie sich am Morgen aus dem Haus wagte, öffneten sich tiefe Löcher im Strand. Sie sahen aus wie Gräber, ausgehoben unter Kokospalmen.

Sanddiebe!, dachte sie.

Zehn Jahre ist dieser Morgen her, er hat Sumaira Abdulali radikalisiert. Sie hat eine NGO gegründet, deren Name, Awaaz, so viel wie "Lärm" bedeutet. Abdulali macht Krach, um vor den Verbrechern zu warnen, die überall in Indien den Sand stehlen, weil sich mit ihm viel Geld machen lässt. "Die Sand-Mafia", sagt Abdulali, "ist die mächtigste kriminelle Organisation unseres Landes."

Sie hat Morddrohungen erhalten und ist vor Schlägern geflohen. Es gab den Versuch, den Wagen, in dem Abdulali mit einem Journalisten saß, von einer Brücke zu drängen, aber bislang kam sie immer davon.

An einem schwülheißen Morgen sitzt sie im Fond einer weißen Limousine, die ihr Fahrer durch Mumbai steuert, eine 53-jährige Frau, deren Hartnäckigkeit sich hinter einem sanften Wesen verbirgt. Sumaira Abdulali stammt aus altem Bürgertum, ihr Mann ist ein erfolgreicher Recyclingunternehmer. Die Augen von Müdigkeit umschattet, blickt sie nach draußen auf das indische Chaos. Eselgespanne, Mopedschwärme, Frauen mit ausgemergelten Gesichtern auf dem Weg zum nächsten Brunnen. Dann Baustellen und Kräne, glitzernde Wohntürme, auf denen Botschaften stehen: "Stop existing – Start living". Es ist eine Welt zwischen den Zeiten. Noch vor wenigen Jahren gab es hier nur Fischerdörfer, eingefasst von Mangrovenwäldern. Heute ist Mumbai eine der am schnellsten wachsenden Metropolen der Erde.

Abdulali dirigiert ihren Fahrer zum schmalen Ende einer Bucht, die sich tief ins Landesinnere zieht. In der flirrenden Hitze liegen Dutzende Holzboote am Ufer, darauf Hunderte Männer, ein Gewimmel aus sehnigen, halb nackten Körpern, die Plastikwannen voller brackiger Sandklumpen an Land bugsieren. An der Auffahrt wartet schon die Kolonne der Trucks.

"Als wären es Blutdiamanten", murmelt Abdulali.

Von einem Verbindungsmann hat sie erfahren, dass die Mafia sich hier Sand beschafft. Ihre Augen wandern umher. Kein Aufpasser zu sehen. Abdulali stapft hinunter zu den Booten. Sie ist hier, um den Sanddiebstahl zu dokumentieren, sie will einen Report schreiben.

Dann steht sie vor einem Mann Ende dreißig, der nur ein Handtuch umgeschlungen hat. Von seiner nackten Brust perlen Wassertropfen. Abdulali fragt ihn, wer er sei.

"Ich bin einer der Taucher", sagt er leise.

In dürren Sätzen schildert der Mann, wie er den Sand aus der Tiefe holt, damit Mumbai weiter in den Himmel wachsen kann. Jeden Tag ist er hier. Vier Stunden tauchen. Zwischendurch ein Schluck vom Whisky gegen die Angst. Unten im Wasser die Schwärze vor den Augen. In der rechten Hand den Eimer, die linke um eine Bambusstange, so gleitet er hinab in 17 Meter Tiefe, ohne Maske, ohne Sauerstoffflasche. Mit den Füßen wühlt er nach Sand. Mit der rechten Hand stopft er den Eimer voll. Bloß nicht die Stange loslassen, sonst zieht ihn die Strömung in den Tod. Nie länger als zwei Minuten unten bleiben. 200 Tauchgänge pro Schicht, Lohn um die 15 Euro, zehn Tote dieses Jahr, einige davon Kinder. Und viele geplatzte Trommelfelle.

"Wir müssen immer tiefer runter", sagt er. "Oben ist kein Sand mehr."

Der Taucher arbeitet für eine Handvoll Männer, die den Sandabbau in Mumbai kontrollieren. Die meisten von ihnen besitzen keine Förderlizenzen. Sandabbau ist traditionell ein lokales Geschäft. Tanker und Pipelines transportieren Öl über Ozeane und Kontinente, aber Sand wird möglichst nah von dort aus der Erde geholt, wo man ihn braucht. Er scheint ja in Unmengen auf öffentlichem Grund vorhanden zu sein, in Flüssen, am Meer.

Es ist paradox: Gerade weil Sand überall herumliegt, ist der Markt in einem korrupten Staat wie Indien nicht frei. Gerade weil es um einen Allerweltsstoff geht, haben sich Strukturen gebildet, die denen des Drogenhandels ähneln.

Im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh konfiszieren die Behörden 100 Lkw-Ladungen voller Sand und präsentieren sie wie einen Kokainfund. Paramilitärs marschieren in das Gebiet der Sand-Mafia ein und verschanzen sich in Bunkern. Das Fernsehen zeigt Fotos ermordeter Beamter, die sich der Mafia entgegenstellten. Die indischen Zeitungen berichten immer häufiger von Sanddieben, die Friedhöfe durchwühlen, bis Schädel offen daliegen. Die Mafia geht immer brutaler vor, weil ihre Profitchancen steigen. Die Bauherren von Mumbai müssen heute im Schnitt 30 Prozent mehr bezahlen als noch vor einem Jahr. "Der Markt ist überhitzt", sagt Abdulali.

In der Hauptstadt Neu-Delhi feierte sie im vergangenen Jahr ihren größten Sieg, als ein Richter ihrer Klage folgte und den Sandabbau in Indien für einige Monate verbot. Unter dem Druck des Urteils mussten die Lokalregierungen versprechen, das Geschäft besser zu regulieren. "Die Bauherren", glaubt Abdulali, "werden langsam nervös."

Als sich die Nacht über Mumbai senkt, versammeln sie sich in der Kolonialkulisse des Kricketclubs. In einem Salon mit Kassettenwänden aus dunklem Holz und schweren Ledersesseln sitzen sie beisammen, Männer allen Alters in maßgeschneiderten Hemden, umschwärmt von Dienern, die Getränke bringen. In einer Stadt wie Mumbai, deren Wachstum auf dem Boom von Immobilien gründet, sind die Bauherren die wahren Herrscher. Mit Fremden reden sie nicht gern über das Geschäft mit dem Sand.

Einer steht am Buffet, mit akkuratem Schnurrbart und Kugelschreiber in der Hemdtasche. Nach ein paar Whiskys und Gin Tonics wird er redselig.

In jedem Verwaltungsgebiet, erläutert er, gebe es einen sandlord. Von ihm müssen Unternehmer den Sand abnehmen, wenn sie dort bauen möchten. Meist handelt es sich um einen Lokalpolitiker, der so seinen Lebensstil finanziert, seine Wahlkämpfe, sein Auto und seine Villa. Ein sandlord baut sich Nachschubwege auf, die Hunderte Kilometer weit ins Land reichen. Er fälscht Lizenzen, "managt" die Polizei und die Behörden, und er heuert Banden an, um Störer wie Abdulali einzuschüchtern. Das Gebiet, wo der Taucher den Sand aus der Tiefe holt, werde wohl vom ehemaligen Umweltminister des Bundesstaates kontrolliert.

"Auch ich habe dort gebaut", sagt der Unternehmer.

Die indische Sand-Mafia, so scheint es, das ist der Staat selbst. Das System. Politiker, die vor aller Augen Sand stehlen lassen, an Buchten oder unter Eisenbahnbrücken. "Aber", sagt der Unternehmer in väterlichem Ton, "so ist es nicht nur in Indien." Er habe in 13 Ländern Asiens gebaut – "immer das Gleiche".

Sand-Mafias gibt es längst vielerorts auf der Welt. Sie plündern die Vorräte in armen Ländern wie Kambodscha und Vietnam, um sie an den Inselstaat Singapur zu verkaufen, der mit dem Sand sein Territorium vergrößert. Zwischen Singapur und Indonesien kam es zu Streitigkeiten um den Grenzverlauf, nachdem zwei Dutzend indonesische Inseln aus dem Ozean verschwunden waren: Sanddiebe hatten sie zerstört. In China heißt es, knapp die Hälfte des Sandes, der an die Bauindustrie gehe, stamme aus illegalen Quellen.

Der Sand wird knapp in Jamaika, wo Diebe fast über Nacht einen 400 Meter langen Urlaubsstrand stahlen, und in Marokko, wo endlose Eselkarawanen zur Küste ziehen, um Nachschub zu holen. An der Küste von Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone, verschwindet Strand um Strand, während Haus um Haus entsteht. In Namibia und Südafrika durchkämmen die Arbeiter den Strand nach wertvollen Diamanten, bevor sie den Sand in Eimer schütten.

Obwohl die Natur der Menschheit in jeder Sekunde eine Milliarde winzige Geschenke macht, steuert die Welt auf eine Zeit zu, in der Sand so begehrt und teuer sein könnte wie Tropenholz oder Elfenbein. Seit den Zeiten von Archimedes wählten Menschen die Worte "wie Sand am Meer", um den Überfluss zu beschreiben.

Sand war immer etwas, das niemandem gehörte, so wie Wasser oder Luft. Er lag einfach herum. Vielleicht sind wir uns gerade deshalb seines Wertes nicht bewusst. Vielleicht verwandelt sich der Ausdruck "wie Sand am Meer" gerade deshalb irgendwann in eine Metapher für den Mangel.

Oder für den Untergang.

Barbuda ist ein winziger Flecken Erde in der östlichen Karibik. Die Insel ist bedeckt von Sumpfgebieten, in denen seltene Vögel nisten, und an den Ufern erstrecken sich weiße Traumstrände, die manchmal rosa schimmern, weil der Sand durchzogen ist von Muscheln. Lady Diana war ein paarmal hier, vor vielen Jahren, als die wenigen Hotels noch keine Geisterschlösser waren. Heute ist Barbuda ein Touristenparadies ohne Touristen.

In Barbuda gab es nie Fabriken oder große Plantagen. Das Land hat nichts, bis heute, außer seinen Stränden, aber weil die Strände von Guadeloupe oder Martinique besser zu erreichen sind, kommt kaum noch ein Urlauber nach Barbuda. Manche Touristen denken, der Name sei ein Schreibfehler. Barbados müsse gemeint sein, oder die Bermudas.

Ein einziges Dorf gibt es auf Barbuda, Codrington, wo 1.600 Menschen leben, in schlichten Häusern, vor denen Pferde grasen. In diesen Tagen stehen noch immer überall die Wahlplakate in den Gärten, seit ein paar Wochen hat Barbuda einen neuen Minister, der die Anliegen der Bewohner bei der Zentralregierung auf der Schwesterinsel Antigua vertritt.

Es ist Arthur Nibbs, 55, Mitglied der Arbeiterpartei, ein Mann mit müden, glasigen Augen, der seit Jahrzehnten in dem kleinen Parlament der Insel sitzt. Bei der Wahl erhielt Nibbs 485 Stimmen, eine mehr als sein Gegenkandidat.

Jetzt sitzt er in einem tiefen Ledersessel in seinem Büro. Durch die Lamellen der Jalousie am Fenster fällt die Abendsonne herein. Auf dem Tisch liegt eine Bibel, auf Nibbs’ roter Baseballkappe steht: "Nibbs – The Man with the Plan".

Nibbs sagt, fast jeder erwerbstätige Bewohner Barbudas sei bei der staatlichen Verwaltung angestellt, als Lehrer, als Handwerker oder als Arbeiter auf einer der kleinen öffentlichen Farmen, auf denen sie Kartoffeln, Kokosnüsse und Melonen für den eigenen Bedarf anbauen. Manche, wie Nibbs, gehen hin und wieder Hummer fangen, aber auch davon gibt es hier nicht genug, als dass sich daraus ein Einkommen erzielen ließe.

Es gibt nur ein einziges Produkt auf Barbuda, das in ausreichender Menge vorhanden ist und das sich zu exportieren lohnt. Sand. Mehrere Tausend Tonnen davon verlassen die Insel jedes Jahr. Für rund 40 Dollar pro Tonne.

Am Palmetto Point, einem Gebiet am Südwestzipfel der Insel, keine fünf Autominuten von Codrington entfernt, tauchen Bulldozer ihre Schaufeln metertief in den Sand. Krater tun sich auf, eine Landschaft wie auf dem Mond.

Lastwagen bringen den Sand zu einem kleinen Fähranleger, von wo ein rostiger Kahn zweimal in der Woche aufs Meer hinausfährt.

Vor ein paar Jahren schickte die Zentralregierung von der Nachbarinsel eine Umweltdelegation nach Barbuda. Die Gegend am Palmetto Point sei ein Sicherheitsrisiko, schrieben sie in ihrer Studie.

Auch Arthur Nibbs, der neue Minister, gehörte damals zu den Kritikern, die darauf hinwiesen, dass der Strand am Palmetto Point die einzige natürliche Barriere ist, die Codrington vor anrollenden Sturmwellen schützt. Ein einziger Hurrikan, und Codrington verschwindet von der Landkarte.

Nibbs hebt die Schultern. Wahrscheinlich ahnt er, dass Barbuda sich sein eigenes Grab schaufelt. Aber vorher müssen die Menschen ja irgendwie Geld verdienen. "Ich kann nicht zulassen, dass die Leute hungern", sagt Nibbs. Also lässt er weiter Sand abbauen. Das ist sein Plan.

Einer von Barbudas Kunden der vergangenen Jahre war ein neues Touristenresort, das auf den 360 Kilometer entfernten Virgin Islands eröffnete. Die Virgin Islands sind eine Vulkaninsel mit schwarzen Stränden, nichts, was sich gut macht in den Hochglanzkatalogen der Reiseveranstalter. Heute aber liegen die Urlauber im Oil Nut Bay Luxury Resort auf einem breiten Strand aus feinem, weißem Sand.

Es ist Sand von Barbuda.

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Leserkommentare
    • BP89
    • 28. August 2014 23:21 Uhr
    6 Leserempfehlungen
  1. sondern ein Kunststoff-Sand-Gemisch.
    Es gibt keine Strände mehr die nur aus Sand bestehen!
    https://de.wikipedia.org/...

    10 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • tobmat
    • 29. August 2014 9:27 Uhr

    Auch Kunststoffsand ist Sand. Sand kann auch aus Knochen bestehen. So stieg der Knochenanteil im Sand nach den Weltkriegen deutlich an.

  2. Spricht auch jemand mal über regelmäßig künstlich aufgeschüttete Strände, da es an den Stränden sonst überhaupt kein Sandstrand gäbe?!

    Die Reisen würden sich auch äußerst schlecht verkaufen lassen, wenn man den Urlaubern Bilder mit dicken Steinbrocken zeigen müsste.

    Der Urlauber will einen Sandstrand...und dieser wird aufgeschüttet.

    Eine Leserempfehlung
    • Shaila
    • 29. August 2014 0:37 Uhr

    Das Problem mit dem Sand war mir so vorher nicht bewusst bzw. ich habe nicht darüber nachgedacht. Hier zeigt sich wieder einmal, mit welcher Selbstverständlichkeit wir gegebenen Wohlstand betrachten und wie wenig wir ihn in der Folge schätzen.

    Auf der anderen Seite finden wir heute Umweltprobleme an jeder Ecke. Man weiss quasi überhaupt nicht mehr, um was man sich zuerst kümmern sollte. Was mich zu der Überlegung bringt, ob der Zug für uns nicht ohnehin schon längst abgefahren ist.

    Mit dem Tempo, in der sich die Wirtschaft entwickelt und die Rohstoffe ausbeutet, kommt das Bewusstsein des Menschens für seine Umwelt wohl nicht mit.

    Es gilt: Ersteinmal alles so weiterlaufen lassen, solange das Wasser noch nicht vor der Haustüre steht ist alles noch in Ordnung und überhaupt, verändern kann man sowieso nichts.

    Leider dürfte Zweiteres wohl stimmen. Ich wüsste nicht, welche Alternative es derzeit dafür gäbe, um den Sandbedarf zu decken.

    Vor meinem geistigen Auge sehe ich da einen Parasiten, der sein Opfer aussaugt. Ist der Parasit dafür jetzt böse oder liegt es nicht viel mehr in seiner Natur? Vielleicht kann der Mensch ja garnicht anders, als seine Umwelt gnadenlos auszubeuten.

    Er blockiert durch selbstgeschaffene Systeme (Wirtschaftssystem, Globalisierung) die Rettung seiner eigenen Lebensgrundlage. Der Sand ist ja nicht das einzige Problem. Einfach nur Paradox und tragisch.

    7 Leserempfehlungen
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    Aber diese müssen sich auch heutzutage noch anhören, dass der Mensch schuldlos am Klimawandel ist.
    Es ist schon seit etwa Mitte der 80iger zu spät um zu handeln. Unsere Enkelkinder werden das wohl erst so richtig einzuschätzen wissen.

    Die allermeisten Umweltprobleme liegen nicht so sehr im ungezügelten Wachstum der Wirtschaft, sondern im ungezügelten Wachstum der Menschheit.

    Wir sind zu viele und alle wollen Essen, Trinken, einen gewissen Wohlstand und medizinische Versorgung und das ist alles legitim. Nur macht es eben einen Unterschied ob sich wie 1950 2,5 Mrd. oder wie heute 7 Mrd. versorgen müssen. Denn die verbrauchen ja nicht nur, sondern "schmutzen" auch.

    Alle, wirklich alle Probleme resultieren aus diesen unfassbaren Menschenmassen. Erst wenn "wir" das in den Griff bekommen wird es global besser werden.

  3. Entfernt, bitte verfassen Sie konstruktive Kritik. Danke, die Redaktion/se

  4. 6. [...]

    Entfernt, bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/se

    • Mari o
    • 29. August 2014 1:26 Uhr

    Es müsste große Zeppeline geben die große Schiffe durch die Weltmeere ziehen um Sand zu transportieren dorthin wo er gebraucht wird,oder auch Eisberge dahin wo Süsswasser fehlt, oder Löschwasser für Waldbrände usw.usf
    Wenn ich mal reich bin,würde ich in die Idee investieren
    nee,aber das Sand nicht gleich Sand ist!!?? usw. toll,und passt in das aktuelle Untergangsszenario

  5. Aber diese müssen sich auch heutzutage noch anhören, dass der Mensch schuldlos am Klimawandel ist.
    Es ist schon seit etwa Mitte der 80iger zu spät um zu handeln. Unsere Enkelkinder werden das wohl erst so richtig einzuschätzen wissen.

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