Es war Anfang Juli, der Sommer kam, also fackelten die Politiker in Berlin nicht lange. Kurz vor der parlamentarischen Sommerpause brachten Bundestag und Bundesrat noch rasch ein Gesetz auf den Weg, das fast alle Deutschen betrifft: das Lebensversicherungsreformgesetz. Dessen Klauseln waren nach mehrmaligen Vermittlungsrunden mit der Finanzbranche vielfach aufgeweicht. Einen Passus strich der Gesetzgeber gleich ganz, sehr kurzfristig und sehr überraschend: Künftig müssen Versicherungsvermittler ihre Provisionen doch nicht offenlegen – so wie es geplant war und so wie es Banken etwa nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs seit dem 1. August auch müssen.

Umstritten ist die Provisionsberatung, weil sie den Vermittler dazu verleitet, dem Kunden das Produkt anzudrehen, das ihm selbst die höchste Provision einbringt – nicht das, was für den Kunden am besten ist. Die "Provisionsanreize" seien einer der Hauptgründe für die "systematische Falschberatung", bei der Kunden überteuerte und riskante Finanzprodukte verkauft würden, stellte bereits 2008 eine Studie im Auftrag des Verbraucherschutzministeriums fest. Sie bezifferte den Schaden, der auf diese Weise entsteht, auf rund 30 Milliarden Euro jährlich. Die Verbraucherzentralen schätzen sogar, dass Anleger jährlich bis zu 98 Milliarden Euro in Finanzprodukte investieren, die an ihrem Bedarf vorbeigehen. Deshalb plädieren Konsumentenschützer dafür, dass Sparer wenigstens wissen, welche Prämien Vermittler beim Verkauf kassieren.

Lange Zeit schien es, als befürworte das auch der Gesetzgeber. Erst im November hatte sich die Bundesregierung in den Koalitionsvertrag geschrieben, sie wolle die Provisionsberatung zugunsten der Honorarberatung eindämmen. Doch als sie die Möglichkeit hatte, mit der Offenlegung der Provisionen bei Versicherungen einen großen Schritt in diese Richtung zu gehen, zuckte sie zurück. Erneut setzte sich die Versicherungslobby durch. Zuletzt hofften deren Gegner noch auf den Bundespräsidenten, der das Gesetz über die Reform der Lebensversicherung einer Prüfung unterzog, doch inzwischen hat Joachim Gauck es unterzeichnet. Seit der vergangenen Woche ist es in Kraft.

Aber selbst wenn über Provisionen erneut diskutiert würde – auch dann ginge es wieder nur um deren Offenlegung. Völlig undenkbar scheint hierzulande hingegen, was in vielen Ländern Europas längst gang und gäbe ist und in weiteren diskutiert wird: ein Provisionsverbot. Dann werden Vermittler nicht mehr von denen bezahlt, die ihre Produkte im Markt unterbringen wollen, sondern direkt von den Kunden. Bisherige Erfahrungen legen nahe, dass dieser noch radikalere Schritt sinnvoll ist.

In Großbritannien waren es mehrere Finanzskandale, die die Regierung zu einem grundsätzlichen Umdenken brachte. So vernichteten Verkäufe unpassender Rentenversicherungen und gewagte Baufinanzierungen bei Kleinsparern ein Milliardenvermögen. Als Konsequenz beschloss die Regierung erst die Offenlegung der Provisionen und dann – als das nicht half – 2006 ein rigoroses Provisionsverbot für Finanzprodukte. Dessen Einführung brauchte sieben Jahre, doch seit 2013 gilt es. Gleiches trifft auf die Niederlande zu. Norwegen, Schweden und Litauen haben ebenfalls ein Verbot, Finnland und Dänemark führten es vor fast zehn Jahren ein. Die USA, Australien oder Südafrika debattieren ähnliche Pläne.

In Europa ist seit geraumer Zeit ein EU-weites Verbot im Gespräch, bisher scheiterte das allerdings am Widerstand einzelner Länder – insbesondere auch Deutschlands. Kennen wir nicht, wollen wir nicht, da könnte ja jeder kommen: So ließe sich die Haltung der Finanzlobby hierzulande zusammenfassen, wenn es um ein Provisionsverbot geht.

"Die Versicherungsvermittlung auf Provisionsbasis gibt es schon seit 120 Jahren", unterstreicht der Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute, bisher hätten weder Weltkriege noch die Weltwirtschaftskrise 1929 etwas daran geändert. Auch der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) verweist die Idee ins Reich der Absurditäten. "An der Provisionsbasis wird nicht gerüttelt", heißt es. Zwar hatte Präsident Alexander Erdland 2013 selbst immerhin vorgeschlagen, Provisionen zu deckeln, und eine "offene Debatte über die Höhe der Vertriebskosten" gefordert. Doch inzwischen sieht der GDV auch das anders: "Die Offenlegung der Provisionen schießt übers Ziel hinaus."