Ausgerechnet hier. Im Problemviertel, wo 90 Prozent der Schüler Migranten sind, viele kaum Deutsch sprechen. Hier also sollen im Unterricht nun künftig Namen getanzt und Körbe geflochten werden? An einer staatlichen Schule?

Wilhelmsburg und Waldorfschule, das angebliche Problemviertel und die angeblich bildungsbürgerliche Reformpädagogik, das sind zwei Welten, mit denen sich ein Haufen an Klischees verbindet. Auf die Idee, dass sie miteinander funktionieren könnten, käme man kaum. Doch genau das sollen sie demnächst: Mit Beginn des neuen Schuljahres werden in der Grundschule an der Fährstraße die Ideen der Waldorfpädagogik in den staatlichen Schulbetrieb integriert – erstmals in Deutschland.

50 Prozent Regelschule, 50 Prozent Waldorf, das ist der Kompromiss, politisch und pädagogisch. Die neue Schule soll ein Mittelweg zwischen zwei Lehrkonzepten sein, aber auch ein Kompromiss für einen Stadtteil im Wandel, ein Deal zwischen altem und neuem Wilhelmsburg. Doch viele hier fragen sich: Passt Waldorf wirklich nach Wilhelmsburg?

Mit dem "Sprung über die Elbe" will die Stadt die südlichen Gebiete von Hamburg aufwerten. Noch springt aber wenig, stattdessen müssen Besucher mit der S 3 über die Elbe bis zur Haltestelle Veddel fahren, dann geht es weiter mit der Buslinie 13 nach Wilhelmsburg. An den Straßen reihen sich Dönerbuden, Billardkneipen, Casinos und türkische Gemüsestände. Die Stadt investiert viel Geld auf der Elbinsel, sie hat die Internationale Bauausstellung nach Wilhelmsburg geholt und die Internationale Gartenschau. In den vergangenen Jahren hat sich hier vieles verändert. Nirgendwo ist das so sichtbar wie im Reiherstiegviertel, dem Einzugsgebiet der Schule an der Fährstraße. Plattenläden, Cafés und Boutiquen mit Fairtrade-Mode haben hier eröffnet, Studenten, junge Paare und auch Familien ziehen in das Viertel.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der aktuellen ZEIT. Sie finden die Hamburg-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Seit einigen Jahren gibt es zwei Waldorf-Kitas. 2011 beschloss der Verein für Interkulturelle Waldorfpädagogik, eine Gruppe von Eltern und Pädagogen, eine private Waldorfschule zu gründen, in der Nachbarschaft der Fährstraße. Allein durch die Planungen drohte der unsichtbare Graben zwischen altem und neuem Wilhelmsburg noch tiefer zu werden: die Privatschule für die Begüterten, die Fährstraße für den Rest. Denn die alte Schule hat schon heute einen schlechten Ruf, selbst im Viertel; die Anmeldezahlen sinken. Wer etwas auf sich hält, sagt eine Lehrerin, schicke sein Kind auf eine andere Schule.

Um die Schule zu retten, schlug die Stadt einen Deal vor: zwei Schulen in einer. Die Lehrer der Fährstraße durften abstimmen, ob sie Waldorf in ihre Schule einziehen lassen oder nicht. Sie hätten den Schulversuch verhindern können. Doch eine Mehrheit stimmte dafür.

Körrie Kantner stimmte dagegen. Kantner, 41, sitzt in der Cafeteria der Honigfabrik, einem Kulturzentrum nahe der Schule. Er trägt Pferdeschwanz, schwarzes T-Shirt und eine runde Brille, ist Fachleiter für Musik und spielt in mehreren Bands. Kantner lebt in Rahlstedt, vor sechs Jahren ließ er sich in die Fährstraße versetzen; er habe immer mit benachteiligten Kindern arbeiten wollen, sagt er. "Jeder, der hier arbeitet, macht das aus Idealismus – oder er macht es nicht lange." Doch nun ist für Kantner Schluss: Zum neuen Schuljahr verlässt er die Schule, aus Protest.

Körrie Kantner glaubt, die Waldorfpädagogik werde den Bedürfnissen der Wilhelmsburger Schüler nicht gerecht. "Die Kinder hier brauchen ganz klare Konsequenzen, weil sie die zu Hause nicht kriegen. Je klarer die Regeln sind, desto weiter kommen sie hier." Kantner misstraut zudem der Esoterik, die in den Lehren des Waldorf-Begründers Rudolf Steiner steckt.