Die Mannschaft des SC Paderborn © Sascha Steinbach/Getty Images

Bis zum ersten Spiel in der Ersten Liga sind es nur noch wenige Tage. Am Sonntag wird man sehen. Bis dahin kann man nur ahnen. Wie belastbar ist die Euphorie der vergangenen Wochen? Wie hart wird die Landung auf dem Boden der Realität? Oder legt die Elf aus der unterschätzten Stadt einen Senkrechtstart hin?

Ostwestfälische Fußballmetropole mit P, neun Buchstaben: Da kann man schon ins Grübeln kommen. Bielefeld kann es ja nicht sein. Arminia! Kennt jeder. SC Paderborn 07? Nie gehört. Selbst im traditionsreichen, 777 erstmals urkundlich erwähnten Paderborn hat man sich lange nicht für den Club interessiert, der aus etlichen Fusionen hervorging und unter diesem Namen erst seit 1997 antritt. Zu Auswärtsspielen in der Zweiten Liga hätten sich oft nur 50 Leute auf den Weg gemacht, erinnert sich Christian Just, Fanbeauftragter des Vereins. Deutlich mehr Schlachtenbummler hielten ihren angestammten Vereinen die Treue: Auf der A 33 kann man sie jedes Wochenende davonfahren sehen, nach Köln, nach Dortmund, nach Bochum, nach Hannover, nach Braunschweig.

Dann der 11. Mai 2014, das 2 : 1 gegen den VfR Aalen, der Aufstieg in die Erste Fußballbundesliga, unerwartet: "Das Wunder von Paderborn", wie anderswo die Zeitungen schrieben. Was nun? "Der Paderborner ist nicht so leicht zu begeistern", sagt der Sozialarbeiter Philip Krüger vom Fanprojekt der katholischen Caritas, "der freut sich nach innen." – "Der freut sich im Keller", bekräftigt seine Kollegin Angelina Bracht. – "Wir sind ja nicht in Köln", sagt Krüger, "da ist jeder jeck."

Doch am Abend des 11. Mai wusste Paderborn sofort, was zu tun war. 15.000, 20.000, 25.000 Bürger strömten auf den Rathausplatz. Die Zahl wächst mit jedem Paderborner, den man heute danach fragt. Bald waren nur noch Köpfe und Arme zu sehen, viele Fans reckten ihrer Überraschungself den blauen Schal mit der weißen Schrift entgegen, der dem Logo der untergegangenen Schlecker-Kette so verblüffend ähnelt. Der Fotograf Rüdiger Wagemeyer hielt den historischen Moment mit einer Panoramaaufnahme fest, und sein Freund Franz Bartsch, der herzerfrischendste Devotionalienhändler der Stadt, hängte sie als riesige Vergrößerung in das Schaufenster seiner Ein-Mann-Drogerie am Dom. Da strahlt sie jetzt zwischen Engeln, Kerzen und Kreuzen.

"Kennen Sie die Steigerung von schwarz?" Jens Reinhardt, Pressesprecher bei der Stadt, hat sie oft genug gehört: "Schwarz, Münster, Paderborn." Wenn Ortsfremden zur Stadt etwas einfalle, sei es immer das Erzkatholische, das ja auch in der Formulierung vom Wunder anklingt. Übelste Provinz. Zurückgeblieben. Fahren alle Trecker. Wann immer aber jemand herkommt, hört Reinhardt den Satz: "Ich wusste nicht, dass es hier so schön ist."

Und so lustig. Wenn Reinhardt von Liborius erzählt, dem Schutzheiligen der Stadt, und dessen Transfer nach Paderborn. Als habe der notorisch sparsame Fußballverein einen namenlosen Libero aus Frankreich verpflichten können!

Man schreibt das Jahr 836. Paderborn, Jahrzehnte zuvor von Karl dem Großen zur Pfalz erhoben, spielt machtpolitisch in der ersten Liga, muss sich aber spirituell verstärken. Der damalige Bischof wendet sich an einen alten Studienkollegen in Le Mans: "Wir brauchen einen Heiligen." – "Da kann ich dir einen geben, der hier noch nicht so verehrt wird." Das ist Bischof Liborius, dessen Gebeine, so Reinhardt, "in einem Erker des Doms von Le Mans ein Schattendasein führten". Ein Trupp zieht los, die Reliquie zu holen, "auf dem Rückweg soll ein Pfau vorausgeflogen sein und die Richtung gewiesen haben". Als man Paderborn endlich erreicht, stürzt der Vogel tot vom Dach des Doms, völlig entkräftet.

Der heilige Liborius wird noch heute jeden Juli neun Tage lang gefeiert. Acht Handwerksmeister in brokatenen Gewändern schultern den goldenen Schrein mit den sterblichen Überresten und tragen ihn stundenlang durch die Stadt. Zu Libori 2014 kamen 22 Bischöfe aus aller Welt und 1,7 Millionen Besucher, um zu beten und zu trinken. Wenn das keine Fankultur ist!

Paderborn kann also feiern. "Partyborn", sagen sie selber. Oder "Paderborn to be wild", was auch ein guter Werbeslogan wäre, würde die Stadtreinigung nicht schon morgens um vier beginnen, alle Spuren der Ausschweifung rückstandslos zu tilgen.Tatsächlich hat sich die Stadt gerade ein neues Motto gegeben, vorletzte Woche wurde es vorgestellt: "Paderborn ist erstklassig". Das soll auf große Schilder geschrieben und an die Autobahn gestellt werden, damit nun nicht mehr so viele vorbeifahren. Fußball ist nämlich das Thema, auf das die Paderborner jetzt immer angesprochen werden, eine ganz neue Erfahrung.

Ein Pfarrer sprach das Segenswort und sprengte den Rasen mit Weihwasser

Die Stadtverwaltung stützt die 130.000 Euro teure Kampagne mit fußballnahen Argumenten. Eines lautet: "Perfektes Mannschaftsspiel. Wir sind 146.000 – und Paderborn wächst und wächst." Wie um das Rätselhafte dieser Aussage noch zu steigern, folgt eine Aufzählung der Bevölkerungsgruppen, in der die "ca. 9.000 Briten" und "7.203 Einwohner mit zweitem Wohnsitz" nicht fehlen dürfen. Auf dem Platz würde man wohl sagen: "Wat is dat denn?"

Einer, der am Konzept der Imagekampagne zweifelt, ist der emeritierte Sozialwissenschaftler Arno Klönne. Der 83-Jährige ist als Junge aus Bochum in die vom Krieg zerstörte Stadt gekommen. Paderborn, sagt er, der alte Linke, sei nie so einfarbig gewesen, wie es immer dargestellt werde. "Der Marxist Karl Liebknecht hat sich in seiner Referendariatszeit hier sehr wohlgefühlt. Der interessanteste Kritiker der katholischen Kirche, Eugen Drewermann, lebt und lehrt in Paderborn."