Böen werfen uns mit voller Wucht zur Seite, Eiskristalle wirbeln ins Gesicht. Ich friere. Minus zehn Grad, im Hochsommer. Giancarlo, mein Bergführer, hat mich ans kurze Seil genommen. Die Höhenluft nimmt mir den Antrieb. In Zeitlupe kämpfen wir uns voran, der letzte Anstieg, 4.510 Meter über dem Meer. Dann taucht vor uns aus dem eisigen Nebel das Ziel auf: die Capanna Regina Margherita, das am höchsten gelegene Gebäude Europas.

Eine Schutzhütte stellt man sich heimelig vor. Diese hier wirkt abweisend wie eine Festung. Über 3.000 Höhenmeter bin ich hinaufgestapft. Nun faucht mich der Wind an, zischt und heult um die Capanna, diesen kupferbeschlagenen Holzkasten, dem alle Erhabenheit fremd ist. Und hier, ausgerechnet hier soll ich die Stille flüstern hören?

Alagna Valsesia, zwei Tage zuvor, drei Kilometer tiefer, dreißig Grad wärmer. Der Campingplatz des Bergdorfs im Piemont ist ausgebucht. Italien bereitet sich auf ferragosto vor, Mariä Himmelfahrt, einen der wichtigsten Feiertage, Wendepunkt des Sommers. Ich habe einen Campingtisch beiseitegeschoben und den letztmöglichen Platz für mein Zelt ergattert. Kinder cruisen auf Bonanzarädern über den Schotter. Ein paar Niederländer hört man, kaum Deutsche. Italiener sitzen auf Klappstühlen vor Holzkabuffs, unter deren Fenstern Geranien blühen. Es riecht nach verbranntem Holz und Grillfleisch.

Direkt hinter meinem Zelt rauscht die Sesia, gletscherkalt und reißend, gespeist aus dem Eis des Monte-Rosa-Massivs, das bis weit in die Schweiz reicht. Ich blicke hinauf. Irgendwo ganz weit da oben entspringt sie, und dort müsste auch mein Ziel zu sehen sein, die Signalkuppe. Der Berg ist mit seinen 4.554 Metern der vierthöchste der Walliser Alpen. Auf seiner Spitze steht die Margherita-Hütte, benannt nach jener italienischen Königin, die einer Pizza ihren Namen gab. Aber wie so oft hängt eine Wolkendecke über Alagna. Kein einziger Viertausender zeigt sich, nur Hänge, die sich im Nebel verlieren. Weiß, grau, weiß, weiß. Da will ich rein, da will ich sie aufspüren: die besondere Ruhe, die mit der Höhe kommt.

Weil die Aussicht nichts zu bieten hat, blättere ich in meinem Roman. Max Frisch kommt mit zur Capanna, ein Frühwerk, Antwort aus der Stille: Junger Typ in existenzieller Krise begibt sich in den Kampf mit dem Berg und sich selbst und hofft darauf, dass ihm die Stille dort oben irgendwie den Sinn des Lebens mitteilen werde. "Es ist, als löse sie alles Denken auf, diese Stille, die über der Welt ist. Man hört nur noch sein eigenes Herz, das klopft, oder mitunter den Wind, der in den Ohrmuscheln saust. Und wenn einmal eine schwarze Dohle um die Felsen segelt und wieder mit heiserem Schrei entschwindet, immer bleibt diese einsame Stille zurück, die um alles Leben ist und jeden Aufschrei verschluckt, als sei er nie gewesen, diese namenlose Stille, die vielleicht Gott oder das Nichts ist." Alles klar, gefällt mir, genau die suche ich. Ich massiere Voltaren in meine von der Vorbereitungstour geschundenen Knie und freue mich auf Gott und das Nichts.

Am nächsten Morgen liegt der Campingplatz stumm da. Feucht und kühl ist Tau in die aufgehängte Wäsche gekrochen. Immer noch drängen Wolken ins Tal. Wenige Hundert Meter entfernt strahlen die Drahtseile der Bergbahn ins Weiß. Bis auf 2.975 Meter rauschen die Stahlkabinen in drei Etappen hinauf. Diese Bequemlichkeit macht das Monte-Rosa-Massiv so beliebt. "Zehn Viertausender in einer Woche", werden manche Touren beworben. Ich schlage die andere Richtung ein, zu einer Gruppe von Walserhäusern aus dem 14. Jahrhundert, wo die ursprüngliche, kaum noch begangene Route zur Gnifetti startet. Etwas versteckt hinter einem Gebüsch beginnt mein Weg.

Der Pfad nach Otro schlängelt sich um Buchen und Fichten steil den Hang hinauf, ich wandere über Wurzeln und lose Steine. Es ist schwül, um die zwanzig Grad, und ich schwitze. Selten schallt aus dem Tal noch ein Laut Leben herauf, nur die Sesia bleibt als leises Hintergrundrauschen. Ich laufe langsamer, lausche hinein in meine eigene Ruhe. Erstaunlich schnell hat sie sich eingestellt – "als könne man die Zeit hören, wie sie von den Bäumen tropft, in lauter Augenblicken zertropft", schreibt Frisch.

Nach einer knappen Stunde komme ich in Otro an. Sorgsam restaurierte Bauernhäuser gruppieren sich um eine kleine weiße Kapelle. Wie eine Tarnung überwächst Gras manche der steingedeckten Häuschen, die ohnehin schon mit ihrer Umgebung verschmelzen. In kleinen Gärten wächst Salat und am Wegesrand wilder Rhabarber.

Als ich den Passo Foric erreiche, rauscht nicht mal mehr der Bach. Nur ein paar Steinböcke und ich steigen stumm durch den Nebel. Doch die Zivilisation lässt mich nicht lang allein. Als ich den Pass auf 2.432 Metern überquere, dröhnen die Motorengeräusche der Pianalunga-Seilbahn über die karge Landschaft, die weder Berg ist noch Tal.

Noch weiter oben, am Passo dei Salati auf knapp 3.000 Metern, erwartet mich eine Mondlandschaft. Gewaltige Felsbrocken liegen im Dunst. Als sei die Erde hier noch im Rohbau. Über dem Schotterpfad, der von einer Seilbahn zur nächsten führt, schützen Sicherheitsnetze vor Steinschlag. Astronauten gleich stapfen Bergsteiger durchs Geröllfeld. Vorbei an Paletten mit Nahrungsmitteln, für die Helikopter zur Abholung vertäut.