Er ist jetzt wieder zu Hause, in Deutschland. Er hat sich erholt von seinem hohen Fieber, von der schweren Infektion. Er arbeitet wieder in einem deutschen Krankenhaus, das er als so grotesk gut ausgestattet empfindet, dass er es nicht begreifen kann. Er sitzt in Lehrveranstaltungen, in denen von Ebola gesprochen wird, als sei die Seuche "so fern wie der Erste Weltkrieg". Dabei war sie bis vor Kurzem noch Alltag für den 23-jährigen Medizinstudenten Nicolas Aschoff, eine konkrete Lebensgefahr für ihn und seine beiden Kommilitonen Till Eckert und Simon Scheiblhuber.

Zu dritt fliegen die angehenden Ärzte im Juli nach Sierra Leone. In der Provinzhauptstadt Makeni wollen sie eine Famulatur absolvieren. Doch das Praktikum wird zum Ernstfall, und aus drei Medizinstudenten im sechsten Semester werden Helfer, die sich fast im Alleingang nicht nur einer der gefährlichsten Seuchen der Welt stellen müssen, sondern einer noch viel größeren Bedrohung: der Angst.

Dabei beginnt alles ganz normal. In der Klinik in Makeni arbeiten sie zunächst in einer Station für unterernährte Kinder. Ebola scheint noch weit weg. Doch die Gefahr kommt rasch näher. Erste Meldungen über Fälle in der Umgebung machen die Runde. "Jederzeit konnte der erste Patient mit Verdacht auf Ebola auftauchen", erzählt Aschoff.

Also gehen sie zu einem der leitenden Ärzte der Klinik, verlangen Vorsichtsmaßnahmen, einen Wachposten an der Eingangspforte, der Ausschau hält nach möglichen verdächtigen Patienten. Der Arzt zeigt sich einsichtig, sagt, die Klinik müsse sich vorbereiten, natürlich. Doch nichts geschieht.

Nur die Angst wächst, diese riesengroße Furcht, die sich noch viel schneller verbreitet als die eigentliche Seuche. Anfangs sei Ebola für die Menschen eine politische Lüge der Regierung gewesen, die so an Geld für die Entwicklungshilfe kommen wolle, berichtet Aschoff. Oder eine Erfindung der westlichen Pharmakonzerne, die ihre Medikamente verkaufen wollten. Die Stimmung wird aggressiv, als die ersten Menschen sterben.

Auf einmal heißt es, die Weißen hätten Ebola gebracht. "Die Leute in der Stadt sind vollkommen ausgerastet", sagt Aschoff.

Sie schreien ihm und seinen beiden Freunden "Ebola, Ebola" hinterher, wenn sie durch die Straßen gehen. "Wir waren auf einmal schuld an der Seuche." Tage zuvor noch haben die Afrikaner bloß "Apoto, apoto" gerufen, "Weißer Mann".

Auch in der Klinik macht sich Angst breit. Personal erscheint nicht mehr zum Dienst, der leitende Arzt, sagt Aschoff, habe "fluchtartig die Klinik verlassen". Die drei Studenten müssen sich entscheiden: Entweder sie reisen ab und bringen sich in Sicherheit – oder sie nehmen die Sache selbst in die Hand. Sie beratschlagen. Sie sind Studenten im sechsten Semester, ohne jede Erfahrung in der Bekämpfung einer der gefährlichsten Seuchen der Welt. "Wenn wir abgereist wären, wären wir genauso davongelaufen wie so viele andere", sagt Aschoff.

Inzwischen hat sich die Angst so weit verbreitet, dass auch viele westliche Hilfsorganisationen ihre Helfer abziehen, "gerade in dem Moment, in dem sie am dringendsten gebraucht wurden". Krankenhäuser werden geschlossen. Auch Menschen, die nicht an Ebola erkrankt sind, bekommen keine Hilfe mehr. "Ich bin der festen Überzeugung, dass viele Menschen dort nicht an der Seuche sterben, sondern an den Folgen der Angst – weil sie nicht mehr behandelt werden", sagt Aschoff. Viele Krankenhäuser in Sierra Leone sind inzwischen dichtgemacht worden.

Die drei Freunde entscheiden sich zu bleiben, zu helfen. Sie wollen das Klinikpersonal schulen: Die Menschen dort sollen nur noch Respekt vor der Krankheit haben, keine Angst mehr. Doch wie sollen die drei das anstellen? Wo sollen sie Beistand bekommen, Erfahrung sammeln?

Sie schauen sich dort um, wo Ärzte sich auf die Seuche eingestellt haben. In einer Klinik, nur ein paar Stunden entfernt, haben die leitenden Ärzte, ein Niederländer und ein Engländer, mit einfachen Mitteln ein Isolierzimmer für Verdachtspatienten eingerichtet. "Da sind wir hin und haben uns das erklären lassen", sagt Aschoff. Nur ein paar wenige Dinge reichen für eine Isolierstation: Plastikplanen, um hochinfektiöse Patienten von denen zu trennen, bei denen nur ein Verdacht besteht. Eimer, in die man Chlorwasser füllt, um die Schuhe beim Betreten und Verlassen der Räume zu desinfizieren. Ganzkörperschutzanzüge und Gummistiefel.

In ihrer Klinik wird ihnen zumindest ein Gebäude zur Verfügung gestellt, um ihre Ebolastation aufzubauen. Sie kommen schnell voran, am dritten Tag sind sie fast fertig. Als sie mit den Schulungen beginnen wollen, ist der Ernstfall bereits eingetreten. Einige Patienten zeigen eindeutige Symptome, sie müssen sofort auf die neue Station verlegt werden. Es ist eine Mutter mit ihren Kindern, eines davon ist bereits tot. Die Familie wird isoliert, einzig die Mutter zeigt noch keine Symptome. Doch auch sie ist schon nach wenigen Stunden nicht mehr ansprechbar. Ein Bluttest bestätigt den Verdacht: Ebola. "Hätte es die Isolierstation nicht gegeben, die Folgen wären katastrophal gewesen", sagt Aschoff. In der Klinik stehen die Betten nur wenige Zentimeter auseinander, in einem Raum befinden sich bis zu 45 Patienten. "Die Familie hätte das ganze Krankenhaus infiziert", vermutet Aschoff.