Die einzigen Menschen, die man noch ungestraft beschimpfen darf, sind Studenten. Simon Kerbusk findet diese Pauschalkritik unerträglich. Eine Polemik

Die Studenten von heute sind charakterlos, desinteressiert, unreif und faul. Darf man das so sagen? Selbstverständlich. Pauschale Urteile über gesellschaftliche Gruppen mögen aus der Mode gekommen sein, aber wer sich über "die Studenten" und ihr Wesen äußert, muss keinen Shitstorm fürchten.

Im Gegenteil. "Die Studenten" mit schlichten Formeln zu deuten hat gerade mächtig Konjunktur – noch besser ist nur, Teenager, Abiturienten, Studenten und Berufsanfänger großzügig zu einer Gruppe zusammenzurühren und von "der Jugend" zu sprechen. Damit gemeint sind dann irgendwie alle zwischen 13 und 33. In immer neuen Sachbüchern werden zurzeit Etiketten für diese Gruppe produziert: Generation Doof, Generation Porno, Generation Facebook, Generation "Gefällt mir", Generation Ego, Generation Maybe – es reicht, oder?

Besonders umfangreich ist die Literatur zur sogenannten Generation Y – das sind die nach 1980 Geborenen, sie folgen der Generation X, und, kein Witz, als Nächstes kommt die Generation Z (es bleibt abzuwarten, ob es danach vorne im Alphabet wieder losgeht oder ob erst einmal Umlaute und Sonderzeichen herhalten müssen). Wie die Generation Y so tickt, was sie will und wie man mit ihr umgehen muss – Titel, die das erklären, gibt es im gut sortierten Buchhandel zuhauf. Kernbotschaft: Die Generation Y tritt schon im Bewerbungsgespräch auf wie Graf Koks und diktiert der Wirtschaft jetzt ihre Regeln, worunter sie vor allem reichlich Freizeit und Work-Life-Balance versteht.

Einen noch überheblicheren Ton schlug die Frankfurter Allgemeine Zeitung an, als sie im Juli sieben Autoren jeweils einen eigenen "Weckruf" für Uni-Absolventen verfassen ließ. Darin ist die Rede von mangelndem Widerstandsgeist, von einem "Übermaß an Schleim", der sich "in jungen Hirnen festgesetzt" habe, von "Grottenolmen", die vor lauter Stress kein Tageslicht mehr sähen, von der "Unfähigkeit, eine Haltung einzunehmen", oder von Praktikumsbewerbern, die "kurze Schwadronierpausen" einlegten, "als wollten sie ihren eigenen dünnen Gedanken noch ein wenig Substanz ablauschen".

Im Spiegel schilderte der Redakteur Ralf Hoppe kürzlich, wie er in seiner Jugend ständig löchrige Tennissocken getragen habe, sein 18-jähriger Sohn dagegen trage Tennissocken zum Tennis, "ansonsten kleidet er sich wie ein 42-jähriger Fachanwalt für Vertragsrecht (das will er werden)". Das Leistungs- und Effizienzdenken seines Sohnes sei übrigens typisch, meint Hoppe: "Seine Freunde, glaube ich, sind wie er, sie feiern auch systematisch, ich schätze, sie machen einen Plan, arbeiten dann eins, zwei, drei die Getränke weg."

Kein Rückgrat, keine Substanz, und nicht mal richtig feiern können die? Wer solche Prosa liest, muss sich davor fürchten, was in Zukunft aus der Gesellschaft wird. Vielleicht denkt man nicht gleich: Das Abendland geht unter. Vielleicht bloß: Deutschland schafft sich ab.

Wie sehr das Pöbeln über die Studenten zum Mainstream gehört, hat ZEIT ONLINE kürzlich gezeigt: Wer ins Suchfeld von Google einzelne Wörter eingibt, dem empfiehlt der Algorithmus eine Vervollständigung, basierend auf häufigen Suchanfragen. Tippt man "Studenten sind" ein, dann lauten die Vorschläge: dumm, faul, was Besseres, doof, Schmarotzer, mit der Miete überfordert.