Bekannt geworden ist Georg Seeßlen vor allem mit filmhistorischen Büchern und Filmkritiken, die er auch für diese Zeitung schreibt. Zusammen mit Markus Metz hat er nun seinen so streng analytischen wie polemischen Blick auf den Kunstmarkt geworfen. Diese Woche erscheint bei Suhrkamp ihr Band "Geld frisst Kunst – Kunst frisst Geld" (496 S., 20,–€)

DIE ZEIT: Im vorigen Jahr sind die Umsätze auf dem globalen Kunstmarkt wieder enorm gestiegen. Zeitgenössische Kunst wird für Rekordsummen verkauft. Eigentlich erfreuliche Nachrichten.

Georg Seeßlen: Wenn einige Superreiche Lust haben, ihre Gemälde für immer noch ein paar Millionen Euro mehr hin und her zu schieben, ist das sicherlich nicht das Problem. Problematischer ist, dass der überhitzte Kunstmarkt die allgemeinen Vorstellungen vom Wert der Kunst verändert. Die Frage, was Kunst ist, wird immer häufiger nur in Dollarzeichen beantwortet. Das Geld hat sich eine Definitionsmacht über die Kunst geschaffen. Dadurch geht die Kunst ausgerechnet jenen Menschen verloren, die diese gut brauchen könnten, um ein wenig Glück zu erfahren.

ZEIT: Aber es besuchen doch immer mehr Menschen Kunstausstellungen?

Seeßlen: Mit den größeren Kunstausstellungen verhält es sich wie mit gewissen Alpentälern: Sie gehen kaputt, weil viel zu viele Leute mit viel zu vielen Apparaten sich unbedingt darin amüsieren wollen. Es ist lange her, dass ich in einer solchen Ausstellung das Gefühl hatte, der Kunst auf Augenhöhe, in einem freien Dialog zu begegnen und nicht in einer Art räumlicher TV-Dramaturgie.

ZEIT: Warum steigen die Preise für die ganz teure Kunst immer weiter?

Seeßlen: Wir haben bei der Recherche zu unserem Buch mit vielen Protagonisten des Kunstmarkts gesprochen, und wir bekamen zu dieser Frage eine Mischung aus vernünftigen und völlig irrationalen Gründen geliefert. Nur die Kunst sei eine Ressource, die ihren Wert vollkommen frei bestimmen könne, ohne Rückbindung an Arbeit oder aan demokratische Prozesse der Wertbestimmung, lautet eine Erklärung. Da werde Kapital durch Kunst einfach erfunden – und das ist schon immer der feuchte Traum dieses Finanzkapitalismus gewesen. Eine andere häufige Erklärung verweist auf die oligarchische Szene der Kunstsammler, die sich als Gruppe so verhalte wie Paviane auf dem Affenfelsen. Da würden Bilder nicht aus dem Gefallen am Werk gekauft, sondern als Beweis, dass man noch ein paar Millionen mehr dafür ausgeben könne. Ein drittes Erklärungsmuster sieht eine immer weiter um sich greifende Vernetzung von Interessen in diesem Feld, durch die einige Marktkategorien ausgehebelt werden. Das führe dann zuweilen auch zu Betrugsskandalen …

ZEIT: Wie etwa jüngst im Fall des wegen Betrugsverdacht in Untersuchungshaft sitzenden, seine Unschuld beteuernden Helge Achenbach.

Seeßlen: Wobei mir solche schillernden Figuren nicht ganz unsympathisch sind. Viel schlimmer sind die Strukturen, durch die auch die Künstler zu Betrogenen werden.

ZEIT: In welcher Hinsicht?

Seeßlen: Jeder Künstler hat eine bestimmte utopische Beziehung zu seinem Werk. Und unsere Hoffnung ist, dass die Künstler nicht nur reich werden wollen, sondern der Welt auch etwas zu sagen oder sogar zu schenken haben. Das Narrativ, dass die Kunst immer schon die Freiheit der nächsten Generation ausdrückt, verschwindet aber. Das neue Narrativ der Kunst – etwa in der Werbung von Banken für Kunstanleihen – ist die Riesenrendite.

ZEIT: Betrifft das nicht nur die globale Spitze des Kunstmarktes?

Seeßlen: Es gibt Galeristen, die man nur als Helden und Heldinnen bezeichnen könnte. Die mit Herzblut und Selbstausbeutung arbeiten, weil sie für die Sache der Kunst brennen. Das Normale dagegen ist der Kompromiss; man versucht, sich zu arrangieren, um eine ökonomische Basis für das zu bekommen, was man eigentlich will: neue Kunst zu entdecken und zu vermitteln. In einem geschlossenen, hegemonialen und intransparenten System sind Kompromisse allerdings vor allem Fallen, die sich oft genug als tödlich erweisen, entweder ökonomisch oder moralisch. Galeristen machen dieselbe Spaltung durch wie die Kunst: Der Graben zwischen den Gewinnern und der Masse des Prekariats wird immer tiefer.

"Nur Finanzmanager und Künstler können aus Scheiße Geld machen"

ZEIT: Der Schauspieler und Kunstsammler Steve Martin schrieb einmal, dass die besten Kunstwerke auch die teuersten seien.

Seeßlen: Das stimmte bis zu einer gewissen Entwicklung. Kunst funktionierte ja nur, weil es einen Kunstbetrieb und einen Diskurs dazu gab, weil die Leute sich über die Qualität der Kunst die Köpfe heißredeten. Was den Markt dann erreichte, war so viel bearbeitet und diskutiert worden, dass man den ökonomischen Wert dieser Kunst in ein lineares Verhältnis zu ihrem diskursiven Wert setzen konnte. Wenn sich die Gesellschaft darauf geeinigt hatte, dass ein Bild schön ist, kam Dagobert Duck und wollte es kaufen. Aber diese Harmonie hat sich verändert. Jetzt bestimmt der Kunstmarkt allein, was schön ist. Reiche Menschen können sich den Diskurs zu ihren Sammlungen leisten, sie haben Privatmuseen mit eigenen Kuratoren …

ZEIT: Und bezahlen Kritiker, die ihnen Katalogtexte schreiben.

Seeßlen: Wir stecken alle in einem Abhängigkeitsverhältnis. In den vergangenen Jahren hat sich dieses System der Abhängigkeiten noch verschärft.

ZEIT: Die Auktionen seien heute oft Karikaturen des kriminellen Spiels des Finanzkapitalismus, schreiben Sie. Können Sie das belegen?

Seeßlen: Die Vorstellung etwa von der Auktion als offenem Bietgefecht stimmt nicht mehr. Vor den Auktionen werden die teuren Bilder per Garantieabsprachen bereits an Interessenten verkauft. Nur falls dann jemand noch mehr bietet, kommt es zu einem realen Bietgefecht. Dabei wird der Garantiegeber aber an dem Erlös über der Garantiesumme beteiligt, auch wenn er selbst schließlich der Meistbietende ist. Man kann als solcher Spieler nicht mehr verlieren, so als hätte man beim Roulette ein paar Nummern zugeklebt.

ZEIT: Was unterscheidet den Kunstmarkt strukturell vom Film- oder Buchmarkt?

Seeßlen: Das Buchgeschäft funktioniert genau andersherum, der Verleger muss sein Produkt möglichst massenhaft auf den Markt bringen. Alles Elitäre und Exklusive ist ein Zuschussgeschäft. Ähnlich verhält es sich mit dem Autorenfilm, der in den nationalen Kinematografien eigentlich nur künstlich am Leben gehalten wird. In den sechziger Jahren versuchte man auch auf dem Kunstmarkt, Barrieren abzubauen, ein breites Publikum zu finden. Das hat offensichtlich nicht funktioniert, stattdessen wurde die Kunst in der Folge vollkommen als Luxusobjekt fetischisiert.

ZEIT: Warum werden heute Millionensummen etwa für bestimmte Bilder von Richard Prince ausgegeben, die scheinbar völlig mühe- und gedankenlos entstanden sind?

Seeßlen: Sammler der alten Schule, die sich in ihre Salons Bilder der Symbolisten oder Expressionisten hängten, Kunst also, die sie vielleicht sogar anklagte – das waren mutige Menschen. Sie ähnelten Großwildjägern, die Elefantenköpfe sammelten, nach dem Motto: Ich habe mit der Gefahr gespielt und kontrolliere sie. Der traditionelle bürgerliche Sammler spürte die Energie, die in der gefährlichen Kunst steckte, und versuchte sie sich anzueignen. Die Harmlosigkeit der postwarholschen Oberflächenkunst, die, historisch gesehen, auch eine Provokation war, liegt in der Natur eines neuen Sammlertyps, der keine Gefahr mehr sehen möchte, der nur noch die vollständig unterworfene Kunst sammeln will. Kunst, die schon kapituliert hat, bevor er sie in Besitz genommen hat.

ZEIT: Die Reichen und Mächtigen wollen nicht mehr erniedrigt werden von den Künstlern?

Seeßlen: Die Phase, als sich reiche Unternehmer noch ein Bild von Kippenberger kauften anstatt zur Domina zu gehen, ist vorbei. Heute werden Punkte gejagt. Damien Hirst stellte 2012 in den weltweit elf Galeriefilialen von Larry Gagosian gleichzeitig seine Punktbilder aus. Die Sammler, die damals alle Filialen von New York bis Hongkong besuchten, bekamen ein Spot Painting als Gratisdruck. Das ist die völlig unterworfene Kunst.

ZEIT: Gibt es eine Blase auf dem Kunstmarkt? Und wenn ja: Wann platzt sie?

Seeßlen: Kann man einen Markt so einrichten, dass die Blase wirklich bis ins Unendliche wächst? Das ist wohl nur in der Science-Fiction möglich. Aber der Gedanke eines stetig wachsenden Markts, einer Wertschöpfung aus dem Nichts heraus, macht den Kunstmarkt für die Protagonisten des Finanzmarktes so spannend. Deshalb vergleichen die sich oft mit den Künstlern. Wenn man es drastisch ausdrücken will: Nur Finanzmanager und Künstler können aus Scheiße Geld machen.

"Kunst kann die Menschen auf Irrwege führen"

ZEIT: Wie könnte eine Revolte gegen die von Ihnen beschriebenen Missstände aussehen?

Seeßlen: Unter den Künstlern gibt es ganz viele Ansätze, das Spiel transparenter zu machen und zu verändern oder sogar woanders neu anzufangen. Sie sind nur fatalerweise, wie bei Künstlern üblich, sehr individualistisch. Sie führen zu einzelnen Überlebensprojekten, aber sie haben keine gesellschaftliche Relevanz. Das hängt damit zusammen, dass auch die Kritik ihre Rolle in diesem Spiel noch nicht ernst genug nimmt. Kritik ist ein Teil dessen, was Kunst in einer Gesellschaft bedeutet. Wenn die Künstler und die Menschen, die tatsächlich Kunst brauchen, wieder zusammenfinden, ist mir überhaupt nicht bange.

ZEIT: Und wer braucht die Kunst?

Seeßlen: Im utopischen Sinne: alle. Subjektiv gesehen: Menschen, die sich um das eigene Leben betrogen fühlen, die das Gefühl der Bremer Stadtmusikanten teilen: Etwas Schöneres und Besseres als das, was wir hier haben, das finden wir allemal. Und dann machen sie sich auf den Weg. Wohin, das weiß man nicht. Die Kunst kann die Menschen in Sackgassen und auf Irrwege führen. Sie kann in Tragödien enden. Aber etwas zu tun ist besser, als es so zu lassen, wie es ist.

ZEIT: Kaufen Sie eigentlich selbst Kunst?

Seeßlen: Nein. Aber ich bekomme sie manchmal geschenkt.