Fort Worth, Texas: Auf nach St. Louis (Foto von Charles O'Rear, 1974).

Der Staubsauger dröhnt in die schläfrige Stille. War nicht gerade noch St. Louis eine einzige lärmende Party; man selbst umgeben von rot gekleideten Cardinals-Fans, die im Baseballfieber durch ihre Stadt taumelten? Hier aber, im Bus-Terminal kurz nach Mitternacht, herrscht die Intimität eines Familienwohnzimmers. Die dunkelhäutige Putzfrau, die Haare zum hohen Afro toupiert, summt vor sich hin. Ein Reisender kommt in Pantoffeln aus der Toilette. Ein anderer schnarcht, die Beine auf eine Art Kühlkiste gelegt. Nur am Schalter flüstert der Angestellte mit einer älteren Frau im pinkfarbenen Kleid. Über dem Logo hinter ihm an der Wand, der silbernen Silhouette eines langgestreckten Windhunds, hängt eine Kette aus goldenen Papierbuchstaben: "Happy Anniversary".

Der Jubilar ist der Greyhound – Amerikas größtes Fernbusunternehmen, das vor 100 Jahren gegründet wurde. 1914 begann der schwedische Immigrant Carl Eric Wickman in Hibbing, Minnesota, Minenarbeiter mit seinem Siebensitzer zur Arbeit zu fahren – für 25 Cent hin und zurück. Doch schon nach 1929 transportierte das Unternehmen, das sich jetzt Greyhound nannte, Reisende zwischen Ost- und Westküste. Als Claudette Colbert 1934 im Film Es geschah in einer Nacht per Greyhound vor ihrem Vater floh, weil der ihren Ehemann nicht akzeptierte, wurde der Bus zum Symbol für radikalen Aufbruch, Unterwegssein und Neubeginn. Und im Laufe der Jahrzehnte schrieben Filme und Songs wie Simon & Garfunkels America die romantische Geschichte vom Abenteuer der Straße weiter und weiter. Die Backpacker kamen in Scharen, 99 Tage für 99 Dollar, um die Leichtigkeit des Seins zu erleben.

Heute, in Zeiten von Inlandflügen und unzähligen Privatautos, rennt der Windhund noch immer. Er ist unschlagbar, wenn es um billiges Reisen geht. Doch funkelt auch sein Mythos noch? Um das herauszufinden, will ich mit ihm nach Westen fahren, von St. Louis, Missouri, nach Albuquerque, New Mexico. Eine knapp 1.700 Kilometer lange Route durch das ländliche Amerika, an der keine großen Sehenswürdigkeiten liegen. Schließlich geht es ums Unterwegssein und Entdecken. Und wo ginge das besser als auf einer unbekannten Strecke?

Die Klimaanlage des blau-silbernen Busses, der vor dem Terminal steht, springt an. Mit bedächtigen Bewegungen lädt der Fahrer das Gepäck in den Bauch des großen Tieres, darunter gewaltige Koffer; der Windhund ist zugleich auch Packesel. Ich steige ein und freue mich, dass der Bus mit neuen Ledersitzen aufgehübscht ist. Dazu gibt es eine Toilette – Greyhound befriedigt zumindest Grundbedürfnisse.

Oder doch nicht? Schlafen, merke ich ein paar Stunden später, wird schwierig. Die Sitze sind kaum verstellbar, die Luft zum Atmen muss für fünfzig Leute reichen. Ein Kind weint sich in den Schlaf. Glücklich, wer ein Hoodie angezogen hat: In den Kapuzenpulli vergraben und mit Knöpfen im Ohr, ziehen viele Reisende sich in ihre Kleinst-Privatsphäre zurück. Während draußen ein Schild von Buffalo Wild Wings durch die Nachtschwärze leuchtet, falte ich meine Beine zum fünfzigsten Mal anders, sage mir: Wer Abenteuer will, muss Provisorium akzeptieren. Dann muss ich doch eingeschlafen sein, denn auf einmal fällt fahles Morgenlicht auf die Hoodies. Draußen hängen die Wolken über Missouri. Endlose Wiesen und Weiden, der bleierne Himmel von Strommasten zerschnitten, hin und wieder verstreute Dörfer.

Eines ist Joplin. Erst drei Jahre ist es her, dass hier 8.000 Gebäude in nur 20 Tornado-Minuten zerstört wurden. Beim Durchfahren sieht man bloß eine trostlose Ansammlung grauer Häuschen. Tja, das ist wohl jenes Amerika, das man entdeckt, wenn man auf unbekannten Strecken unterwegs ist. Wir halten an einer Greyhound-Raststätte am Ortsrand, der zweite Pausenstopp innerhalb sechs Stunden Fahrt. Ich stolpere aus dem Bus, zusammen mit anderen übernächtigten Figuren. Die Raststätte ist ein graublaues Häuschen, darin Sitzreihen, gut gepflegte Waschräume – aber andere Bedürfnisse sind jetzt vordringlich. Eine Schlange bildet sich vor einem Tresen, an dem Nackenkissen, Chips, Saft und M&Ms verkauft werden. Cracker and candy, that’s it – mehr als Knabberkram gibt es hier nicht zu essen. Da kann man nur leer schlucken.

Unser Fahrer Mark, weiße Haare und weißer Schnauzer, hat sich einen Kaffee geholt und läuft zurück zum Bus. "Ich war schon in den siebzigern für Greyhound unterwegs", erzählt er, während die Leute wieder einsteigen. "Damals fuhren wir noch auf der Route 66 von Ost nach West." Bevor die großen Interstates gebaut wurden, rollten die Busse auf Überlandstraßen – die berühmteste war die 66 von Chicago nach Los Angeles, vom Schriftsteller John Steinbeck auch "mother of the roads" genannt. "Man ist auf den Interstates schneller", sagt Mark, "trotzdem mochte ich die Überlandstraßen lieber. Sie waren romantischer und abwechslungsreicher." Er erzählt von den vielen Motels und Diners damals am Straßenrand. Für die meisten kam mit den Interstates das Aus – und auch von der Route 66 sind heute nur noch kurze Teilabschnitte übrig.

Von Oklahoma City sehen wir lediglich die Raststätte und Hochhäuser in der Ferne. Greyhound hält fast überall bloß am Ortsrand. Mark packt seine Tasche, er hat Schichtende. Die Raucher lassen sich vor der Raststätte auf dem Bordstein nieder, bevor es mit einem anderen Bus und Fahrer weitergeht. Josh, ein junger Typ mit blondierten Rastazöpfen, dreht seiner Freundin Danny eine Zigarette. Er ist unterwegs nach Albuquerque, will dort Psychologie studieren. Robin, eine alterslose Lady mit Cowboyhütchen auf dem Afro und zerrissenen Jeans, ist länger unterwegs, bis nach San Diego. Ist das nicht eine weite Tour, von Chicago aus? Kerzengerade richtet sie sich auf. "Ich reise mit Greyhound, seit ich ein Jahr alt bin – yes, mam", sagt sie und schießt einen strengen Blick aus schwarzen Augen auf mich, als käme kein anderes Verkehrsmittel je infrage. Dann bläst sie genervt Zigarettenrauch zu ihrem Freund hinüber. Denn eine Mitreisende mit wirren Haaren erzählt für alle vernehmlich, wie froh sie sei, dass ihre Eltern gestorben sind, bevor sie zu Pflegefällen wurden: "Muss ich sie nicht leiden sehen, oder?" Meine Reisegefährten sind ein buntes Völkchen billig Reisender mit teils schwerem Gepäck. Unvorstellbar, dass sich ein Manager im Anzug hierher verirren könnte. Auch ausländische Touristen treffe ich keine, an Bord sind nur Amerikaner.