Wenn es draußen rummst und scheppert, sitzen die Vereinsbosse und ihre Erfolgskletten aus der Kommunalpolitik schon in der verglasten Stadionloge und bereiten sich bei Häppchen und lecker Bierchen gewissenhaft aufs Spiel vor. Ihr Wagen steht sicher im Parkhaus auf dem reservierten Platz, die schnelle Anfahrt über die Sonderspur hat, weil von der Polizei gesichert, tadellos funktioniert. Der Fanschal liegt lässig auf der Anzugjacke.

Mit der verschwitzten Welt draußen haben sie nichts zu tun. Sie müssen sich nicht von anabolischen Steroiden abtasten lassen, müssen nie länger warten, als die Halbzeitpause dauert, um an eine frische Brause zu kommen, müssen sich nicht, durch Pfützen watend, einen Platz am Klo erkämpfen und haben noch nie auf dem zähen Heimweg in einem vollgestopften Zug ihr Trikot versteckt, weil der hüpfende Anhänger-Mob des Spieltagsgegners soeben rituell angekündigt hat, Andersfarbigen den Schädel einzuschlagen. Die Vereinsbosse und Kommunalpolitiker wissen, dass es diese Welt da draußen gibt, aber sie verstehen sie nicht. Sie wollen nur ein bisschen Stimmung und ansonsten ihre Ruhe. Und dass bei Krawall jemand anderes dafür bezahlt.

Dieser andere ist aus Sicht der Vereine der Staat. Die öffentliche Sicherheit sei dessen Sache, der Fußball veranstalte Spiele, keinen Krawall. Aus Sicht der Politik ist dieser andere die Millionenmaschine Fußball, die den Krawall als Abfallprodukt erzeugt und für die Entsorgung zuständig ist. In Bremen hat der Senat jetzt deshalb beschlossen, der Deutschen Fußball Liga (DFL) künftig Zusatzkosten bei Risikospielen in Rechnung zu stellen. Der DFB entzog Bremen daraufhin pathetisch das Nullrisikoländerspiel gegen Gibraltar, das weniger Einwohner hat als Hamburg-Eidelstedt und höchstens einen Hooligan. Den einen geht es ums Geld, den anderen ums Prinzip.

Je nachdem, wer die Statistik frisiert, kostet der Einsatz der Polizei pro Saison zwischen 20 und 100 Millionen Euro, um rivalisierende Fangruppen oder einfach nur Schläger auseinanderzuhalten. Das ist meistens bei Derbys nötig, Werder gegen den HSV, Köln gegen Gladbach, Schalke gegen Dortmund. Wenn es kracht, dann in der Regel vor oder nach dem Spiel. Die Stadien selbst sind sicherer geworden, die Fangruppen werden dort streng voneinander getrennt. Die schlimmsten Schläger kommen gar nicht erst rein.

Wer seinen Logenplatz in anthropologischer Absicht verlässt, wird schnell feststellen, dass die Gattung des gemeinen Fans in verschiedenen Arten auftritt. Die größte davon, der Stino-Fan, ist leidenschaftlich und leidensfähig, zuweilen verbal aggressiv, aber harmlos. Es gibt den Kuttenträger, der wüst aussieht, dessen ärgster Feind jedoch die eigene Leber und der Rheumatismus sind. Der Ultra ist jung, bemalt in seinem Kinderzimmer Bettlaken für die "Choreo", schmuggelt in der Unterhose Rauchbomben auf die Tribüne und schlägt nur, wenn man ihn reizt. Richtig gefährlich aber ist nur der Hooligan, auch für sich selbst. Fußball ist ihm im Grunde egal, sein Sport ist Hauen, Kollateralschäden nimmt er gern in Kauf.

Zum harten Kern der Hooligans zählen, verteilt über drei Ligen, ein paar Tausend Leute, Kraftsportler, ein paar Rechtsradikale, Bürokaufleute, Kleinkriminelle, Studenten. Man kennt sich, man verabredet sich, man schlägt sich, auf einem Platz in der Stadt, in der Straßenbahn, an einer Raststätte. Hooligans ordnen sich Vereinen zu, wobei deren Größe, Erfolg oder Misserfolg keine Rolle spielen, es zählt nur die eigene Performance.

Zwischen Ultras und Hooligans verläuft eine Linie, für den Logenbewohner oft nicht sichtbar, aber klar erkennbar für die Betreuer von Fanprojekten und mit der Szene vertrauten Beamten. Die wichtigste Aufgabe der Fanbetreuer ist es, eine Mutation der Ultras zu verhindern. Denn sie können das – sie genießen die nötige Anerkennung dieser Gruppen und können einzelne Schläger isolieren. Die Polizei kann das nicht. Zu viele Polizisten und überharte Strafen machen Ultras aggressiv, sie solidarisieren sich dann und werden zu Hooltras. Ultras brauchen Raum für ihren Auftritt, dann akzeptieren sie auch Grenzen und Regeln. Bei den Hooligans ist es genau andersherum: Wenn sie Raum haben, schlagen sie zu. Fanbetreuer und Ordner verspeisen sie wie Eier zum Frühstück, Respekt haben sie nur vor der Polizei. Zu wenig Polizei ist für sie das Zeichen zum Angriff. Die wichtigste Aufgabe der Polizei ist es, Hooligans keinen Raum zu geben.

Die DFL und die Innenminister von Bund und Ländern haben vor vier Jahren, beraten von Fanprojekten und szenekundigen Polizisten, einen "Zehn-Punkte-Plan" für mehr Sicherheit beim Fußball beschlossen. Beide Seiten sehen sich auf einem guten Weg. Angesichts dessen wirkt der neu aufgeflammte Streit über die Einsatzkosten der Polizei wie ein lästiger Bengalo. Am besten, sie treten ihn schnell wieder aus. Ob "die Unterhaltungsdienstleistung Fußballspiel" ein öffentliches Gut ist oder "ob hierbei externe Effekte auftreten", wie eifrige Juristen jetzt diskutieren, oder ob der Bremer Senat sich nur "eine Blankovollmacht zur Sanierung des Haushalts auf Kosten der Bundesliga" ausstellen will, wie der DFL-Geschäftsführer meint, interessiert den Hooligan ebenso wenig wie den Polizisten, der den Helm hinhalten muss. Die Liga, 2,2 Milliarden Umsatz im Jahr, operativer Gewinn 384 Millionen, kann sich einen Sicherheitsbeitrag leisten. Es kommt nicht darauf an, wer die Polizei bezahlt, sondern darauf, wie sie eingesetzt wird – und gegen wen. Die Kostenfrage sollen sie mal schön in den Logen unter sich ausmachen. Am besten wie früher Pokalspiele vor der Einführung des Elfmeterschießens: per Münzwurf.

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