Selbst die Krankheit, von der Karen Köhler erwischt wurde, und der Zeitpunkt, zu dem es sie erwischte, wirken irgendwie eigensinnig. Windpocken! Ausgerechnet zu Beginn des Wettbewerbs um den Bachmann-Preis in Klagenfurt!

Die vierzigjährige, in Hamburg als Schauspielerin, Illustratorin und Theaterautorin lebende Karen Köhler war in diesem Jahr eingeladen, in Klagenfurt zu lesen und bekam also kurz vorher die Windpocken. Bei Kindern sind sie unangenehm und nicht allzu ungewöhnlich, bei Erwachsenen eher selten, dafür besonders grässlich, höchst ansteckend sowieso. Karen Köhler las nicht. Sie blieb zu Hause, und der deutschsprachige Literaturbetrieb blieb von Juckreizattacken verschont. Ihr Name wurde dennoch so bekannt, als hätte sie einen Preis gewonnen. Karen Köhler ging in die Geschichte des Wettbewerbs als erste Kandidatin ein, die ihre Teilnahme aus Krankheitsgründen kurzfristig absagen musste.

Nun erscheint ihr Debüt, der aus neun Erzählungen bestehende Band Wir haben Raketen geangelt, und es lässt sich schwer entscheiden, wer hier mehr verpasst hat: der Wettbewerb oder die Debütantin, die, wenn man sich die Zielsetzung literarischer Projekte als Bergbesteigung vorstellt, gleich oberhalb der Baumgrenze ansetzt. Dort, wo erzähltechnische Virtuosität, existenzielle Themen und fetziger Sound sich auf erstaunliche Weise mischen. Wo im Rücken des Realismus jenes leichte Flirren der Transzendenz entsteht. Wo Dinge ein raffiniertes Symbolnetz knüpfen. Wo Geschichten sich keineswegs immer linear voranbewegen, sondern gerne sprunghaft oder konzentrisch. Wo, anders gesagt, Fehltritte auch schnell mit Abstürzen ins Kunstgewerbliche bestraft werden können.

Ein paar Mal kommt Karen Köhler tatsächlich leicht ins Rutschen. Ab und zu ist sie eine Spur zu angetan von der Wendung des Schrecklichen, über das sie einiges zu sagen hat, ins Rettende. Ab und zu schleppen die Zeichen ein bisschen viel Bedeutung mit. Aber das alles vollzieht sich auf einem Niveau, von dem aus die Wagenladungen brav dahererzählter Familien-, Großeltern- und Eheromane, die auch in dieser Saison wieder auf den Buchmarkt gekippt werden, doch ziemlich blass aussehen. Denn was dieses Debüt besitzt und was es so sympathisch macht, das sind vor allem zwei Eigenschaften: echtes Temperament und künstlerische Autonomie. Diese Debütantin schmiegt sich nicht in bewährte Muster. Sie strickt an unverkennbar eigenen. Schon äußerlich unterscheiden sich die Geschichten stark voneinander. Die Titelerzählung Wir haben Raketen geangelt beispielsweise (bei den Raketen handelt es sich um Silvesterkracher) ist aus 31 durchnummerierten Kürzestkapiteln komponiert, aus Erinnerungsszenen, Telefondialogen, Listen von Musikstücken, die sich erst nach und nach als Teile eines Nekrologs auf den Freund der Icherzählerin erkennen lassen, der sich mit Tabletten umgebracht hat. Polarkreis, so der Titel einer anderen Erzählung, besteht nur aus zwei Briefen und siebzehn Postkarten. Die erste kommt aus München, die letzte von der sizilianischen Insel Stromboli. Dazwischen liegt die Italienreise einer Liebesausreißerin, die sich mit dem Kalauer "Bin Zigaretten holen" abgemeldet hat. Der Empfänger der Botschaften bleibt stumm und ist doch anwesend, sehnsüchtig den Satz auf der letzten Postkarte erwartend: "Komm her. Und bring den Ring mit." Die Gattung des romantischen Briefromans tritt hier im zeitgenössischen Mitteilungsgestus minimalistischer Schnittigkeit auf.

Dass zwischen der zwölften und der dreizehnten Postkarte der Rucksack der Reisenden geklaut wird, ist alles andere als Zufall. Es kommt ziemlich viel Gepäck abhanden in diesem Buch. Und ziemlich oft erweist sich der radikale Verlust von Sicherheiten als kathartischer Tiefpunkt, ab dem es wieder aufwärtsgeht. In Cowboy und Indianer strandet eine Frau im Death Valley. Mehr am Ende kann man kaum sein. Dehydriert, verbrannt von der Sonnenglut, hockt sie neben einer Tankstelle. Ihr Rucksack mit Geld, Papieren, Wasserflasche: geklaut. Sie hält den Indianer, der sich plötzlich wie eine Lichtgestalt über sie beugt, im ersten Moment für eine Halluzination aus den Tiefen ihres Kindheitsgedächtnisses. Aber der Indianer ist echt und erweist sich als idealer Gefährte für eine moderne Wildwestgeschichte in Road-Novel-Form samt Kasinobesuch in Las Vegas und blutiger Schlägerei. Sie lassen nicht nur oft Gepäck hinter sich, die Figuren Karen Köhlers, sie sind auch Spezialisten für Befreiungsschläge und für den Eigensinn, den es braucht, um sie durchzuführen. Bis zum Anschlag satt hat die Icherzählerin in Starcode Red ihre Arbeit als Touristenbespaßerin auf einem Kreuzfahrtschiff. Auf den Lofoten steigt sie aus, und zwar buchstäblich. Sie verlässt das Schiff mit Pass, Handy, zwanzig Euro und Kreditkarte. Das reicht. Lieber ohne Koffer und Klamotten auf den Lofoten als einen Tag länger in der All-inclusive-Hölle.